Die fieberhaft erwartete Millenniumswende fällt aus. Gerade noch rechtzeitig hat sich herausgestellt: Wir leben erst im Jahr 1699 christlicher Zeitrechnung.

Rund dreihundert Jahre unserer bisherigen Geschichte, so meint der geschichtswissenschaftliche Autodidakt Heribert Illig herausgefunden zu haben, seien von dem deutschen Kaiser Otto III. im 7. Jahrhundert nach Christus frei erfunden worden. Otto habe sich mit dieser kühnen Fälschung einen spektakulären Herrschaftsmythos verschaffen und vom Glanz eines überragenden Vorgängers profitieren wollen: Wie das gesamte frühe Mittelalter, so habe auch der legendäre Karl der Große in Wirklichkeit nie existiert. Er sei eine fiktive Gestalt, ersonnen und in die Welt gesetzt in verschwörerischer Fälschergemeinschaft von weltlicher und kirchlicher Macht.

Illigs These klingt zunächst nur wie die verrückte Idee eines Exzentrikers.

Bei näherem Hinsehen wirft sie jedoch interessante Fragen über das Verhältnis zur Geschichte in unserer Gesellschaft auf. Daß Illigs Theorie, die zunächst nur in esoterischen Zirkeln bekannt war, in einer breiten Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit hervorrief, ist ein Symptom für das wachsende Bedürfnis nach Umschreibung und Umdeutung der Historie.

Dieses Bedürfnis ist freilich nicht neu. Immer schon wurde der Deutungsmacht von Geschichte für die Auseinandersetzungen der Gegenwart großes Gewicht zugemessen. Das frühere Pathos der Geschichtsneuschreibung speiste sich jedoch zumeist aus dem Impetus, verschwiegene Ereignisse ans Tageslicht zu befördern: die vergessenen Taten und Helden der Arbeiterklasse etwa, die unterdrückte Wahrheit über die Leistungen bedeutender Frauen oder kolonisierter Völker. Auch dieses Pathos war verschwörungstheoretisch: Die Herrschenden, so hieß es, hätten die historischen Fakten gefälscht oder verschwiegen, weil sie ihrer Herrschaftsideologie widersprachen. Der "Tigersprung in die Vergangenheit" (Walter Benjamin) sollte sie zurückholen: Geschichte sollte verlebendigt und als Waffe im Befreiungskampf der Benachteiligten eingesetzt werden. Nach dieser Version gab es in Wirklichkeit mehr Geschichte als die offiziell bekannte. Unter der offiziellen Geschichte schlummerte noch eine ganze Gegengeschichte. Es waren viel zu wenige Ereignisse und Fakten bekannt. Die neuen Geschichtsumschreiber meinen dagegen, daß es weniger Geschichte, weniger Ereignisse und Fakten gibt, als behauptet wird. Auch diese Variante richtet sich gegen ein Fälschung der Herrschenden. Aber der Vorwurf lautet diesmal, sie hätten nicht existente Ereignisse erfunden, um ihre Macht abzusichern.

Die Heribert-Illig-Variante der Geschichtsrevision packt die Geschichtsschreibung bei ihrem Anspruch, eine positive Wissenschaft zu sein.

Illigs positivistisches Pathos besagt: Alles, was je stattgefunden haben soll, muß sich auch unzweifelhaft belegen und rekonstruieren lassen. Seine superpositivistische Schraubendrehung liegt im Umkehrschluß: Wenn Ereignisse sich nicht anhand authentischen Beweismaterials nachweisen lassen, können sie auch nicht stattgefunden haben. Schon vor einem Jahrzehnt hat er in einer gemeinsam mit Gunnar Heinsohn verfaßten Untersuchung die ägyptische Pharaonenzeit neu datiert und um einige tausend Jahre gekürzt. Hinter Illig steht eine ganze Gruppe von geschichtswissenschaftlichen Außenseitern, die sich um die Zeitschrift Zeitensprünge sammelt und die sich obsessiv mit derartigen Korrekturen tatsächlicher oder vermeintlicher Fehldatierungen historischer Epochen beschäftigt.