Den großen Roman über den 9. November 1989 - wer könnte ihn besser schreiben als John Le Carré, dessen "Spion, der aus der Kälte kam" uns das Blut in den Adern gefrieren ließ, als er im Kugelhagel über die Berliner Mauer kletterte? Der Altmeister des Spionagethrillers ist für deutsche Themen doppelt kompetent: Er studierte Germanistik in Oxford und Bern und agierte als britischer Diplomat in Hamburg und Bonn, wo er, offiziellen Dementis zum Trotz, auch Spionageaufträge übernommen haben soll. In der schmutzigen Poesie des Kalten Krieges kennt John Le Carré sich ebensogut aus wie in der deutschen Barocklyrik. Und anders als die Zunft der Schreiber hierzulande verfügt er nicht bloß über das nötige Insiderwissen, sondern auch über eine gehörige Portion selbstkritischer Ironie, die sich in Formulierungen äußert wie: "Falls er sein Leben noch einmal leben sollte (...) würde er für die Hauptrolle einen anderen Darsteller verlangen."

Auf den deutschen Wende-Thriller aus der Feder des britischen Bestsellerautors aber werden wir noch warten müssen, denn in seinem soeben erschienenen, neuen Roman wendet Le Carré sich den traurigen Tropen zu und vertauscht den Ostwest- mit dem Nordsüdkonflikt. "Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen", sagt Ottilie in Goethes "Wahlverwandtschaften", als das Gespräch auf den Südamerikareisenden Alexander von Humboldt kommt, und dieses geflügelte Wort hätte John Le Carré als Motto seinem Roman voranstellen können, der in Panama spielt und auch so heißt. Damit ist nicht der gleichnamige Hut gemeint, sondern der Panamakanal, an dessen Ufern laut Le Carré eine Zeitbombe tickt: Entsprechend dem von Jimmy Carter mit Panamas Präsident Torrijos 1977 geschlossenen Vertrag, fällt die von den USA besetzte Kanalzone 1999 an ihren rechtmäßigen Besitzer zurück - ein reiches Geschenk, das die Rückgabe Hongkongs an China als "Peanuts" erscheinen läßt. Die Fragen, die sich die Abteilung "Planung und Anwendung" des britischen Geheimdienstes stellen, lauten daher: 1. Ist das kleine Panama in der Lage, den wichtigsten Schiffahrtsweg der Welt zu verwalten, ohne ihn lahmzulegen?

und 2. Wie verhindert man, daß Tokio nach dem Abzug der USA im Verbund mit den "Tiger"-Staaten Südostasiens den Seehandel kontrolliert, auf dem Englands Weltgeltung beruht (bekanntlich brach die Regierung Thatcher aus weit geringfügigerem Anlaß den Falklandkrieg vom Zaun)? Gegen diese Horrorvision hilft nur eins: eine handfeste Verschwörung mit dem Ziel, die USA zum Eingreifen zu bewegen.

Soweit die Königsebene des Romans, in dem der einschlägig interessierte Leser boshaft karikierte Portraits des Pressemagnaten Rupert Murdoch und des Rüstungsindustriellen Adnan Kashoggi wiederfindet, dessen Neffe als Prinzessin Dianas ständiger Begleiter und Freund im Tode Ruhm erlangte.

Zwecks praktischer Umsetzung der von den "Planern und Anwendern" ausgeheckten Idee aber greifen die olympischen Götter wie stets auf gewöhnliche Sterbliche zurück. An dieser Stelle kommen die Helden, genauer gesagt die Kontrahenten des Romans ins Spiel, zwei obskure Individuen, deren kleinster gemeinsamer Nenner ihre schmutzige Weste ist.

Harry Pendel ist ein beliebter, höchst respektabler Herrenschneider der feinen englischen Art, aber das blankgeputzte Messingschild seines Ladens im Zentrum von Panama-Stadt kaschiert eine alles andere als glänzende Karriere.

Als Halbwaise jüdischer Herkunft wuchs Harry im Londoner Eastend auf und ging wegen Brandstiftung ins Gefängnis, wo er ohne Umschweife von einem britischen Geheimagenten namens Andrew Osnard als Spion rekrutiert wird. Auch Osnard ist kein unbeschriebenes Blatt: Vom sozialen Abstieg bedroht, trat der Sproß einer um den halben Erdball verstreuten, verarmten Familie freiwillig in die "Firma" ein, um seine bankrotten Finanzen zu sanieren.

Jeder betrügt jeden. Harry verrät seine Frau und seinen besten Freund und hintergeht seine Auftraggeber mit frei erfundenen Berichten über eine weitverzweigte Verschwörung, deren Fäden im Anproberaum seines Geschäfts zusammenlaufen, wo seine Sekretärin und Geliebte zahlungskräftige Kunden aus Drogenhandel, Wirtschaft und Politik mit Weißwein und Champagner unterhält.

Osnard schreibt die Berichte für die Zentrale, um für sich und seinen Agenten so viel Geld wie möglich locker zu machen. Das Ganze ist ein dicht gesponnenes Netz aus Lügen, Sex und Intrigen, in dem die Akteure des Romans sich so hoffnungslos verheddern, daß der Durchblick selbst spionageromanerfahrenen Lesern schwerfällt: Desinformation ist der Fachausdruck dafür.

Am Ende fließt schließlich echtes Blut, in einem vom Sturz Noriegas und dem Falklandkrieg inspirierten Finale, das beunruhigend realistische Züge trägt.

Doch den Schluß auszuplaudern - verbietet sich bei einem Thriller von Le Carré.

Das Stichwort Panama im Titel des Romans löst bei Liebhabern des Genres Wiedererkennungsreflexe aus: In seinem Buch "Getting to Know the General" hat Graham Greene Panamas Expräsident Omar Torrijos ein literarisches Denkmal gesetzt. Der gleiche Graham Greene, der mit "Our Man in Havanna" eine bis heute unübertroffene Parodie des Spionageromans geschrieben hat. Beide Werke sind als Vorbilder in John Le Carrés Buch präsent, wie überhaupt der in Cornwall lebende Autor sich als würdiger Schüler des großen Meisters erweist, allerdings ohne dessen Tiefendimension.

Hier ließe sich ein stichhaltiger Einwand gegen Carrés jüngstes Werk geltend machen: Für John Le Carré scheint die gesamte Weltgeschichte - von der Ermordung Cäsars bis zum Kennedy-Attentat und von der Kubakrise bis zum Golfkrieg - das Resultat einer Geheimdienstverschwörung zu sein, deren Hintergründe nur er kennt. Die Verlautbarungen der Historiker und Politiker, ganz zu schweigen von der Presse, sind Teil eines Täuschungsmanövers zur Irreführung der Öffentlichkeit. Die Schwächen dieses Weltbilds liegen auf der Hand, auch wenn an Belegen kein Mangel herrscht. Doch kein ernsthafter Analytiker zieht aus dem Umstand, daß die Öffentlichkeit in der Tat immer wieder hinters Licht geführt worden ist, den Schluß, daß der gesamte politische Prozeß auf bloßer Manipulation beruht (selbst Marx hielt den Kapitalismus nicht für das Ergebnis einer weltweiten Verschwörung, sondern für ein Produkt historischer Notwendigkeit).

Glaubt John Le Carré wirklich an solche fixen Ideen, die eher für paranoide Diktatoren typisch sind, oder handelt es sich um eine Arbeitshypothese, ohne die alle Autoren von Spionageromanen arbeitslos wären?

Die Antwort liegt auf der Hand. Läßt man den Spionagethriller weg, zerfällt das Buch in zwei unverbundene Hälften: auf der einen Seite ein psychologisches Seelendrama von dostojewskijscher Dichte, auf der anderen die rasante Schilderung einer tropischen Bananenrepublik im Hinterhof der USA.

Aber keinen dieser Romane hätte ich freiwillig zu Ende gelesen, während John Le Carrés Spionagethriller mich bis zur letzten Seite in Atem hielt.

John Le Carré: Der Schneider von Panama Roman aus dem Englischen von Werner Schmitz, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997, 464 S., 45,- DM