Natürlich ist diese Art Neugierde unter Kennern verpönt - sie gilt als privatistisch, als unwissenschaftlich, als elender Biographismus. Aber so sind sie halt, die Leser. So sind wir halt, wir Leser. Lassen nicht ab von den Schlüssellöchern. Bleiben dem allerfragwürdigsten Subjektbegriff verhaftet. Schnüffeln im Privatleben der Autoren (oder lassen schnüffeln). Wollen Dinge wissen, die keiner wissen kann und die uns nichts angehen.

Hatte Jane Austen ein Inzestverhältnis mit ihrer Schwester? Hatte Kleist eins mit seiner Schwester? Hatte John Osborne eine Affäre mit einem Schriftstellerkollegen? Ist Graham Greene aus einem Homo-Verhältnis in eine Hetero-Ehe geflüchtet? War Daphne du Maurier eine Lesbierin? War Ted Hughes schuld am Selbstmord seiner Ehefrau Sylvia Plath? War Ingeborg Bachmann frigide? War Kafka impotent? War Shakespeare andersrum? War Goethe schwul?

Verpönen nützt nichts. Den Fachmann schaudert's, doch der Laie bleibt dabei: Diskursanalysen sind ihm schnurz, an der Literatur interessiert ihn, mit wem der Autor schläft. Oder geschlafen hat. Der Literaturvoyeurismus giert nach Intimitäten. Und er zeitigt Bücher, die Intimitäten hervorzerren. Da sich ein gewesener Dichter seinen Biographen nicht aussuchen kann, mag sein posthumer Leumund schon mal einem Schreiblöwen zufallen, der sein Tigermütchen an ihm kühlt. So wie es Goethe nun mit Karl Hugo Pruys passiert ist.

"Die Liebkosungen des Tigers - Eine erotische Goethe-Biographie" nennt sich der Beitrag des Bonner Journalisten und ehemaligen CDU-Sprechers und Kohl-Biographen zum weiten Feld der überflüssigen Informationen. Von ihm erfahren wir, Tiger Goethe habe seine Liebkosungen nur Männern zugedacht. Nichts habe er lieber getan, als nackt mit jungen Männern in Schweizer Seen zu baden. Sein Leben lang habe er mit keiner Frau verkehrt, außer allenfalls mit Christiane Vulpius. Sohn August sei vielleicht gar nicht von Goethe. Statt dessen: Männerliebe, so weit Pruysens Auge reicht. Und das reicht weit. Bis nach Gut Pempelfort bei Düsseldorf. Bis zu dessen Besitzer, dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi. Den ernennt Pruys zu Goethes homosexuellem Liebhaber. Seinem "Fritz" sei Goethe "restlos verfallen" gewesen.

Kaum können wir die Wucht dieser Meldung auf uns wirken lassen, schon teilt uns Pruys via Guardian mit, was wir davon zu halten haben: Jetzt müßten "Tausende von Goethe-Biographien und Studien umgeschrieben werden". Hatten wir das nicht schon mal? Lassen wir also den Verdacht, daß hier jemand schwärmerische Sturm-und-Drang-Rhetorik allzu wörtlich genommen haben könnte, und machen wir uns sofort ans Umschreiben. Am besten, wir beginnen mit dem dicksten Brocken, mit Kurt R. Eisslers "Goethe - Eine psychoanalytische Studie" in zwei fetten Bänden.

Dank Eissler wissen wir von Goethes Geschwisterkomplex. Von ihm, dem Psychoanalytiker, haben wir gelernt, daß Goethes große, heimliche, tabuisierte Liebe seiner jüngeren Schwester Cornelia galt, die, unglücklich verheiratet, mit 26 Jahren starb. Ihr habe Goethe bis zu seiner römischen Reise unbewußt die Treue gehalten. In seinem Leben und Schreiben war Cornelia überall präsent - als Werthers Lotte, als Iphigenie, als Mignon. Seine Schuldgefühle Cornelia gegenüber belasteten seine anderen Beziehungen. All seine Frauengeschichten, zu Lotte, Friederike, Lili, Minna, blieben unvollzogen, bei Frau von Stein, seiner Psychoanalytikerin avant la lettre, ging er nur in Gesprächstherapie. Erst danach, in Italien, im Alter von 39 Jahren, gelang es ihm erstmals, Frauen sexuell zu lieben. Erst danach konnte er sich 28 Jahre lang mit seinem "Betthasen" Christiane herzlich vergnügen und ihr fünf Kinder machen.

Das mag ja alles plausibel klingen und schlüssig argumentiert sein. Dennoch: Nach Pruys muß man's umschreiben. Denn Pruys hat erstmals den schwulen Goethe geoutet. Hat er das wirklich? Schon bei Eissler lesen wir, aller Umgang Goethes mit Freunden sei homosexuell gefärbt gewesen, namentlich innerhalb des Jenaer Kreises. Und der Tod Schillers bedeutete den "Verlust einer äußerst wichtigen homosexuellen Bindung".