Politiker sind in der Regel keine Literaten.Außerdem leben sie nicht gerade als Trappisten, als Schweige-Mönche was sie wollen, was sie sagen wollen (oder: sagen können), das sagen sie uns am laufenden Bande.Insofern gehören die Erinnerungsbücher unserer Politiker zu einer merkwürdigen Gattung.Nur selten sind sie elegant geschrieben, nur selten können sie etwas wirklich Neues mitteilen, ohne das in aller Öffentlichkeit behauptete eigene Leben zu dementieren.Und trotzdem erreichen sie Aufla gen, von denen viele Literaten nur träumen können.Ist es der Wunsch der Leser, der Käufer, sich noch einmal mit ihren Idolen zu identifizieren?Ist es die Hoffnung auf einige Enthüllungen über das wahre Leben hinter der Kulisse? Richard von Weizsäckers Erinnerungswerk "Vier Zeiten" enthält, um dies vorwegzusagen, in manchen längeren Passagen viele der klassischen Schwächen der Gattung - und ist dennoch im wesentlichen ein faszinierendes, ein bewegendes Buch. Endgültig eingetragen ins Buch unserer jüngeren Geschichte hat Weizsäcker sich als Bundespräsident in den fünf Jahren vor, in den fünf Jahren nach der Wiedervereinigung.Und deswegen werden viele dieses Buch besitzen wollen. Doch, hélas, gerade diese zehn Jahre machen den mattesten Teil der Erinnerungen aus.Vielleicht sind die Rücksichten, die ein Bundespräsident als die Integrationsfigur der Republik schlechthin zu nehmen hat, viel zu mächtig, als daß aus einem solchen Kapitel Funken geschlagen werden dürften. (Das hat, für die erste Amtszeit von 1984 bis 1989, schon eher - und allzu voreilig - Friedbert Pflüger besorgt, der damalige Sprecher des Bundespräsidenten.) Es gibt so vieles - und zwar jenseits der von den Zeitgenossen scharf, fast schon überscharf wahrgenommenen Spannung zwischen Kanzler und Präsidenten --, über das man Nachworte aus der Feder Richard von Weizsäckers gerne ausführlicher lesen würde.Zum Beispiel über den Kontrast zwischen Willy Brandt ("Nun wächst zusammen, was zusammengehört") und ihm (zusammenwachsen, nicht zusammenwuchern) im Frühjahr 1990 diese Differenz muß wichtiger gewesen sein, als sie angedeutet wird.Oder über den Konflikt um die Begnadigung verurteilter RAF-Terroristen zwischen dem Bundespräsidenten und dem damaligen Generalbundesanwalt Rebmann.Oder über den Streit um die Revision des Asylrechts. Ein fulminanter Rechenschaftsbericht Weizsäckers über seine Zeit als Bundespräsident wäre freilich, als literarische Gattung, wie wir alle wissen und zugestehen müssen, vom fast durchgängigen Zwang zum Selbstlob bedroht - getreu der erfundenen Anekdote von jenem Kanzler, der vor Gericht, zu Person und Beruf vernommen, aussagt: Größter Kanzler aller Zeiten und - von seinem Regierungssprecher Klaus Bölling zur Rede gestellt - unschuldig antwortet: Wieso, ich stand doch unter Eid.Weizsä cker zitiert den britischen Autor Timothy Garton Ash, der geschrieben hatte, Helmut Kohl und er seien im europäischen Vergleich dieser Jahre das effektivste Doppel an der Staatsspitze gewesen: "Mir steht kein Urteil zu, ob es so war jedenfalls sollte es so sein."Nimmt man aber Weizsäckers in dem Buch neuerlich dokumentierte Kritik an der innenpolitischen Seite der Einigungspolitik auf (oder, aus früheren Phasen: die Kritik an der vertanen Chance geistiger Führung, an den Amnestievers uchen in der Parteispendenaffäre, am Parteienstaat), kommt man wegen der vielen Resonanzen zwischen zwei anderen Personen zu der retrospektiven Prognose: Das wirklich effektivste Doppel hätte auf die Namen Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker gehört. Tempi passati!Interessant und anfechtbar bleibt Weizsäckers Resümee über die verfassungsrechtliche Stellung des Bundespräsidenten.Für seine öffentlichen Äußerungen bedürfe er keiner Zustimmung der Regierung.Und: Er sei dem Parlament keine Rechenschaft schuldig, erst recht nicht der Regierung nur das Bundesverfassungsgericht könne seine Handlungen oder Unterlassungen korrigieren, ihn im äußersten Falle des Amtes entheben.Das ist, bei allem Respekt und mit Verlaub, falsch.All e Akte des Bundespräsidenten (und dazu gehören auch die wichtigen politischen Erklärungen) bedürfen der Gegenzeichnung durch ein dem Parlament verantwortliches Mitglied der Regierung - damit eben, gerade weil der Bundespräsident dem Bundes tage gegenüber nicht unmittelbar verantwortlich ist, zumindest ein Mitglied der Exekutive vor den Volksvertretern indirekt die Haftung auch für das Handeln des Bundespräsidenten übernimmt damit bleibt eine vollständige parlamentarische Übe rsicht und Sanktionierung des staatsleitenden Tuns gesichert.Es ist dann allerdings eine Frage der jeweiligen Temperamente und Autoritäten, auch der jeweils mehr oder weniger starken Gründe, wieviel Spielraum sich der Bundespräsident durch schiere Überzeugungskraft verschaffen kann.Hätte unser Traumduo wirklich Schmidt-Weizsäcker geheißen, der Autor unseres Buches hätte die Kompetenzen seines Amtes als etwas enger erfahren. Aber zurück zum Buch selber: Es sprengt den Muster-Rahmen der Politikermemoiren bei weitem dort, wo sich Weizsäcker auf Personen einläßt, zudem in zwei eindrucksvollen Milieustudien und bei beispielhaften Themen seiner politischen Existenz. Da ist zunächst das Portrait des Vaters Ernst von Weizsäcker, des Diplomaten und Staatssekretärs im Auswärtigen Amt der Hitler-Zeit: Tief bewegend, wie hier Sohnesliebe und Wahrheitsliebe zur Übereinstimmung finden, wie das Wollen und das Scheitern im Handeln des Vaters in einer heillosen Lage gleichermaßen hell beleuchtet werden, wie gezeigt wird, auf welchem Wege reinste Motive in dunkelste Verstrickungen führen können. Überhaupt die Personen: Es ist einer der schönen Züge dieses Buches, daß der im Alltag gehärtete Politiker Richard von Weizsäcker in wärmsten, bisweilen zarten Tönen über Menschen schreiben kann - und die sucht er sich am allerwenigsten nach der Parteizugehörigkeit oder nach dem Maß politischer Übereinstimmung aus.Wobei im übrigen sich die politische Übereinstimmung keineswegs am Leitseil der Parteizugehörigkeit ergibt.Es gehört schon ein hohes Maß an innerer Souveränität dazu, bei der B etrachtung der Kampfzeiten der neuen Deutschland- und Ostpolitik sowohl Rainer Barzel als auch Egon Bahr gerecht zu werden.Eine regelrechte politische Love-Story schließlich die Beziehung zu Vaclav Havel. Sodann die Milieustudien: Weizsäcker zeichnet das Bürgertum der Kaiserzeit und der Weimarer Republik als begrifflich und psychisch wehrlos gegenüber der heraufziehenden Gefahr.Was er für seinen Vater notiert, gilt im Grunde dem gesamten Milieu: "In seinem ganzen Weltbild fehlte es an der Vorstellungskraft, die Dämonie des Bösen zu begreifen, wie sie bereits am Werk war."Insofern sind die auch als Familienchronik ad usum Delphini zu lesenden Erzählungen - und desto schöner erzählt, je weiter de r Abstand - ein wichtiger Beitrag zur Mentalitätsgeschichte der deutschen Eliten. Als Gegenstück - und als die direkte Antwort auf die geschichtliche Katastrophe - das Milieu des politischen Protestantismus in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit.Diese Erinnerungen machen beides deutlich: wie sehr Weizsäcker von diesem Milieu bestimmt wurde, wie sehr er es schließlich selber geprägt und repräsentiert hat (in der Kammer für öffentliche Verantwortung, im Rat der EKD, im Kirchentag), wie vorrangig es für seine politische Formierung war - und welchen Verlust ein endgültige s Verblassen dieses Milieus für die Republik bedeuten würde.Es waren eben nicht die schlechtesten Denkschriften, die aus der Zusammenarbeit zwischen Richard von Weizsäcker und Erhard Eppler entstanden - zwischen zwei Autoren, die jeweils in ihren beiden Volksparteien lange Jahre für die Grundsatzprogramme zuständig waren.Wer bohrt heute noch an solchen dicken Brettern? Und die Themen: Dieses Buch macht deutlich, wie sehr Richard von Weizsäcker im besten Sinne des Wortes ein Jurist ist, der gleichwohl in lauter Grenzerfahrungen über die Grenzen dieses begrifflichen Handwerks hinausgewachsen ist - nicht nur in den Erfahrungen in Krieg und Diktatur, nicht nur in der Hilfestellung bei der Verteidigung des Vaters vor dem Nürnberger Gerichtshof.Weizsäcker schildert einen beispielhaften Disput im Berliner Senat zwischen Rupert Scholz und ihm selber über die Frage , ob das exekutive Begnadigungsrecht frei gewährt werden könne oder selber verrechtlicht werden müsse.(Das Motiv taucht später, hier leider nicht ausgeführt, im Streit mit Generalbundesanwalt Rebmann wieder auf.)Immer wieder reflektiert Weizsäcker die Bedingtheit und Begrenztheit des Rechts, auch im Berliner Streit um die zu Unrecht leerstehenden, zu Unrecht besetzten Häuser, verteidigt es aber zugleich gegen nachgesprochene Schulbuben-Phrasen wie jene: "Wo Recht zum Unrecht wird, wird Wider stand zur Pflicht." Diesem Sujet eng verwandt ist das größere deutsche Thema von Schuld, Erinnerung und Versöhnung, in dessen tiefsinniger Verarbeitung Weizsäckers Amtszeit als Bundespräsident bereits zu ihrer Anfangszeit kulminierte, in der Rede zum 8.Mai 1985.Ob in den frühen Beiträgen zur Versöhnung mit Polen, der späten Entdeckung Prags an der Seite Vaclav Havels, ob im unterschwelligen Disput mit Joachim Gauck, in einer kurzen Bemerkung zum Streit um die "Wehrmachts-Ausstellung" - bewegend bleibt in allem die moralische Energie, mit der Weizsäcker sowohl auf der genauen Erinnerung besteht als auch auf dem Abstand zur gnadenlosen Selbstgerechtigkeit der Davongekommenen oder Verschonten. So wird denn aus einem persönlichen Erinnerungsbuch ein Lesebuch zur deutschen Geschichte und Verantwortung: keine Sensationen, keine Enthüllungen - Erzählungen aber und verdichtete Einsichten, treffend verknappte Aperçus bisweilen.Und am Ende die Beschreibung eines Weges zu einer immer größeren inneren Unabhängigkeit, wie sie dieses Land nur in wenigen Beispielen erfahren hat.Schließlich legt man den Band aus der Hand im Bewußtsein, daß damit wohl die letzten wichtigen Erinnerungen jener de utschen Politiker erschienen sind, die ihre Prägungen und Härtungen vor dieser zweiten deutschen Republik erfahren haben - und mit der bangen Frage, ob alles, was danach kommt, noch den Rang von Memoiren haben kann. Richard von Weizsäcker: Vier Zeiten Erinnerungen Siedler Verlag, Berlin 1997 480 S., Abb., 49,90 DM