Im Jahr 600 nach Gutenberg reitet Don Quijote noch einmal aus. Seit je ist er der Leser aller Leser, der an die Wahrheit der Bücher glaubt, wahrhaftig ein Ritter von der traurigen Gestalt. Doch nun führt er weniger einen eingebildeten als einen aussichtslosen Kampf. Als Lanze benutzt er einen enormen Federhalter. Die Attacke auf die Windmühlen gilt jetzt den Antennen. Auch manche Scheibe geht dabei zu Bruch. Die feindlichen Heere entdeckt er in unabsehbaren Schafherden, die, wie es die Art der Schafe ist, blöd in die Welt glotzen. Schließlich befreit er eine Herde von Galeerensträflingen, die über ihn herfallen, weil sie von Befreiung nichts wissen wollen.

Danach leckt Don Quijote seine Wunden. Er fühlt sich elegisch. Aber gelegentlich bricht der Kämpfer in ihm durch. Aus Abgesängen auf die verblichene Herrlichkeit des Rittertums werden Kriegserklärungen. Im Jahr 600 nach Gutenberg gelingt ihm etwas eigentümlich Paradoxes: eine kämpferische Gutenberg-Elegie.

Ihr Autor ist der in den USA kontrovers debattierte Essayist, Publizist und Hochschullehrer Sven Birkerts, Jahrgang 1951. Sein Thema ist nicht neu: Zwischen Marshall McLuhan und Neil Postman, Norbert Wiener, Vilem Flusser, Jean Baudrillard und Paul Virilio, Alvin Kernan und Friedrich Kittler, nicht zu vergessen Günther Anders und Walter Benjamin haben sich etliche Autoren kritisch oder zustimmend, enthusiastisch oder eben elegisch mit dem Big Bang der Gutenberg-Galaxis, dem "Mediadigmenwechsel" von der Buchkultur zu den elektronischen Medien, befaßt.

Birkerts' Katastrophenbewußtsein allerdings ist ausgeprägter. Und so deutlich wie sonst nur Postman belebt er eine altehrwürdige Disziplin, die man eher in Deutschland als im Land des ungebrochenen Fortschrittswahns vermuten würde: die Kulturkritik. Birkerts spricht sogar von einem "Lesekulturkampf".

Keineswegs liegt ihm die Rolle des Maschinenstürmers fern. Auf gut deutsch-faustisch spricht er von einem rechtschaffenen Teufelspakt der mediengläubigen Seelen. Natürlich tritt der Teufel heute in Gestalt eines smarten Medienapostels auf. Dann wird der Essay zum Manifest. Am Schluß steht noch einmal der Aufruf zur "großen Verweigerung". Jetzt gilt er nicht mehr dem Kapitalismus, sondern der Welt diesseits des "elektronischen Vorhangs".

Als begabter Elegiker beschreibt Birkerts suggestive Bilder dessen, was mit der Buchkultur verlorenzugehen droht. Eine Frau in einer Laube, die ihre Augen gerade von dem Buch erhebt, in das sie sich vertieft hatte, und die nun in die Ferne blickt. Wer liest, ist allein. Lesen ist Für-sich-Sein.

Nietzsches "Pathos der Distanz" muß man nicht gleich mit Birkerts für die Lesekultur bemühen, aber eine gewisse Absonderung ist schon damit verbunden.