Es war eine richtige kleine Revolution. Sechzehn Tage lang hielten achtzehn Journalisten der Jungen Welt in Berlin ihre Redaktion im vierten Stock der Straße Treptower Park 28 besetzt. Dem Geschäftsführer Dietmar Koschmieder und vier der Kollegen hatten sie am 21. Mai den Zutritt zu den Räumen verwehrt.

Zum Eklat war es gekommen, weil Koschmieder Anfang Mai den Chefredakteur Klaus Behnken beurlaubt und sich selbst als Vertreter eingesetzt hatte. Koschmieder wolle, argwöhnten die Protestler, ihre Zeitung "in die Nähe der DKP rücken". Die Ausgeschlossenen zogen sich daraufhin zwei Stockwerke tiefer in eine leerstehende Etage zurück und produzierten dort, soweit ohne technisches Gerät möglich, die Junge Welt weiter. Die aufmüpfigen Kollegen indes gaben oben eine Streikzeitung heraus.

Inzwischen ist den abtrünnigen Redakteuren gekündigt worden, und Deutschland hat eine Zeitung mehr. Aus dem improvisierten Streikblatt ist eine neue linke Wochenzeitung geworden, die sich frech Jungle World nennt und nun bundesweit am Kiosk ausliegt. Ein mutiger Schritt, war doch schon die Zahl der Abonnenten der Jungen Welt in den letzten zwei Jahren von 17 000 auf 14 000 gesunken, eine bescheidene Ziffer für das ehemalige FDJ-Zentralorgan, das einst mit einer Auflage von täglich 1,5 Millionen auf dem DDR-Markt glänzte.

Das Format von Jungle World entspricht dem der taz, der Titel ist farbig und flott gestaltet, der Umfang liegt bei rund dreißig Seiten - Politik aus dem In- und Ausland, Wirtschaft, Kultur, Sport, Medien. Vier Mark kostet das Blatt. Schon in den ersten Wochen wurden 2000 Abonnenten gewonnen, täglich kämen dreißig weitere dazu, sagt Behnken, nun zwar nicht mehr Chefredakteur, aber doch einer unter sechs Journalisten im Redaktionskollektiv. Die Auflage gibt er mit 17 000 an.

Titel, Schrift, Gestaltung lassen es ahnen: Die Jungle World will ein junges Publikum erreichen. Die erste Seite lockt mit saloppen Überschriften und kleinen graphischen Gags; im Editorial, das hier "Home Story" heißt, plaudert die Redaktion locker über Hauskatzen und fordert die Leser auf: "Abonnieren Sie weiter, unsere Kühlschränke leeren sich langsam, der Bierpegel fällt."

Auf den Innenseiten geht es überraschend ernsthaft zu. Aus ungewohnter Perspektive wollen die Journalisten ihre Themen beleuchten. Bei der Hochwasserkatastrophe führten sie das Quelle-Versandhaus vor, das unter den Opfern Einkaufsgutscheine verteilt habe. Ein Autor widmet seinen Artikel dem doppelten Geschäft von Rüstungskonzernen, die bei der Verlegung von Landminen und später noch mal bei deren Räumung verdienten.

Es ist ein Journalismus, der mit Wertungen nicht zurückhält. Das Blatt möchte sich mit linken Positionen auseinandersetzen: "Wir wollen untersuchen, wie eine linke Moral außerhalb der Ideologien aussieht", sagt Behnken. Dabei sollen die verschiedenen Positionen von "Marxisten, Feministen, Sympathisanten, von Autonomen oder Resignativen" abgebildet werden, ja auch bürgerliche Meinungen. Manchmal fallen die Autoren heftig in den Jargon übergescheiter 68er: "Der Islamismus", so kann man lesen, "ist eine genuin kapitalistische Krisenideologie ökonomisch abgehängter, aber dennoch dem Verwertungsprozeß unterworfener Gesellschaften und Schichten." Man wolle die Leute durchaus "fordern", sagt Klaus Behnken.