DIE ZEIT: Im Juli haben nach dem Mord an einem jungen Gemeinderat erstmals Hunderttausende im Baskenland gegen die Terrororganisation Eta und ihren politischen Arm Herri Batasuna (HB) protestiert nach dem tödlichen Anschlag gegen einen Polizisten in Basauri Anfang September gingen 20 000 Menschen in der Kleinstadt auf die Straße.Ist die Bevölkerung mit ihrer Geduld gegenüber den gewalttätigen Separatisten am Ende? FERNANDO LóPEZ CASTILLO: Ich glaube, ja.Vergessen Sie nicht: Kurz vor dem Anschlag auf Blanco hatte die Polizei den entführten Gefängnisbeamten Ortega Lara gefunden.Dabei entdeckte man, daß er die siebzehn Monate seiner Gefangenschaft in einem kleinen Tunnelloch verbracht hatte, unter höllischen Bedingungen - weit schlimmer übrigens als die Gefängnisbedingungen für verurteilte Eta-Terroristen.In dieser angespannten Situation wurde dann der junge Gemeinderat Miguel Angel Blanco versch leppt - und alle begriffen sofort, daß er am Ende ermordet werden würde.So geschah es auch.Und da war es mit der Geduld vorbei.Die allgemeine Empörung hat sogar die jungen Leute, die nach Francos Tod auf die Welt gekommen sind und sich sonst ni cht für Politik interessieren, auf die Straße getrieben. ZEIT: Was sagt das über die Stimmung in der Bevölkerung? LóPEZ CASTILLO: Was wir hier in den vergangenen Monaten erlebt haben, war eine Art Revolution.Sie hat bewiesen, daß sich in der Zwischenzeit die Mentalität der Leute hier verändert hat.Die Eta gibt es nun seit fast vierzig Jahren, länger als die Franco-Diktatur.Und ich bin sicher, daß dieselben Leute, die 1975 in Francos letztem Lebensjahr wegen der Todesurteile von Burgos (dort wurden fünf Leute, darunter ein Eta-Terrorist, trotz weltweiter Proteste zum Tod verurteilt, d.Red.) auf die S traße gegangen sind, heute gegen den Mord an Blanco demonstrieren. Wie damals wehren sie sich gegen einen unerträglichen Zustand.Nur ist es heute nicht mehr die Diktatur, die uns unter Todesandrohung die freie Rede verwehrt nun sind es die Terroristen.Damals waren alle geschlossen gegen Franco, heute sind alle geschlossen gegen die Eta.Mit Ausnahme einer kleinen Gruppe, die einer Ideologie nachhängt, die in der Vergangenheit verankert ist. ZEIT: Eta ist die Diktatur geworden, die sie einst bekämpfte? LóPEZ CASTILLO: Ja.Eta, die einst auszog, die Unterdrückung der Basken zu bekämpfen, ist selbst zu einem Apparat der Unterdrückung geworden.Er will der Mehrheit der Bevölkerung seine Vorstellungen mit Gewalt aufzwingen.Die Eta sagt: Bis die Gefangenen zusammengelegt werden und dem baskischen Volk die Möglichkeit einer freien Entscheidung über die staatliche Unabhängigkeit gegeben wird, werden wir nicht aufhören zu existieren.Aber das ist reiner Vorwand, denn die Eta ist sich lä ngst zum Selbstzweck geworden.Die Terroristen sind nicht fähig, sich geänderten politischen Realitäten anzupassen - weil sie nicht begriffen haben, daß die Wirklichkeit an ihnen vorbeigelaufen ist. ZEIT: Gilt das für die gesamte Bewegung? LóPEZ CASTILLO: Es gibt wohl inzwischen vereinzelt internen Widerspruch. Einige Gemeinderäte und Gewerkschaftler, selbst solche von der Eta, haben die Partei verlassen, weil sie mit dem Mord an Blanco nicht einverstanden waren. Allerdings übt Eta auch massive interne Repression aus.Wenn ein Militanter nicht mehr mitmachen will, dann brandmarken sie ihn erst als ideologischen Verräter, und manchmal töten sie ihn sogar. ZEIT: Was sollte Eta jetzt tun? LóPEZ CASTILLO: Dies ist ein Wendepunkt für die Eta.Sie muß anerkennen, daß das Volk anders leben will.Die Eta muß sich auflösen.Das hätten sie schon vor Jahren tun sollen. ZEIT: Das hat es ja schon einmal gegeben. 1981 beschloß die Eta poløtico-militar (Eta p-m), der "politische" Zweig der Eta, einen Waffenstillstand mit der Regierung zu schließen und sich aufzulösen Sie, Herr López Castillo, waren damals ein Mitglied der knapp zwanzigköpfigen Führung.Wie sind Sie an die Spitze einer terroristischen Organisation gelangt? LóPEZ CASTILLO: Wir empfanden uns als revolutionär, nicht als Terroristen. Ich war gerade zwanzig, als ich 1973 Militanter der Eta wurde.Warum - dazu gehören viele sehr persönliche Gründe, über die man selber später nur schwer urteilen kann.Ich kam aus der Protestgeneration, die lange Haare trug, Joints rauchte und ebenso gegen die Eltern rebellierte wie gegen die Gesellschaft. Aber man darf nicht vergessen, daß Spanien damals eine graue, repressive Diktatur war.Es war verboten, Gewerkschaften oder Parteien zu gründen, jede Form der Opposition wurde brutal unterdrückt, Meinungsfreiheit gab es nicht. Als ich noch Chemie in Madrid studierte, saß ich eines Tages in der Mensa, da stürmten die Grises, die bewaffnete Polizei, in den Eßsaal hinein.Zu Pferd! Und alles nur, weil einige Studenten mehr Freiheiten reklamierten.Zu dieser Zeit waren alle gegen die Diktatur, und wir glaubten, es müsse etwas getan werden, um sie zu beenden.Ich bin zur Eta p-m gegangen, weil sie damals noch den Rückhalt in der Bevölkerung suchte - anders als Eta militar, die bereits im Untergrund operierte. ZEIT: Was für eine Rolle haben Sie in der Eta gespielt? LóPEZ CASTILLO: Anfangs war alles ziemlich harmlos.Wir machten zum Beispiel Fortbildungskurse im baskischen Teil von Frankreich.Ab 1975 haben wir mit kleineren Protestakten begonnen, wie Graffiti an den Häuserwänden.Oder wir brachten leere, in eine baskische Flagge verpackte Pakete auf Baukränen an, so daß die Guardia Civil hinaufklettern und sie herunterholen mußte.Aber bald darauf wurden etwa hundert von uns nach Algerien geschickt, zur paramilitärischen Ausbildung.Von 1976 bis 1981 war ich dann Mitglied der Führung und habe alles mitgemacht - Organisation, Kommandoaktionen, Information. ZEIT: Aber Franco war seit dem 20.November 1975 tot, und Spanien befand sich schon im Jahr darauf erkennbar auf dem Weg zu einer Demokratie. LóPEZ CASTILLO: Deshalb haben wir 1976 eine Generalversammlung der Eta p-m einberufen, mit etwa 100 Teilnehmern, von denen ich vermute, daß sie etwa 500 bis 600 Mitglieder vertraten.Das zentrale Thema auf dieser sogenannten VII. Versammlung war die Frage, wie wir mit dem Übergang zur Demokratie umgehen sollten.Einige von uns, ich darunter, meinten, wir müßten eine politische Partei gründen und uns darauf vorbereiten, sogar Teil einer Koalitionsregierung zu werden eine andere Gruppe widersprach entschieden. Der Haupttheoretiker dieser demokratischen Integration war ein Genosse mit dem Kampfnamen "Pertur" (Eduardo Moreno Bergaretxe, d.Red.).Als er später verschwand, glaubten wir alle, er sei von der spanischen Ultrarechten ermordet worden.Heute bin ich sicher, daß unsere radikalen Gegner innerhalb der Eta ihn beseitigt haben. ZEIT: Wie viele Menschen hat Eta p-m getötet? LóPEZ CASTILLO: Etwa zwanzig, schätze ich. ZEIT: Und an wie vielen Morden waren Sie persönlich beteiligt? LóPEZ CASTILLO: Ich habe keinen Menschen selbst getötet.Aber natürlich bin ich als Mitglied der Führung mitverantwortlich für das, was andere getan haben. ZEIT: Wie kam es zu Spaltung und Zerfall der Eta poløtico-militar? LóPEZ CASTILLO: Die Taktik der Eta p-m war der heutigen sehr ähnlich.Heute bringen die Terroristen Politiker der regierenden rechtskonservativen Partido Popular von Ministerpräsident Aznar um, wie Miguel Angel Blanco, den jungen Gemeinderat des baskischen Städtchens Ermua.Wir begingen damals Attentate gegen Politiker der christdemokratischen Partei UCD von Ministerpräsident Suárez und gegen den Tourismus.Bei den Bombenanschlägen von 1979 auf die Madrider Bahnstationen Atocha und Chamar tøn starben vier Menschen, viele wurden verletzt - ganz normale Bürger.Wohlgemerkt: Eta militar tötete damals weit mehr als hundert Menschen pro Jahr.Aber die ersten Massendemonstrationen im September 1980 - es waren nur ein paar tausend Demonst ranten, nichts im Vergleich zu heute - richteten sich gegen unsere Aktionen. Und sie gaben auch den Ausschlag für die Spaltung innerhalb der Eta p-m.Ich gehörte zu denen, die gegen die Anschläge waren.Wir erreichten sogar, daß Eta p-m ein Kommuniqué veröffentlichte, in dem der Terror verurteilt wurde. Und im November 1980 beschlossen wir den Waffenstillstand. ZEIT: Warum? LóPEZ CASTILLO: Weil uns klar war, daß nur eine Entspannung der Lage die Fortentwicklung der jungen spanischen Demokratie fördern würde und daß wir dazu einen eigenen Beitrag leisten müßten.Dann kam der versuchte Staatsstreich von Oberst Tejero, am 23.Februar 1981.Wir begriffen, daß noch mehr geschehen mußte: die völlige Auflösung unserer Organisation.Inzwischen gab es ja nicht nur Parteien, sondern ein baskisches Autonomiestatut und ein eigenes Parlament, sogar eine eigene Polizei.Wir waren d er Ansicht, daß wir in der politischen Auseinandersetzung mit den anderen Parteien dieselben Ziele erreichen könnten, für die wir bis dahin gekämpft hatten - aber ohne Gewalt. Das ist der Unterschied zwischen Eta poløticomilitar, der ich angehörte, und den kompromißlosen Radikalen von der Eta militar: Wir haben versucht, auf die Bevölkerung zu hören.Und das Volk wollte die Demokratie, also haben wir uns ihm angeschlossen. ZEIT: Dieser Meinung war aber nur eine Minderheit von etwa einem Drittel, zu der Sie gehörten die anderen machten weiter und wurden schließlich von der Polizei gefaßt. LóPEZ CASTILLO: Die Mehrheit der Führung wollte aufhören es war vor allem die Basis, die weitermachen wollte.Trotzdem haben wir 1982 die Selbstauflösung erklärt.Zuvor hatten wir mit der Regierung Verhandlungen begonnen.Diese mündeten schließlich in eine Amnestie für diejenigen Inhaftierten und Exilierten, die zu einer "Reintegration" in die spanische Gesellschaft bereit waren.Innerhalb eines Jahres kamen alle frei.Und auch ich bin 1983 aus Frankreich zurückgekommen. ZEIT: Wie verlief Ihre "Reintegration"? LóPEZ CASTILLO: Es war nicht so schwierig.Die Bevölkerung des Baskenlandes nahm unsere Entscheidung mit sehr viel Interesse, sogar Dank zur Kenntnis. Einige von uns gründeten eine Partei, Euskadiko Eskera, der auch ich mich angeschlossen habe inzwischen ist sie in der sozialdemokratischen Partei aufgegangen.Ich habe sogar einmal kandidiert, aber jetzt bin ich nicht mehr parteipolitisch aktiv.Ich engagiere mich noch in der baskischen Friedensbewegung, aber eigentlich führe ich seither ein ganz normales Leben. Dies ist ja das Jahrhundert der großen Umwälzungen, und auch wir einstigen "Revolutionäre" haben uns adaptiert. 1975 waren wir jung, naiv, wir wollten die Diktatur des Proletariats und waren alle überzeugte Marxisten-Leninisten. In den vergangenen zwanzig Jahren mußten wir lernen, daß die Entscheidungsprozesse der Demokratie anders und langsamer verlaufen, als wir erwartet hatten.Die Wirtschaft ist durch die Globalisierung weltweit vernetzt und wird von internationalen Organisationen wie dem Weltwährungsfonds mitbestimmt.Die neuen Technologien haben das Konzept der Arbeit auf den Kopf gestellt.Wir haben völlig umdenken müssen. ZEIT: Wie kann es weitergehen für den harten Kern der Eta?Ein Sprecher von Herri Batasuna hat kürzlich gesagt, Eta sei zum Weiterkämpfen gezwungen, weil die spanische Regierung - anders als der britische Premier Tony Blair gegenüber der IRA und Sinn Féin - nicht zu Verhandlungen bereit sei. LóPEZ CASTILLO: Zum Verhandeln gehört, daß man auch bereit ist, etwas aufzugeben.Aber Eta hat deutlich zu verstehen gegeben, daß sie zu keinerlei Konzessionen bereit ist.Der unabhängige Staat, den Eta will, wäre ein faschistoider Einheitsstaat.Das lehnt die große Mehrheit der Basken ab. Vollends absurd ist es, wie die Eta zu sagen, ein unabhängiges Baskenland solle aus der Nato aussteigen.Oder aus Europa - von dessen Strukturfonds wir schon lange profitieren.Gerade für die progressive Linke eröffnet die Europäische Union doch ganz neue Möglichkeiten, eine echte Solidargemeinschaft aufzubauen. ZEIT: Halten Sie es für möglich, daß Eta sich am Ende selbst auflösen wird? LóPEZ CASTILLO: Wenn sie es nicht tut - was ich befürchte -, kann es passieren, daß die Basken sie irgendwann eigenhändig herauswerfen. Fernando López Castillo ist das geworden, was er früher nie werden wollte: ein wohlanständiger Bürger der spanischen Demokratie.Zur Pressekonferenz, auf der die Eta poløtico-militar 1982 ihre Selbstauflösung bekanntgab, erschien das Führungsmitglied noch mit kinnlangen Locken und schütterem Bart nun ist das Haar des 44jährigen kurz und eisgrau, der studentische Schlabberpullover ist einer korrekten Windjacke gewichen.So weit, so normal.Was López Castillo wirklich von der Mehrheit seiner ideologi schen Weggefährten - ob im Baskenland, Italien oder Deutschland - unterscheidet, ist der ironisch-distanzierte Blick auf die Politik der Gewalt.Er nennt den Terror beim Namen, urteilt scharf, spart auch die eigene Verstrickung nicht aus.Heute beschre ibt sich der Familienvater als "engagierten Progressiven" seit zehn Jahren betreibt er in seiner Heimatstadt Vitoria ein Film- und Computeranimationsstudio."Virtual Reality ist die Technik der Zukunft", lächelt der kleine Mann.Die Eta, meint er, werd e letztlich daran scheitern, daß sie es nicht verstanden habe, sich der veränderten Wirklichkeit anzupassen.Weil es immer mal "dumme Jungs, die auf Ideen kommen" gebe und "weil ich damit unangemessen in den Vordergrund gerückt werde", läßt López Castillo sich für Medien nicht mehr photographieren.