Von falscher Bescheidenheit hält Ulf Rittinghaus überhaupt nichts. "Die Leute sollen sehen, daß wir teure Anzüge tragen, teure Autos fahren und stolz darauf sind." Doch der feine Zwirn und die repräsentative Flotte von Achtund Zwölfzylindern sind beileibe nicht das einzige, was der 41jährige und sein dreieinhalb Jahre älterer Bruder Ernst Wilhelm vorzuzeigen haben. Die beiden Unternehmer aus dem sauerländischen Hemer haben im sächsischen Zwickau ein kleines Wunder vollbracht: Aus dem heruntergekommenen ehemaligen Trabant-Werk, haben sie wieder einen Betrieb gemacht, der die feinsten Adressen der internationalen Automobilindustrie beliefert.

Und jetzt wollen sie auch auf dem Börsenparkett demonstrieren, daß das Zwickauer Traditionsunternehmen wieder wer ist: Am 2. Oktober soll die Sachsenring Automobiltechnik AG (SAG) symbolträchtig erstmals an der Börse in Frankfurt notiert werden.

Dabei stießen "die Rittinghäuser" eher zufällig auf den Sanierungsfall im Osten. Ohne eine Begegnung von Marketingmann Ulf Rittinghaus mit einem Banker vor einer Waschstraße im heimischen Hemer wäre das traditionsreiche Werk, in dem schon August Horch seine ersten Karossen (Horch, Audi) zusammenschrauben ließ, wohl schon Geschichte. Der Banker bat den Unternehmer, der damals zusammen mit seinem Bruder Ernst Wilhelm die vom Vater übernommene mittelständische Rittinghaus-Gruppe (Sanitär- und Kunststofftechnik) leitete, sich mit ihm in Zwickau eine Produktionshalle anzuschauen.

Die Halle gehörte zur Sachsenring Automobilwerke GmbH, die zur Liquidation anstand. Und obwohl das 230 000 Quadratmeter große Areal des ehemaligen Auto-Union-Werks, auf dem seit 1957 der VEB Sachsenring drei Millionen Trabant gebaut hatte, den Eindruck eines Industriemuseums erweckte, erkannte das Verkaufstalent seine Chance. "Es war gar nicht so leicht, meinen Bruder, den Ingenieur, davon zu überzeugen, daß die heruntergekommene Industriestadt, in der es überall aus geborstenen Rohren zischte, ein Marketingthema sein könnte."

Als die beiden Sauerländer im Herbst 1993 in Zwickau auftauchten, hatten die von ehemals 11 300 übriggebliebenen 284 VEB-Werker kaum noch Hoffung, daß Sachsenring weiterleben könnte. "Der Betrieb ist nicht sanierungsfähig und wird plattgemacht, hatte uns die Treuhand erklärt", sagt Manfred Schürer, der 1972 als Montageschlosser bei Sachsenring angefangen hatte. Der 47jährige ist jetzt Betriebsratsvorsitzender und mußte mehr oder weniger hilflos mit anschauen, wie das Traditionsunternehmen das übliche Schicksal der DDR-Kombinate ereilte. Die älteren Kollegen wurden in den Vorruhestand geschickt, ein großer Teil landete bei der obligatorischen Qualifizierungsgesellschaft, die sich erst mal mit dem Abriß der alten Anlagen beschäftigte, und nur eine glückliche Minderheit landete in kleineren Ausgründungen oder bei Westinvestoren.

Drei Jahre nachdem der letzte Trabant vom Band gelaufen und das Zweigwerk im nahe gelegenen Mosel an Volkswagen gegangen war, schien sich für den eigentlichen Stammbetrieb kein Käufer mehr auftreiben zu lassen. Dafür fielen die wechselnden Berater und Manager, die im Auftrag der Treuhand neue Konzepte entwickeln sollten, vornehmlich durch exorbitante Honorare oder unrealisierbare Ideen auf.

"Schon wieder zwei solche Wessis", dachte sich denn auch Manfred Schürer. Doch Ernst Wilhelm und Ulf Rittinghaus sorgten von Anfang an für ein "völlig anderes Klima". Die beiden Unternehmersöhne verstanden es offenbar, sich in die angeschlagene Psyche ihrer ostdeutschen Landsleute hineinzuversetzen. Mit jedem der übernommenen VEB-Werker führten sie Einzelgespräche.