Je schlechter es um das russische Imperium bestellt ist, desto besser steht es um die kompensatorische Funktion der Philosophie. "Rußland und der Westen", "Rußland zwischen Europa und Asien" - zwei Jahrhunderte lang hat sich die Intelligenzija mit diesen Fragen abgequält. Nun endlich scheint die Problematik wohlbehütet in dem neuen Diskurs der "Kulturologie" aufgenommen zu sein.

Die in den Debatten über Rußlands Weg nach 1991 immer häufiger vernehmbaren Referenzen auf "Kultur", "Philosophie", "Persönlichkeit", "Humanismus", "Glaube", "Moral" verweisen auf die Suche nach geistigen im Unterschied zu sozialökonomischen Prioritäten. Gegenüberstellungen von "Zivilisation und Barbarei", "Apokalypse (Chaos) und Eschatologie" bilden den emotionalen Hintergrund. In diesem Zusammenhang taucht immer häufiger der Hinweis auf die kul'turologija als eine Gegenkraft auf, gleichsam als Fluchtweg aus der ausweglos scheinenden Situation.

"Kulturologie" soll eine integrierende Funktion und ein ganzheitliches Konzept ausüben, nicht zuletzt für die existentiellen Bedrängnisse und materiellen Nöte der russischen Gesellschaft. "Kulturologie" appelliert an das "Geistige" im Gegensatz zum "Rationalen" oder zum "Intellektuellen".

"Kulturologie" fungiert als Sinngebung des Lebens, der Geschichte. Wobei unter Kulturologie so unterschiedliche "Wertvorstellungen" rangieren wie Ökologie, "Kosmismus" oder Esoterik.

Kul'turologija klingt für russische Ohren wie sociologija oder politologija, nicht eben wohlgefällig, doch auch nicht barbarisch wie für westliche Ohren.

In Wörterbüchern und Lexika sucht man nach dem Terminus vergeblich. Dennoch ist "Kulturologe" seit einigen Jahren eine feststehende Berufsbezeichnung in Rußland.

Dabei ist der Kulturbegriff im heutigen Rußland keineswegs Gegenstand kritischer Debatten. Auch hat Kulturologie nichts mit der Kulturwirklichkeit zu tun. Der neue Kulturalismus entstand nicht etwa aus dem Gegensatzpaar Natur-Kultur, der Beherrschung der modernen Welt durch die Naturwissenschaften. Das Postulat "Zurück zur Kultur" ist als Reaktion auf das materialistische Weltbild des Marxismus-Leninismus zu verstehen, auf den Kommunismus als vermeintliche Wissenschaft. In der sowjetischen Periode gehörte Kultur zum "Überbau" heute sind die Geisteswissenschaften in.