Leuna fiebert seinem großen Tag entgegen. Auf Europas größter Industriebaustelle laufen die letzten Vorbereitungen für das Anfahren der Großraffinerie Leuna 2000. In wenigen Wochen soll dann der Bundeskanzler persönlich das obligatorische Band durchschneiden, und er wird dabei mit Sicherheit die deutsch-französische Kooperation rühmen. Denn Leuna ist das mit Abstand stärkste Engagement eines französischen Unternehmens im deutschen Osten - aber auch das umstrittenste.

Die Geschichte von Leuna 2000 ist ein Lehrstück über eine ganz spezielle Variante der Rettung ostdeutscher Industrieruinen: das politisch gelenkte Geschäft. Eine der größten Privatisierungen nach der Wende geriet unter den Pressionen aus Bonn und Paris zum undurchsichtigen Kuhhandel, buchstäblich ohne Rücksicht auf Verluste.

Zum Verkauf stand das frühere Kombinat Leuna-Werke Walter Ulbricht, mit 27 000 Beschäftigten größtes Chemie-Kombinat der DDR - aber keines zum Vorzeigen. Die Anlagen waren marode, die Umweltschäden gigantisch. Aus gutem Grund setzte die letzte DDR-Regierung Leuna auf die Liste der nicht sanierungsfähigen Betriebe. Im Januar 1992, als die Treuhand den Verkauf in Angriff nahm, machte die Leuna AG angeblich über eine Million Mark Verlust am Tag.

Den Treuhändlern dämmerte schnell: Ein Käufer wird die bittere Pille nur schlucken, wenn sie versüßt wird, und zwar mit dem ehemaligen VEB Kombinat Minol. Es hatte fast 10 000 Mitarbeiter und, vor allem, das Tankstellenmonopol für ganz Ostdeutschland. Die große Zeit für Minol schlug in den Tagen nach der Maueröffnung. Bereits ein halbes Jahr nach der Wende gründete Minol mit DEA und Aral Firmen zur Nutzung von Tankstellen. Im Juni 1990 wurde die MINOL Mineralölhandel AG neu gegründet. Sie verpaßte sich ein modernes Image auf der Basis der Farbe Lila, machte Gewinne, wollte selbständig werden.

Doch die Treuhand spielte nicht mit. Ohne Wissen der Minol-Direktion legte sie das profitable Netz von über tausend Tankstellen als Köder für den Käufer von Leuna aus. Am 23. Juli 1992 ging Leuna zusammen mit Minol an das Konsortium von Elf Aquitaine und Thyssen Handelsunion - an den Meistbietenden, wie heute noch versichert wird. Die Interessen der Konsorten waren klar: Thyssen wollte die große Raffinerie bauen, Elf vor allem die Minol-Tankstellen übernehmen, um so seinen deutschen Marktanteil von mageren zwei Prozent mit einem Schlag aufzustocken.

Für annähernd fünf Milliarden Mark sollte Europas modernste Raffinerie mit einer Kapazität von bis zu zehn Millionen Tonnen Rohöl im Jahr entstehen. Der Umstand, daß auch ohne Leuna (neu) der Raffineriemarkt schon überbesetzt war, spielte dabei keine Rolle, Alternativkonzepte wurden politisch abgeblockt. Zu den reinen Baukosten steuerten Bund und Land 1,4 Milliarden Mark bei, 2,8 Milliarden Mark finanzierten Banken per Kredit, der weitgehend über Staatsbürgschaften abgesichert ist. Eine Milliarde Mark mußte Elf selbst aufbringen.

Die Konkurrenten von Esso, DEA, Shell und Aral wetterten über die Konditionen. Esso-Chef Thomas Kohlmorgen monierte, "daß Elf die Möglichkeit hat, zu Lasten der Treuhand sich einen Markt aufzubauen". Genauer: zu Lasten der Steuerzahler. Denn unterm Strich kostet das Leunaer Abenteuer - einschließlich der Übernahme der Betriebsverluste und der Kosten für die Stillegung der alten Raffinerien in Leuna und Zeitz - die öffentliche Hand 4,7 Milliarden Mark. Im Gegenzug hat Elf 2550 Arbeitsplätze garantiert: Ein Arbeitsplatz kostet fast zwei Millionen Mark Steuergeld.