Auch ein kleines Vergnügen: unterwegs, im Buchladen einer fremden Stadt, ein wenig in der Ecke zu wühlen, wo Heimatkundliches sich stapelt, Chroniken, Bildbände, einst und jetzt. Wehmütigen Gedenkens die alten Silhouetten zu betrachten, verbrannt in den Bombennächten, zerstört von den tabularasenden Wiederaufbauern der fünfziger, den fanatischen Autolamisten der sechziger und siebziger Jahre. Und den "Investoren" heute. Was wieder einmal die Frage aufwirft, wo eigentlich dieses Theaterstück bleibt, diese Komödie, "Der Investor", in der Fortsetzung von Kotzebue und Gogol. Braucht ja wirklich nur ein bißchen weitergeschrieben zu werden ... Wie das sich bückt, all die Oberbürgermeister (ganz Ober statt Bürger), und mit der güldenen Amtskette schlenkert und stiefelleckt und stets zu Diensten, der Herr.

Verschwunden mit den alten Quartieren, dem Biotop der krummen Gassen, der Fachwerkbuden, Hinterhäuser, dunklen Höfe ist zugleich ein ganz besonderer Schlag Mensch, so scheint es: das sogenannte stadtbekannte Original. Auch dazu findet sich oft etwas in den Heimat-Winkeln, hat die örtliche Geschichtswerkstatt oder ein rühriger Privathamster allerlei zusammengetragen, manch Hörensagen und vielleicht sogar noch ein paar verwischte Photos. Der rote Wilhelm, der schwatte Jakob, Krischan Rübe, die Tauben-Tante, die alle gab es doch einmal, so zwischen Kaiserreich und Naziwahn ...

In Braunschweig zum Beispiel ist Günter K. P. Starke ihren Lebensspuren nachgegangen ("Mensch, sei helle ...", Johann Heinrich Meyer Verlag), dem Schicksal der Harfen-Agnes und des Rechen-August und des Deutschen Hermann in seinem wahn-witzigen Ordenspanzer. Oder dem Treiben des Tee-Onkels Alfred Kühner, von dem man eigentlich schon gar nicht mehr weiß, wie er zu seinem Namen gekommen ist, nur daß er als eine Art ambulanter Drogist durch die Straßen zog, dabei jedoch in seiner Stube mehr Krimskrams hortete, als er je verkaufte. Einmal im Jahr unterzog ihn sein wohlmeinender Hauswirt einer Generalreinigung: Dann wurde er, erinnerte sich eine Zeugin, "so wie ihn der Herrgott geschaffen, im Hof auf eine Kiste gestellt, eingeseift und abgespritzt". Alle haben sie ihn geliebt.

Aber ob verehrt oder verlacht, sie waren halt wunderlich, ein bißchen seltsam, aus der Bahn geworfen, in jedem Fall Menschen mit Ticks und Marotten, doch zu arm, um sie sich leisten zu können. Halb Maskottchen der Stadtgesellschaft, wie in Braunschweig die Harfen-Agnes, die auch schon mal zu bürgerlichem Abendmahle aufspielen durfte, halb Asoziale, unwirsch geduldet. Rare Käuze, bunte Hunde, arme Schweine. Fliegende Händler zumeist und verkrachte Handwerker, Eigenbrötler, Eckensteher, leise renitent, aber nicht auffällig, und wenn doch, dann waren Obrigkeit und Regime schnell zur Stelle, und es wurde therapiert oder gleich euthanisiert.

Verschwundene Gestalten, oft nur noch Phantome oder Schatten im Stadtgedächtnis. Paul Philippsen ist "Flensburger Originalen" nachgegangen (Kleine Reihe der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte, Heft 5): Hein Padburg, Wilhelm Radies, Jes Hoppkrabb. Oder Johann Dauerwurst, der gerne allen laut aus der Zeitung vortrug, obwohl er weder lesen noch schreiben konnte. Auch hier wieder: Höker, Dienstmänner, Hundefänger, Straßenmusikanten ... Einige geistern nur noch als Namen durch die Erzählungen wie der Jydske oder Tyske, der angeblich eine Kanone erfunden hatte, die um die Ecke schießt. Auch wurde ihm nachgesagt, daß "er ein Trinker gewesen sei und sehr verkommen. Dann wieder, daß er sehr zuverlässig und hilfsbereit war. Dann noch, daß er arm in einer Gartenbude gehaust, man nach seinem Tode aber viel Geld bei ihm gefunden habe." Nun denn. Philippsen schließt seine Recherche mit den denkwürdigen Zeilen: "So weit - so gut; wir wissen nicht, wer der richtige Tyske oder Jydske war (vielleicht gab es noch eine dritte dafür in Frage kommende Person?), und wollen uns damit begnügen zu wissen, daß es ihn überhaupt gab."

Und wollen uns damit begnügen zu wissen, daß es ihn überhaupt gab. Was wäre dem noch hinzuzufügen? Doch, ja, eins noch, Eichendorff: Und mich schauert's im Herzensgrunde.