Als 15jähriges Landkind wurde sie die Braut des begehrtesten Junggesellen ihrer Zeit, des damals noch recht ansehnlichen 23jährigen Kaisers Franz Joseph: Kaiserin Elisabeth von Österreich, Königin von Ungarn, genannt Sisi, geboren 1837 in München, ermordet 1898 in Genf.Daß bei der Vorgeschichte der Verlobung auch noch ihre ältere Schwester mitspielte - wie Sarah Spencer bei ihrer Schwester Diana -, sei nur kurz gestreift.Jedenfalls erfüllte die Kleine die Voraussetzungen für ihre Hauptaufgab e, den zukünftigen Kaiser zu gebären.Sie kam aus gutem Haus, war gesund, blutjung, leidlich hübsch, höchst schüchtern und natürlich Jungfrau.Ihre Erziehung sollte am Wiener Hof nachgeholt werden.Denn ihre Schwiegermutter, die eigentliche Kaiserin, war gleichzeitig ihre Tante, Erzherzogin Sophie. Die Mutter entschied die Lebensfrage für die kleine Sisi knapp: "Einem Kaiser gibt man keinen Korb."Die Angst des Mädchens vor der künftigen Stellung gipfelte dagegen in dem zaghaften Satz über den Bräutigam: "Ich habe ihn ja sehr lieb.Wenn er nur ein Schneider wäre!" Im Rückblick auf diese Ischler Verlobungstage meinte Elisabeth später, fern aller Romantik der späteren Sissi-Filme: "Die Ehe ist eine widersinnige Einrichtung.Als 15jähriges Kind wird man verkauft und tut einen Schwur, den man nicht versteht und dann 30 Jahre oder länger bereut und nicht mehr lösen kann." Als die Sechzehnjährige im April 1854 in einem von acht Lipizzanern gezogenen Prunkwagen ihren Einzug in Wien hielt, sahen die neuen Untertanen, die aus allen Provinzen zusammengeströmt waren, voll Staunen ein verängstigtes Kind, das in Tränen aufgelöst war.Nie vorher war Sisi in Wien gewesen, der Haupt- und Residenzstadt eines riesigen Vielvölkerstaates.In den Flitterwochen hatte der Ehemann, damals noch neoabsoluter Herrscher, keine Zeit für Tändeleien, da die Verwicklungen des Kri mkrieges ihm alle Hände voll zu tun gaben.Er ließ seine junge Frau tagsüber allein mit dem ihr noch wildfremden Hofstaat und der Schwiegermutter, die mit der Erziehung begann.Vierzehn Tage nach der Trauung dichtete die heimwehkranke, einsame Ka iserin: "Ich bin erwacht in einem Kerker, Und Fesseln sind an meiner Hand. Und meine Sehnsucht immer stärker - Und Freiheit!Du, mir abgewandt!" Wien und das höfische Leben blieben Sisi verhaßt, um so mehr, als die Damen der Aristokratie voll Hochmut auf die ungelenke, kontaktscheue junge Kaiserin herabsahen, die bald als hübsches Dummerl galt.Aus dem einst lebensfrohen, natürlichen und herzlichen Mädchen wurde in kurzer Zeit eine gehemmte, stille, schwermütige junge Frau, die ihrem Mann ergeben war und ihre Pflichten mehr schlecht als recht erfüllte. Aber immerhin gebar sie dem Haus Habsburg gesunde Kinder.Wegen der Unerfahrenheit der jungen Mutter nahm Erzherzogin Sophie auch die Verantwortung für die Erziehung der Kaiserkinder Gisela und Rudolf in ihre Hand.Sisi kämpfte eine Weile um ihre Kinder, gab dann aber entnervt auf. Mehr denn je bekam sie, die Kaiserin, zu spüren, daß sie eine Fremde in der Habsburgerfamilie war. Bald schon stellten sich alle möglichen Krankheiten ein: Angstanfälle, Schwermut, Blutarmut, nervöser Husten.Widerwille gegen jede Nahrung.Die ohnehin zarte junge Frau, die anfangs noch wuchs, magerte zum Skelett ab. Aber sie liebte weiterhin ihren Mann - was immer man darunter versteht, um mit Prinz Charles zu sprechen.Franz-Joseph war jedenfalls der einzige Mensch am Hof, dem sie sich verbunden fühlte. Als ihr der Hoftratsch nach fünf Ehejahren zuflüsterte, ihr Mann gehe fremd, sah sie sich nun völlig im Stich gelassen.In Panik flüchtete sie aus Wien an den Ort, von dem man sie fünf Jahre energisch ferngehalten hatte: zu ihren Eltern und Geschwistern nach Bayern, nach Possenhofen, dem Sommersitz der Herzogsfamilie am Starnberger See.Der Skandal am Hof war ungeheuerlich, wurde aber in der Öffentlichkeit vertuscht. Erst nach langem Zureden willigte sie ein, nach Wien zurückzukehren - und wurde dort sofort wieder krank mit deutlichen Symptomen einer schweren anorexia nervosa, also Magersucht.Die Ärzte vermuteten Lungenschwindsucht. Aber statt still zu sterben, zeigte die 21jährige völlig unerwartet eine verbissene Energie: Sie weigerte sich, weiter am Hofe zu bleiben, und wollte sofort ganz weit weg: auf die Atlantikinsel Madeira.Sie stellte sogar Forderungen, nur bestimmte Personen in ihrer Begleitung zu dulden.Weil akute Lebensgefahr bestand, willigten die Ärzte ein.Die zurückbleibenden Kinder Gisela und Rudolf waren vier und zwei Jahre alt. Schon auf der Überfahrt hatte die Schwerkranke kräftigen Appetit und trank Bier.Einschließlich des Leibarztes wurden alle seekrank, nur sie nicht.In der Einsamkeit der fernen Insel erholte sie sich in den nächsten Monaten, wurde aber nach der Rückkehr in Wien sofort wieder krank, konnte sich nicht mehr aufrecht halten, mußte getragen werden.Die Ärzte gaben ihr nur noch sechs Wochen zu leben, befürworteten aber einen neuerlichen Aufenthalt in wärmerem Klima. Als sie nach praktisch zweijähriger Abwesenheit nach Wien zurückkehrte, war die nun 24jährige für jeden erkennbar eine andere Frau: energisch, fordernd, mit geradezu unbändigem Selbstbewußtsein.Vor allem war sie eine voll erblühte, außerordentliche Schönheit.Und: Franz Joseph wurde nun ihr glühendster, demütig ergebener Verehrer.Sisi wußte, daß ihre Schönheit ihr Macht über ihren nicht mehr geliebten Mann gab.Sie nützte diese Macht von nun an sehr kühl und energisch für ihre Zwecke aus.Erzherz ogin Sophie verlor an Einfluß. Diplomaten und Journalisten trugen den Ruf dieser aus langer Krankheit erwachten Märchenkaiserin ins Ausland.Sisi wurde zur Weltsensation, angestaunt von fremden Potentaten, verfolgt von Schaulustigen und Reportern, wo auch immer sie in der Öffentlichkeit erschien, ob beim Reiten im Prater oder bei der Fronleichnamsprozession, liefen die Leute in Massen zusammen, um sie zu bestaunen und möglichst zu berühren. So kam plötzlich Glanz an den allzu altmodischen, strengen Kaiserhof. 1864 holte Franz Joseph den berühmtesten und teuersten Portraitisten, Franz Xaver Winterhalter, nach Wien für drei große Gemälde der 26jährigen Kaiserin, eines in großer Ballrobe - weißes dekolletiertes Musselinkleid mit Krinoline, in der halb aufgesteckten Haarpracht Diamantensterne - und zwei weitere - im Negligé, mit aufgelösten Haaren - für die kaiserlichen Privatgemächer.Diese Portraits, vor allem jenes mit den Diamantens ternen, prägen bis heute das Sisi-Bild. Aber die "schönste Monarchin der Welt" war nicht bereit, sich als Schauspielerin, wie sie es nannte, zur Verfügung zu stellen, sich also auf eine habsburgische Repräsentationsfigur reduzieren zu lassen.Das Bad in der Menge, der schwärmerische Taumel von Menschenmassen waren ihr zuwider: "Es gibt nämlich nichts Lächerlicheres als die menschlichen Begeisterungen. Gerade die Begeisterten sind die unerträglichsten Leute." Sie wollte mehr: sich endlich als Person und nicht nur als Kaiserin profilieren - und das auf dem Gebiet der Politik.Im Gegensatz zu den Höflingen hatte sie ihr Ohr beim Volk, wenn auch nur über bürgerliche und intellektuelle Mittelsmänner, die sie nun um sich scharte.Sie las oppositionelle und verbotene Schriften und erfuhr, wie unbeliebt "draußen" die neoabsolutistische Herrschaft war.Immer selbstbewußter stellte sich Sisi gegen die antidemokratische Politik ihres Mannes und ihrer Schwiegerm utter und machte sich damit zur Hoffnung der Liberalen auf bessere Zeiten. Sie setzte kräftige Zeichen: So stellte sie Rudolfs Erziehung abrupt um und ließ statt der bisher üblichen geistlichen und aristokratischen Lehrer Bürgerliche an den Hof kommen, die besten verfügbaren Fachleute, die den Kronprinzen nach modernen Methoden und für eine neue Zeit erziehen sollten. Tatsächlich wurde Kronprinz Rudolf, der viel von seiner Mutter geerbt hatte, zu einem begeisterten Liberalen - und ebenfalls zu einem Fremdkörper am Wiener Hof.Zum ohnmächtigen Zorn Sophies zeigte Sisi nun eine Vorliebe ausgerechnet für die Ungarn, die am Hof wegen ihres Aufstandes im Jahr 1848 immer noch als Revolutionäre galten.Das einst so verspottete Dummerl machte Ernst und begann verbissen und erfolgreich, Ungarisch zu lernen, umgab sich mit ungarischen Hofdamen, korrespondierte mit oppo sitionellen ungarischen Intellektuellen.Sie identifizierte sich mit den Freiheitsdürstigen und Unterdrückten - und machte gegen die verhaßte "Kamarilla" Opposition. Ein Jahr nach der Katastrophe von Königgrätz, die die desolate Politik des Kaiserreiches offenbarte, erreichte Elisabeth 1867 nach jahrelangem Ringen die Versöhnung des Kaisers mit den ehemaligen ungarischen Revolutionären. Franz Joseph garantierte die alten ungarischen Rechte: "Österreich-Ungarn" entstand.Die Macht des Kaisers wurde beschränkt, liberale Gesetze wurden erlassen.Eine neue Ära begann. Die Königskrönung in Budapest war der Höhepunkt von Sisis Leben.Zehn Monate später kam in Budapest ihr viertes und jüngstes Kind zur Welt, Marie Valerie, die zur Ungarin erzogen wurde.In Ungarn wurde Erszébet schon 1867 zur schwärmerisch verehrten Kultfigur und blieb dies über die kommunistische Zeit bis heute. Der ungarische Triumph brachte den Wiener Hof erst recht in Aufruhr gegen die Kaiserin.Sie strafte ihre Feinde nun damit, daß sie kaum noch in Wien erschien und sich häufig weigerte, bei offiziellen Ereignissen als Kaiserin aufzutreten, das heißt ihren Dienst für die Monarchie zu tun.Auf weitere politische Kämpfe ließ sie sich nicht mehr ein.Sie begann zu provozieren und tat nur noch das, was ihr Spaß machte, vor allem reisen und reiten.Der Kaiser war machtlos. Als Elisabeth 36 Jahre alt war, also in dem Alter, in dem Diana ihr Leben beendete und zum Mythos wurde, hatte sie noch 24 Jahre vor sich, stets auf der Suche nach einem Weg, sich als Person und nicht als Kaiserin einen Namen in der Geschichte zu machen.Es wurde ein höchst mühevoller Weg mit wechselhaften Zielen.Ihr neuer Ehrgeiz: Sie wollte die beste Reiterin der Welt werden.Als Dressurreiterin trainierte sie täglich viele Stunden mit Zirkusreiterinnen in ihrem ungarischen Schloß Gödöllö und übte so lange, bis es ihr gelang, mit ihrem Pferd durch zwei Reifen zu springen.Dann verlegte sie sich auf die Reitjagden und reiste dazu jährlich für einige Wochen nach England und Irland.Dort wurde sie als "Kaiserin hinter der Meute" mit off enen Armen empfangen, vor allem vom ungekrönten König von Northamptonshire und ehemaligen Vizekönig von Irland, dem fünften Earl of Spencer, wegen seines roten Bartes "der rote Earl" genannt, und dessen berühmt liebenswürdiger hübscher Ehefrau, "S pencer's Fairy Queen".Sisi bezog ein Jagdhaus nahe Althorp, dem prächtigen Herrensitz der Familie Spencer, und freundete sich mit Dianas Vorfahren an, lud die beiden 1878 in die kaiserliche Sommerfrische nach Ischl ein, wo sie sie auch dem Kaiser vorstellte.Die Spencers nahmen auch an den Reitjagden in Gödöllö teil. Durch Sport - neben Reiten auch Fechten, Bergwandern und Gymnastik - und fortwährendes Hungern erhielt Sisi ihre hohe schmale Figur und ihren anmutigen Gang.Sie hatte bei einer Größe von 1,72 Metern nicht mehr als 48 Kilogramm Gewicht und ein Taillenmaß um 45 cm.Aber in diesen Jahren wurde trotz aufwendiger Schönheitspflege ihre Haut trocken und faltig. Und nun bereitete Sisi sehr bewußt ihren Mythos in der Geschichte vor: Besorgt um ihr Image als schönste Monarchin der Welt, verweigerte sie sich jedem Bild, ob von Photographen oder Malern.Niemand sollte ihr Altersgesicht sehen.Sie wollte als junge, schöne Frau in die Geschichte eingehen. Das bedeutete den völligen Rückzug aus dem öffentlichen Leben.Wenn sich offizielle Veranstaltungen gar nicht umgehen ließen, verschleierte sie ihr Gesicht oder versteckte es hinter einem großen Schirm.Das Volk kannte das Gesicht der Kaiserin nicht mehr und sah immer nur das schöne Winterhalter-Bild mit den Diamantensternen.Sisis Leben und ihr Mythos entwickelten sich in verschiedene Richtungen.Und Elisabeth erkämpfte sich damit persönlichen Freiraum. Als Rheuma und Gicht auch die Reitjagden unmöglich machten, konzentrierte sie sich auf Griechenland.Sie lernte Neugriechisch und wandelte jahrelang auf den Spuren des Odysseus - und der Ausgrabungen Schliemanns - durch Griechenland.Auf Korfu baute sie sich ein Schloß, das sie ihrem antiken Lieblingshelden Achill widmete, das Achilleion, und schirmte es hermetisch gegen Schaulustige ab.Doch auch hier wurde sie nicht seßhaft. In ihrem Bestreben, der Nachwelt ein bestimmtes Bild von sich zu hinterlassen, begann sie in der Nachfolge ihres verehrten Meisters Heinrich Heine zu dichten.Sie dichtete aber nicht für den Tagesruhm, denn das Verständnis der Zeitgenossen interessierte sie nicht.Sie schrieb ihre Gedichte ausschließlich für die Nachwelt, die "Zukunftsseelen".Sie sollten wissen, daß sie im Herzen Republikanerin gewesen sei und die Staatsform der Monarchie und die Familie Habsburg verachtet ha tte: "Ihr lieben Völker im weiten Reich, So ganz im geheimen bewundre ich euch: Da nährt ihr mit eurem Schweisse und Blut Gutmütig diese verkommene Brut!" Elisabeth nahm Rache, legte Schwächen bloß, machte ihre Feinde lächerlich, wie sie im "Klingellied" offenbarte: "Ich aber web euch Kappen Und näh euch Schellen dran Als Narren geht ihr dann herum. Man schaut sich lachend nach euch um Und seid ihr längst begraben, Sie klingeln selbst noch dann." Die "Zukunftsseelen" sollten erfahren, was Elisabeth am Hof erlitten hatte, sollten Verständnis haben, ihr Absolution vor der Geschichte erteilen.Sie tat damit mit unzureichenden Mitteln genau das, was Diana viel später vor Millionen von Fernsehern mit ungeheurer Perfektion tat. Im Schock über den skandalträchtigen Selbstmord ihres Sohnes Rudolf mit seiner Geliebten Mary Vetsera 1889 in Mayerling, gab Elisabeth das Dichten auf.Aber sie organisierte mit viel Mühe die Sicherung der Manuskripte, die sie in die Hände einer Republik, der Schweiz, gab mit der Auflage, sie 1950 zu veröffentlichen und den Erlös "Kindern politisch Verfolgter" zu überlassen - wohl in der irrigen Meinung, daß sie ein Bestseller würden. In den verbleibenden neun Jahren irrte sie durch Europa, unter einem Pseudonym, stets schwarz gekleidet und meist nur von einer Hofdame und einem Diener begleitet.Da man ihr Altersgesicht nicht kannte, wurde sie auf den Straßen der Großstädte kaum erkannt - und wenn doch, dann floh sie in Panik. Sie ersehnte den Tod, spekulierte mit Selbstmord, schaffte ihn aber nicht. Die Feile des Attentäters traf eine müde sechzigjährige Frau. Erst dieser plötzliche, gewaltsame Tod brachte sie wieder in die Öffentlichkeit.Die Dichter priesen nun ihre Schönheit, Anmut und Empfindsamkeit.Der Mythos der schönen, unglücklichen Sisi begann, illustriert von prächtigen Bildern aus ihrer besten Zeit. Brigitte Hamann, Autorin der Sissi-Biographie "Elisabeth, Kaiserin wider Willen", lebt als Historikerin in Wien