Armin Klümper habe "sehr viele Sportler behandelt, viele geheilt und eine Reihe von ihnen gedopt", schrieb die ehemalige Diskuswerferin und Kugelstoßerin Brigitte Berendonk 1991 in ihrem Buch "Doping Dokumente". Der Satz ist aktueller denn je. Sportmediziner Klümper bringt seine Anhänger, darunter Olympiasieger und Fußballprofis, erneut in Verlegenheit. Der Chef der Sporttraumatologischen Spezialambulanz in Freiburg soll der Hürdensprinterin Birgit Hamann ohne deren Wissen verbotene Wachstumshormone verabreicht haben. Seit vergangener Woche ermittelt die Staatsanwaltschaft Freiburg gegen den 62 Jahre alten Arzt wegen des Verdachts des Betrugs und der Körperverletzung.

Wie bei Dopingaffären üblich, begleiten auch diesen Fall Vorwürfe, Ehrenerklärungen und Ausflüchte. Er wirft ein Licht auf die mitunter zweifelhafte Rolle der Medizin im Sport. Für Rekorde, Tore und Medaillen arbeiten Athleten und Ärzte enger zusammen denn je. "Der Druck auf Athleten, Trainer und Ärzte ist enorm gestiegen, weil es im Sport inzwischen um enorm viel Geld geht", sagt Ulf Dikof, leitender Physiotherapeut des Olympia-Stützpunktes Hamburg-Kiel, über die Grauzone zwischen sportlichem Ehrgeiz und ärztlicher Verantwortung. "Manchmal stimmen die Beteiligten Dingen zu, die nicht in Ordnung sind."

In solchen Grenzsituationen gehe es keinesfalls immer um Doping, sagt Dikof und nennt als Beispiel eine deutsche Schwimmerin: Aufgrund einer Schulterverletzung hätte man sie vor den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona eigentlich aus dem Training nehmen müssen das Team ließ sie mit einem (legalen) Schmerzmittel ins Becken. In anderen Fällen dulden Ärzte, daß sich Schwimmer trotz gerissener Bänder, die von Tape zusammengehalten werden, durchs Wasser kämpfen. Ist so etwas noch mit dem Eid der Mediziner vereinbar?

In der aktuellen Affäre um Klümper geht es um fünf Injektionen, die er der heute 27 Jahre alten Sprinterin Hamann von 1994 bis 1996 verabreicht hat.

Laut Patientenkartei enthielten die Spritzen das Präparat Genotropin. Mit dem auf der Dopingliste stehenden Wachstumshormon behandeln Ärzte üblicherweise Kinder, die an einer bestimmten Form des Kleinwuchses leiden. Während der Olympischen Sommerspiele in Atlanta hatte Karlheinz Graff, heute leitender Arzt im Deutschen Leichtathletik-Verband, Klümpers handschriftlichen Hinweis auf die verbotene Substanz in der Patientenkartei der Sprinterin entdeckt.

Obendrein war auf der Karte eine ebenfalls unerlaubte Injektion der entzündungshemmenden Substanz Delphimix dokumentiert. "Wäre die Athletin für die Dopingkontrolle ausgelost worden und hätte sie dort die Karte vorlegt", sagt jetzt Karlheinz Graff, "wäre das Doping gewesen. Eine Katastrophe."

Er nahm der Athletin die Kartei weg, Birgit Hamann ging an den Start. Anstatt den Fall dem Internationalen Olympischen Komitee zu melden, vereinbarten Athletin und Arzt Stillschweigen. Er habe ihr den Olympia-Einsatz nicht verbauen wollen, erklärt Graff heute. Die Sportlerin habe versichert, nichts von diesen Behandlungen gewußt zu haben. Inzwischen hat sie eine entsprechende eidesstattliche Erklärung abgegeben. Monate nach den Spielen, im November 1996, bat Graff den Kollegen Klümper in einem Brief um Aufklärung, "für die Glaubwürdigkeit in die Sportmedizin". Der Antwortbrief kam Mitte Dezember. Das verbotene Delphimix sei "von unserem jüngsten Assistenten" verabreicht worden, der "sicher über die Einzelheiten der Dopingbestimmungen nicht informiert war", versuchte Institutsleiter Klümper die Verantwortung auf einen jungen Mitarbeiter abzuwälzen.