Am Abend in der Linie 19, die zwischen Frankfurter Hauptbahnhof und Messegelände pendelt, ist das Seufzen und Wimmern groß. Das sind die Standhostessen, denen die Füße weh tun. Manch eine von ihnen ist sogar barfuß zur Bahn gehumpelt, denn - ruckediguh - Blut war im Schuh. Ach, denkt da der Messebesucher, was wäre die Internationale Automobilausstellung für eine herrliche Veranstaltung, wenn die Leute, statt den ganzen Tag über Metalliclackierungen und Colorverglasungen zu streicheln, Hostessenfüße massieren würden. Gewiß ließe sich so die Menschheit retten.

Statt dessen aber wollen alle nur das eine: Autos anfassen. Porsches anfassen. Ferraris anfassen. Golfs anfassen. Golfs anfassen? VW hat sich wirklich einiges einfallen lassen, damit auch der Dümmste merkt, daß es erstens einen neuen Golf gibt und dies zweitens ein Ereignis ist. Man muß nämlich, bevor man das neue Auto in Halle 1 anfassen darf, zunächst einen Event-Tunnel passieren, in dem einem kräftig das Gehirn gewaschen wird. Drinnen tost ein gewaltiges Diskogedröhn, Laserstrahlen fingern nach dem verängstigten Besucher, plötzlich rauscht ein Vorhang aus herabprasselndem Regen zu Boden, und auf den Regen werden Szenen aus dem Leben junger dynamischer Autofahrer projiziert (Golf fahren, Golf spielen et cetera).

Wer das übersteht und aus dem Tunnel taumelt, der sieht den Golf IV mit neuen Augen. Ohne diese Vorbereitung könnte man auf den Gedanken kommen, daß sich der Neue vom alten Golf III so dramatisch unterscheidet wie ein Ei vom anderen. Es gibt nämlich ganz und gar bemitleidenswerte Geschöpfe in der Automobilindustrie, das sind die Designer. Nachts sitzen Autodesigner zu Hause am Zeichenbrett und stricheln heimlich fünf Meter lange Prunkschleudern mit Chromleisten und Heckflossen aufs Papier. Tags stehen sie mit wehenden Ohren im Windkanal und kämpfen mit Ingenieuren, Luftwiderstandsexperten und Kaufleuten um den Winkel einer zehn Zentimeter langen Fuge über dem Hinterrad.

Die Golf-Designer zum Beispiel mußten tränenden Auges zusehen, wie unter der Heckklappe ein Bürzel wuchs und wuchs, weil die Versicherungen bei dicken Stoßfängern die Tarife senken. Die exzessivsten Designauswüchse am Golf IV sind die neuen Vorderleuchten (jetzt Klarglas statt Milchglas) und die revolutionäre Instrumentenbeleuchtung (jetzt - Weltneuheit! - blau). Golf bleibt Golf, solange die Verkaufszahlen so toll bleiben, und man möchte keinesfalls dem Golf-Kunden zu nahe treten. Denn der gilt als konservativ.

Dabei ist der Kunde eigentlich ein recht schlichtes Wesen. Setz ihn in ein Auto, erzähl ihm eine Geschichte, und auf geht's. Ruckzuck wird er im Straßenverkehr nur noch Markengefährten sehen, ihnen gelegentlich zuwinken und Nachbarn und Freunden die seinem Auto zugehörige Geschichte weitererzählen.

Hach, Alfa Romeo! Am Stand in Halle 5 laufen ununterbrochen Filme auf Großleinwand mit längst verwehten Rennsporterfolgen. Setz den Kunden in die Weltpremiere Alfa 156, die vorn eine Triefnase hat und hintenrum ausschaut wie ein koreanisches Windkanalergebnis, und er wird heißes italienisches Blut in sich entdecken. Setz den Kunden in einen Toyota, und er wird nichts mehr für unmöglich halten, nicht einmal, daß er der Selbstironie fähig ist. Setz ihn in einen Mercedes ...

Halt! Moment! Halle 2. Mercedes-Halle. Hier hat Daimler-Benz auf verschiedenen Ebenen alles reingestopft, was im Angebot ist. Und alles schreit durcheinander. Dinosaurier schreien, weil ein weltneuer Geländewagen der sogenannten M-Klasse eine Nebenrolle in "Jurassic Park II" spielt. Irgendwo quietschen kunterbunte Winz- und Witzautos namens Smart dazwischen, die so klein sind, daß mit ihrer Hilfe glatt doppelt so viele Autos unsere Innenstädte verstopfen könnten. Schwer beleidigt brummeln die dicken teuren Riesen der S-Klasse in ihrer Ecke, die so dick und wichtig sind, daß ihretwegen ganze Autoreisezüge umgebaut wurden.