Eine Ära geht zu Ende: Die Industriegesellschaft wandelt sich zur Wissensgesellschaft. Die klassischen Produktionsfaktoren - Boden, Arbeit, Kapital - werden nach und nach durch den Produktionsfaktor Wissen ergänzt. Durch die digitale Technik ist der "Rohstoff" Information immer weniger zeitund ortsgebunden. Das aus Information generierte Wissen wird damit in Zukunft prinzipiell für jeden, zu jeder Zeit und an jedem Ort zugänglich sein. Weltweit entsteht auf diesem Wege ein riesiges Wissensmeer. In Deutschland lernen jedoch nur wenige bereits in der Schule, sich darin zu orientieren. Während die digitale Revolution dabei ist, das Gesicht der Welt zu verändern, hat die pädagogische Debatte in Deutschland von dieser Entwicklung kaum ernsthaft Notiz genommen.

Doch obwohl moderne Informations- und Kommunikationstechniken zunehmend Beruf und Alltag dominieren, stand bis vor kurzem nur für etwa zwei Prozent der Schüler überhaupt ein Computer zur Verfügung und ist in so manchem Lehrerkollegium das Internet noch ein Buch mit sieben Siegeln. Während aus Nintendo-Kids längst kleine Computerexperten werden, können nur etwa zwanzig Prozent der Lehrer mit PCs umgehen. Dabei wird nach Schätzungen von Experten schon im Jahr 2000 nur noch ein Drittel aller Arbeitnehmer ohne Computerkenntnisse auskommen können. Es ist also nicht bestreitbar, daß die persönlichen Zukunftschancen der Kinder von dieser Fertigkeit abhängen. Wenn Kinder in der Schule für das Leben lernen sollen, müssen sie auch lernen, mit Wissen und der Verarbeitung von Wissen - also auch mit Computern - sinnvoll umzugehen. Medienkompetenz ist zukünftig eine Schlüsselqualifikation.

Die Einrede, hier werde die Schule als Bildungsort einmal mehr "verzweckt", diesmal für den Qualifikationsbedarf der Wirtschaft, kann ich nicht gelten lassen. Mir erscheint es zweitrangig, welcher bildungstheoretische Ansatz gewählt wird. Wenn Bildung im Humboldtschen Verständnis gerichtet sein soll auf die "Aneignung von Welt", dann ist der Umgang mit neuen Medien eine Fähigkeit, deren Beherrschung in Zukunft wesentliche Dimensionen dieser Welt erst erschließt. Wenn Bildung gerichtet sein soll auf Einübung in Mitverantwortung für das Gemeinwesen, dann wird künftig das elektronische Forum ein Raum demokratischer Meinungs-, vielleicht auch Willensbildung sein. Der Schulunterricht als ein Ort von Bildung muß deshalb in die Lage versetzt werden, die Lebenswirklichkeit der neuen Medien widerzuspiegeln.

Zusammen mit Telekom-Chef Ron Sommer habe ich deshalb im vergangenen Jahr die Initiative "Schulen ans Netz" gestartet. Ziel ist es, bis zum Jahr 2000 rund 10 000 Schulen ans Internet anzuschließen. Es war eine Notmaßnahme, weil unsere Schulen wieder einmal ins Abseits zu geraten drohten. Dafür stellen das Bundesbildungsministerium und die Telekom 59 Millionen Mark zur Verfügung.

"Schulen ans Netz" leistet einen wichtigen Beitrag dazu, die Schüler auf die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts vorzubereiten. Den Schulen wird die Möglichkeit gegeben, in Zeiten knapper Kassen und auf unbürokratische Weise die notwendige Infrastruktur für eine Medienerziehung in die Klassenzimmer zu holen. In Chemie, Biologie und Physik geht es auch nicht ohne Labor. Und Sport ohne Turnhalle und Sportgeräte ist ebenso undenkbar wie Medienerziehung im digitalen Zeitalter ohne Multimedia-Equipment. Natürlich ist es damit noch nicht getan. Die Bereitstellung der Infrastruktur ist selbst noch keine Medienerziehung, sondern nur die Voraussetzung dafür, daß sie stattfinden kann.

Allein das Anstoßen dieser Initiative hat dazu geführt, daß viele Verantwortliche aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht sind. Medienerziehung, die auch die neuen elektronischen Medien einschließt, ist plötzlich ein Thema.

Ein wichtiges Feld ist hier das Unterscheidenkönnen von Fiktion und Wirklichkeit: Es sollte uns nicht belustigen, daß erwachsene Menschen bei einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender anrufen und fragen, ob sie eine Wohnung in der Lindenstraße mieten können. Und es ist entsetzlich, daß - wie in Großbritannien geschehen - kleine Kinder ihr Geschwisterchen zerstückeln und sich wundern, daß es sich - anders als im Horrorfilm - nicht mehr zusammenfügen läßt.