Bonn/Berlin Ganze siebenundvierzig Zeilen in seinen "Erinnerungen", die er gerade in Berlin vorgestellt hat, widmet Richard von Weizsäcker der "Zusammenarbeit zwischen Kanzler und Präsident".Siebenundvierzig Zeilen!Aber welches kleine Kunstwerk der Andeutungen, Kühle und Camouflage.In Wahrheit verbirgt sich darin eine lange Geschichte, die viel verrät vom Erfolg des Systems Kohl, aber vielleicht auch etwas antizipiert von den Gründen für sein Ende. Die Bilanz der Geschichte dieser Beziehung zwischen ihm und Kohl legt Weizsäcker Timothy Garton Ash in den Mund: Im Vergleich zu anderen seien Kohl und er "eines der effektivsten Doppel der letzten Jahre an der Spitze eines europäischen Staates" gewesen. Doppel?Das würde Kohl, versteht sich, anders sehen.Erst recht heute. Exkommuniziert hätte er diesen Bonner Nachbarn über zehn lange Jahre (1984 bis 1994) am liebsten.Da das nicht ging, setzt Kohl ihn jetzt vor die Tür. Aber mit Kündigungen, jedenfalls in der politischen Welt, ist das so eine Sache. Dem vermeintlichen Doppel-Partner ließ der CDU-Vorsitzende von seinem Sprecher mitteilen, er gehöre "nicht mehr zu uns".Eine ruhende Mitgliedschaft gebe es nicht. "Meine Partei", sagt hingegen Weizsäcker weiterhin ganz unverkrampft im Gespräch, "meine Partei hat mir nie, niemals gesagt, eine ruhende Mitgliedschaft gebe es nicht."Nein, erst nach dem Interview mit dem Spiegel, in dem er moniert hatte, es herrsche nun schon sehr lange ein politisches System, "das die von der Demokratie angebotenen Mittel zur Erringung und Bewahrung der Macht auf eine bisher nie gekannte Höhe der Perfektion getrieben" habe, erst nach diesem Interview war Kohl ei ngefallen, daß dieser elende Kritikaster nicht Parteimitglied ist. Denn soll man, muß man sich Sätze wie diesen bieten lassen, auf den Machterhalt konzentrierten sich die Kräfte weit mehr "als auf die offene konzeptionelle Pionierarbeit, von geistiger Führung zu schweigen"?Wolfgang Schäuble, wie so oft der Vernunftmakler hinter den Kulissen, versuchte vergebens, den wütenden Kanzler zu stoppen.Der bestellte sich die Frage eines Hinterbänklers und legte los gegen den einstigen Nachbarn. Stärker als früher kreist der "Grundgedanke", so sagt Weizsäcker es auch im Gespräch, um die Folgen einer "fünfzehnjährigen Herrschaft".Alles erstarrt in der Anstrengung, "das Errungene festzuhalten".Den jungen Kritikern in der CDU, die das sehen, wird vorgeworfen: "Ihr weicht von der Kameradschaft ab." Und den alten Schlachtrössern wie Biedenkopf und ihm werde zugerufen: "Ihr seid nicht dankbar." Die Aufkündigung der Familiengemeinschaft, das ist die schlimmste Strafe, die der Parteivorsitzende sich ausdenken kann.Nur bestätigt er damit gerade die Kritik am machtversessenen Parteilichkeitsdenken.Gefährliche Selbstüberschätzung! ruft Heiner Geißler verärgert dazwischen.Daß Weizsäcker und Kohl sich nicht gerade sehr ähneln, weiß man seit einiger Zeit.Da der Repräsentant der Vernunftelite, dort die wandelnde Parteiendemokratie bundesrepublikanischer Art.Da der Protestant, dort der Katho lik.Da der Aristokrat, dort der Bodenständige.Zwei Varianten des Konservatismus, ja der deutschen Bürgerlichkeit, die sich nah und fern sind.Aber unvereinbar sind sie nicht.Es ist auch nicht so, daß bloß der eine die liberale Seite der CDU verkörpe rt und der andere die biedere, obrigkeitliche.Heute prallen aber wirklich zwei unterschiedliche Politikbegriffe aufeinander. Kohl und Weizsäcker verkörpern dabei geradezu Extreme.Mehr denn je erkennt Weizsäcker augenblicklich den Bedarf an einer Politik, die ehrlich über die realen Probleme redet und "Konzeptionen" ersinnt, um ihrer Herr zu werden.Er vermißt nicht nur "Debatten", auch bei uns Journalisten.Er ist zudem fest davon überzeugt, daß man in der Politik vorausdenken, wollen und führen muß. Weizsäcker zählt zu den Voluntaristen der deutschen Politik.Gerade das war dieser Tage zu spüren, als Weizsäcker im Berliner "Adlon"-Hotel seine "Erinnerungen" einem großen Aufgebot von Intellektuellen und Schriftstellern präsentierte. 1989 war für ihn eine Lehrstunde.Man dürfe sich nicht einbilden, hieß das für ihn, daß man selber Geschichte macht.Nein, nicht Männer machen Geschichte, sagte er, "Politiker können solchen Erdrutschen der Geschichte nur den Weg ebnen". Im Gespräch sagt er: Fünfzehn Jahre sind für eine Demokratie einfach viel. Zuviel.Zeit zum Wechsel!Die Botschaft ist doch ganz einfach.Egon Bahr ist für ihn ein Kronzeuge, wie Politik gedacht und gemacht werden müsse.Diese Erfahrung aus der Zeit der Ostpolitik, "es geht, man muß nur wollen", hat Weizsäcker verinnerlicht.Nicht zufällig schwang genau an dieser Stelle beim Rückblick im "Adlon" etwas Nostalgie mit.Ach, wie war es doch vordem ...Die Deutschland- und Ostpolitik in den sechziger und siebziger Jahren! Darin steckt Richard von Weizsäckers Politikmodell.Und das hält er für geeignet, im Zeitalter der Globalisierung und des erodierenden Sozialstaats Auswege zu eröffnen.Dafür gibt es einen kurzen Begriff: geistig-moralische Führung.Kennt man doch irgendwoher.Richtig, das ist Kohls Wort. Ausgerechnet unter diesem Etikett, Originalton Weizsäcker, begann Kohls lange Kanzlerschaft. Und so hat Weizsäcker dann auch noch dauernd, im Amt und als Pensionär, die Überschrift vor Augen, unter der er hätte arbeiten können - wenn er auf Kohls Stuhl säße.Und was ist daraus geworden?Welcher "Bahr" denkt heute darüber nach, was man tun kann, nachdem "der Wettbewerb Kapital-Arbeit zu Lasten der Arbeit ausgegangen ist und wir mit der halben Zahl der Arbeitskräfte doppelt so viel produzieren wie früher, das Sozialsystem aber vollkommen auf Erwerbsarbeit angewiesen ist"? Und was sagt Kohl dazu?Kurt Biedenkopf und Norbert Blüm dürfen ein bißchen darüber streiten.Ansonsten geht alles seinen bewährten Gang.Gerade in der Flaute von heute, vor Fragen, "mit denen keiner fertig geworden ist, auch die Holländer nicht", vermißt Weizsäcker zwangsläufig eine "offene, nicht auf Machtverhältnisse Rücksicht nehmende Debatte".Die Professoren-Freunde streiten fröhlich - über was?Über Ökonomie?Nein, über Richard Wagner. Die Schriftsteller schauen nicht hin.Und die Journalisten?Sind "decouragiert".Oder bewundern die Kunst der Machterhaltung.Zu allem Unglück hat die Vereinigung den Disput im Lande auch nicht wirklich befruchtet.Im Osten, so sieht Weizsäcker das, ist vor allem die Frage übriggeblieben, wer Dissident war und wer nicht.Und im Westen die Rote-Socken-Debatte seiner Partei, vor welcher die SPD ängstlich kuscht. Bei Weizsäcker schwang der Gedanke immer mit, die Parteiendemokratie lasse sich mit der unausgesprochenen Idee einer Elite der Vernünftigen leidlich harmonisch verweben.Es ist aber nicht nur der Politikbegriff, oft sind es auch die Sachen selbst, die er anders beurteilt als Kohl.Daß der Kanzler den Mut nicht hatte, ehrlich über die Folgen dieser unerhörten Begebenheit zu sprechen, über einen Lastenausgleich und über höhere Steuern, hat er ohnehin nie begriffen.Solche Einwände meldet Weizsäcker a uch heute wieder an.Die Steuerreform sei notwendig, argumentiert er.Aber man müsse doch auch sehen, daß sie Leute wie Hans-Olaf Henkel losgetreten hätten, "die ihre Interessen vertreten".Jetzt werde behauptet, mit der Steuerreform lasse sich das Prob lem der Arbeitslosigkeit lösen.Er hingegen findet, es sei eine Illusion, mit weiteren Steuer- und Lohnsenkungen die alten Industrieländer wettbewerbsfähig zu machen. Oder der Euro: Er hoffe und glaube, daß Kohl in seiner Euro-Politik "wirklich fest bleibt", sagt Weizsäcker."Das Problem ist beim Euro wie beim Arbeitsmarkt und anderem aber immer: Warum werden dauernd Behauptungen aufgestellt, die falsch sind?"Die neue Währung solle kommen, sagt er, "aber man muß doch nicht dauernd behaupten, es würde dieselbe Stabilität bleiben wie bisher mit der Mark".Oder, ein anderes Beispiel, "der Chor, daß wir im Jahr 2000 die Arbeitslosigkeit von fünf Millionen halbier t haben werden".Man müsse doch offen drüber reden, daß die industrialisierten Länder des Westens auf die Folgen der Globalisierung "alle noch keine Antwort gefunden haben". Wohin er auch sieht, immer geht es Weizsäcker darum, in Debatten zu den politischen Streitfragen mit Offenheit "Glaubwürdigkeit zu begründen".Aus Gründen der kurzfristigen Machtverheißung dürften nicht Glücksversprechen gemacht werden, die auf den nächsten Wahltermin zielen. Sicher, auch Weizsäcker hat als politischer Akteur - zumal als Berlins Regierender Bürgermeister - sorgfältig die politischen Windrichtungen beobachtet, er hat erstaunlich viel Machtsinn bewiesen.Richtig ist auch, daß ein Präsident oder Expräsident freier ist als ein Regierungschef.Gut möglich, sogar wahrscheinlich, daß Weizsäcker sich den Stillstand zu eindimensional mit Kohl erklärt.Daß er also in ihm zuwenig das Spiegelbild der Bundesrepublik selbst erkennt. Und dennoch erklärt das noch nicht, weshalb Kohl so zornig reagiert. Weizsäcker, das ist unübersehbar, trifft eine Wunde.Das Ancien régime ist wirklich sehr alt.Es gab ja Zeiten, da hat Helmut Kohl nach Leuten wie Weizsäcker geradezu Ausschau gehalten und sie entschlossen angeworben.Das aber ist schon lange vorbei.Monsieur le Machtinstinkt tickt heute ganz anders.Dafür ist die Kündigung ein Symbol. Der "Grundgedanke", der Weizsäcker umtreibt, ist der, daß fünfzehn Jahre einer Regierung zwangsläufig zur Lähmung führen.Das wirkt in der Demokratie wie ein Deckel auf dem Topf.Schon deshalb fände Weizsäcker es richtig, die Amtszeit der Kanzler auf zwei Perioden zu begrenzen.François Mitterrand habe in den letzten Jahren immer geklagt, es werde einfach zuviel.Die Kraft reicht irgendwann nicht mehr. Er sei nicht angetreten "mit dem Ziel, meine Partei zu beschimpfen", sagt Weizsäcker dann auch noch.Im Gegenteil, er möchte ihr helfen.Er wünscht sich, daß eine große Partei wie die CDU sich maßgeblich und führend, offen und konzeptionell an der Suche nach einer realitätsnahen, richtigen Politik beteiligt.Und andernfalls?Wenn das nicht gelingt, sieht er schwarz. Irgendwann stehe vielleicht sogar ein Salazar ins Haus wie einst in Portugal. Oder ein deutscher de Gaulle. Helmut Kohl versus Richard von Weizsäcker: das ist mehr als eine schwierige politische Beziehungskiste.Gut möglich, daß die Politikbegriffe von beiden, die aus der alten Bundesrepublik stammen, gar keine große Zukunft mehr haben. Die Parteiendemokratie zerfließt in der Medienwelt.Sicher muß man auch Weizsäcker fragen, ob seine Vorstellung von geistig-moralischer Führung in liberalen Gesellschaften denn funktioniere.Nichts gegen lebendige Debatten, ganz im Gegenteil.Gleichwohl sind die Widerstandskräfte und die Widersprüche größer, und es ist sicher schwieriger geworden, die sozialökonomischen Probleme nach dem Modell Egon Bahrs in großen Entwürfen zu lösen. Am Ende bleiben dennoch die "Grundgedanken" und Fragen, die der Präsident a.D. zur Debatte gestellt hat, Gedanken, auf die Helmut Kohl sich inhaltlich nicht eingelassen hat.Nach fünfzehn Jahren ist jede Regierung erstarrt, und die Demokratie sieht dann alt aus.Falsch?Richtig?Die CDU ist groß und stark, aber enger geworden.Falsch?Richtig?Die amtierende Politik führt - mit der Ausnahme "Europa" - nicht geistig, sie ist nicht hinreichend konzeptionell?Falsch?Richtig? Kreuzen Sie Ihre Antwort bitte an.