Jeden Herbst, sagt er, gehe es von neuem los. Seit drei Jahren immer dieselben Anrufe von Associated Press, dieselben Journalistenfragen. Sie werden als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt, was sagen Sie dazu? Er versuche, sagt er, nicht daran zu denken, rede sich ein, der Preis werde nie an ihn gehen. Alles vergeblich. Denn natürlich möchte er den Preis haben. Ein solcher Haufen Geld, steuerfrei noch dazu. Er könnte jeder seiner drei Töchter eine Wohnung in Lissabon kaufen - für den Fall, daß ihm etwas zustoße. Portugal habe nur einen einzigen Nobelpreisträger aufzuweisen, einen Mediziner, den einstigen Chef seines Vaters. Er wünschte, sagt er, dieses Ding käme auf ihn zu, solange sein Vater noch lebt. "Es wäre ein Akt der Wiedergutmachung an meiner Mutter und meinem Vater - ein Dank für alles, was sie für mich getan haben."

Mitte August wurde gemeldet, daß der international renommierte portugiesische Schriftsteller Antonio Lobo Antunes nicht zur Frankfurter Buchmesse reisen wird, die in diesem Herbst Portugal zum Schwerpunktthema hat. Er sage seine Teilnahme als Mitglied der offiziellen portugiesischen Delegation ab, ließ der Autor wissen. "Ich brauche Portugal nicht, und Portugal braucht mich nicht."

Ein Affront, offenkundig. Auch ein Akt des Hochmuts? Will sich hier ein berühmter Autor mit weniger berühmten Kollegen nicht gemein machen? Eine solche Strategie der Verweigerung kann sich nur leisten, wer sicher sein kann, daß sich sein Glanz durch Abwesenheit erhöht. Seit einigen Jahren ist dies bei Antonio Lobo Antunes der Fall. Er ist in dem Stadium angelangt, wo ein Autor seinen Ruhm organisieren muß, und sei es durch ostentative Absenz. Seine Bücher werden viel übersetzt, vor allem in Frankreich, Deutschland und Skandinavien, er ist der bekannteste portugiesische Schriftsteller der Gegenwart - neben José Saramago, seinem um zwanzig Jahre älteren Antipoden.

Seine Kunst ist es, die Portugal für die literarische Welt lesbar macht. Seine Romane entfalten präzise und sehr differenzierte Zustandsbilder der portugiesischen Gesellschaft und übersteigern sie zugleich ins höllisch Fratzenhafte, ins Apokalyptische. Was er herbeihalluziniert, wem er die Stimme gibt, das sind Portugals Dämonen, so grotesk wie fürchterlich. Seine Romane sind barocke Untergangsgeschichten vom portugiesischen Wesen und Verwesen, bizarr und melancholisch. Die triftigste Untergangsmetapher ist immer noch die Familie: Lobo Antunes erzählt das Unglück Portugals deshalb vornehmlich als Familiensaga, als Herrschafts- und Leidensgeschichte von der Gewalt der Väter und der Ohnmacht der Söhne, als Verfallsrhapsodie einer untergehenden Klasse.

Lobo Antunes stimmt den Abgesang vom lusitanischen Popanz an, er besingt den gloriosen Niedergang, die blühende Auflösung Portugals, das seine Zukunft seit langem hinter sich hat. Sein Portugal ist eine marode Phantasmagorie, geschichtsmatt und weltvergessen, "voller Furunkel aus Palästen und Harnsteinen aus kranken Kathedralen", sein Lissabon eine versunkene Stadt, über der sich die Fluten der Zeit geschlossen haben - ihre Dächer sind Korallenriffe, ihre Straßen Krebsgrotten und die Wolken über der Stadt "nichts weiter als schwimmende Algenbänke". Sein Thema ist dieser schmale Landstreifen am wäßrigen Außenrand Europas und mit dem Rücken zur Zeit: ein Land in der Flaute, wo das Leben stockt und wie betäubt auf der Stelle tritt, ein Land der Ahnungen und Alpträume, das aufs Meer und in die Vergangenheit starrt, beide unendlich größer als das Vorhandene, ein verdämmerndes Ruinenreich, trotz Massentourismus und EU-Beitritt, ein entmutigtes und entmächtigtes Land, trotz Beseitigung der Diktatur.

Die nachkoloniale Seelenfäule schwärt fort, bei den Rückkehrern aus den überseeischen Provinzen Angola und Mosambik wie bei den Veteranen des Kolonialkriegs. Die Zensur mag abgeschafft, die Pide, die politische Polizei, mag aufgelöst sein, aber der Schatten der Despotie mit ihrem Spitzel- und Folterwesen ist nicht gewichen, die Herrschaft der großen Familien-Clans dauert an, die Ordnung der alten Männer, das väterliche Prinzip, gilt nach wie vor. Immer noch geistert "der Professor" durchs Gedächtnis: Diktator Salazar, der kümmerliche lusitanische Popanz, trippelnd "mit leichten Nonnenschrittchen", an Kamillentees nippend. In der Erinnerung entscheidet er immer noch "mit seinem Spatzenfiepen" über Gedeih und Verderb, über Fátimawunder und Konzentrationslager, über Bolschewistenwahn und imperiale Weltmachtgelüste.

Bei Lobo Antunes ist alles immer Gegenwart. Die Vergangenheit ist, mit Faulkner gesprochen, nicht vergangen, die Gegenwart ist, mit Sartre gesprochen, nichts als vergangene Zukunft. Vergangenheit und Zukunft gehen auf und sind verschlungen in einer allumfassenden Gegenwärtigkeit. Alles dauert, dauert an und dauert fort. In seinen Romanen geschieht alles simultan. Vielmehr: Alles geschieht simultan nicht. Da im Portugal des Lobo Antunes alles am toten Punkt stagniert, bewirkt der allgemeine Stillstand die Gleichzeitigkeit aller Vorgänge. Das zeitliche Nacheinander ist aufgehoben in der Synchronität aller Ereignisse. Wo nichts geschieht, geschieht alles zugleich. Das Nacheinander des epischen Erzählens wird von diesem Autor ersetzt durch ein labyrinthisches Verschränkungs- und Parallelisierungsspiel, das alle Zeitebenen überblendet und unterschneidet - bis den Leser ein Schwindelgefühl totaler Gleichzeitigkeit erfaßt. Das lang anhaltende Unglück Portugals, in diesen Synchronisierungsschriften des Antonio Lobo Antunes verewigt es sich. Dieser Autor braucht Portugal, und Portugal braucht ihn.

Das Hospital Miguel Bombarda in der Rua Almeida Amaral mitten in Lissabon war früher ein Nonnenkloster und trägt den Namen eines vormaligen Chefarztes, der von einem seiner geisteskranken Patienten ermordet wurde. Das Spital wirkt freundlich und still im Spätsommerlicht, ein anmutiger Barockbau in Honiggelb. Es sieht gemütlich aus, zwangloser, als man sich eine psychiatrische Klinik vorstellt. Patienten dösen friedfertig im Vorgarten.

Der Psychiater Dr. Lobo Antunes ist in der Abteilung für Notfälle anzutreffen. Schon sein Vater war hier Chefarzt. Er selbst hat den Posten des Chefarztes geräumt, als das Schreiben ihm dafür keine Zeit mehr ließ. Nun ist er zwar nicht länger Chef, aber immer noch oft in seinem Sprechzimmer zu finden. Hier ordiniert er auch für Journalisten - auf den ersten Blick ein schroffer und verschlossener Mann, optisch eine vierschrötigere Ausgabe des Typus Yves Montand. Seine Harthörigkeit kaschiert er durch Monologisieren, aber im monologischen Sprechen wird er immer offener und freundlicher.

Auch passionierter. Wie seine Landsleute den portugiesischen Auftritt bei der Buchmesse eingefädelt hätten, sei eine Schmach und eine Peinlichkeit, sagt er. Seiner Meinung nach hätte man fünf oder sechs gute Autoren individuell nach Frankfurt schicken sollen, nicht aber dreißig im Pulk. "Es gibt keine dreißig präsentablen Schriftsteller in diesem Land. Sie werden sich blamieren. Da will ich nicht dabeisein."

In diesem grottengrünen Arztzimmer kann Lobo Antunes schreiben, da ist er unter Menschen und trotzdem ungestört. Er sagt, er möge den Spitalsgeruch und er liebe den Kontakt zwischen der Hand und dem Papier. Die Erst-, Zweit- und Drittfassungen seiner Romane entstehen alle auf Krankenhauspapier, engzeilig geschrieben mit bunten Kugelschreibern und in einer aufrecht gerundeten, braven Bubenschrift.

Ein Dutzend Romane sind es bisher, in den achtzehn Jahren zwischen "Memoria de elefante" ("Elefantengedächtnis"), dessen Übersetzung er verboten hat, weil sein Vater das Buch anfängerhaft fand, und "O manual dos inquisidores", dessen deutsche Übersetzung (von Maralde Meyer-Minnemann) soeben erschienen ist ("Das Handbuch der Inquisitoren", Luchterhand Verlag). Schreiben, sagt er, könne er überall - auf Reisen, mit Menschen ringsum, bei laufendem Fernseher ohne Ton. Er schreibe langsam und zäh, oft zwölf, fünfzehn Stunden täglich. Wenn er nicht arbeite, fühle er sich schuldig.

Er ordne seine Romane gerne in Zyklen. Zuerst drei autobiographische Romane über Kolonialkrieg, Liebe und Irrenhaus. Dann vier Romane über Portugal. Danach die Benfica-Trilogie - drei Bücher über das Villenviertel, in dem er aufgewachsen ist. Deutschsprachige Leser kennen davon "Die Leidenschaften der Seele" und "Die natürliche Ordnung der Dinge". Und jetzt sitze er an einer Tetralogie über die Macht - über die alten Eliten Portugals, die weißen Kolonialherren in Afrika, die Machthaber im Mutterland. Er sei jetzt 55 und halte sich für einen alten Mann, auch wenn er sich immer noch wie ein kleiner Junge fühle, der voller Bewunderung aufblicke zu den Großen der Literatur, zu Grass, zu Mailer, zu Ernesto Sábato. "Wenn ich noch drei, vier Bücher fertigbringe und wenn sie gut sind, dann habe ich ein Polster, um den Kopf drauf zu betten, wenn ich sterbe."

"Ich bin ein Mann aus einem schmalen, alten Land, aus einer in Häusern ertrinkenden Stadt. Ich wurde geboren und bin aufgewachsen in einer stickigen Welt aus Häkelspitzen, die Häkelarbeit der Großtante und die manuelinische Häkelarbeit der Architektur haben meinen Kopf in Filigranmuster zerlegt, mich an die Nichtigkeit von Nippes gewöhnt, kurz, sie haben meine Sinne reglementiert", berichtet der Ich-Erzähler in dem autobiographischen Roman "Der Judaskuß".

Da hat er den Schock seines Lebens schon hinter sich, die Entregelung der Sinne bereits durchgemacht, auf brutalste Weise - ein Schicksal, das er mit seinem Autor teilt. 1968 wurde Lobo Antunes vom Salazar-Regime als Militärarzt nach Angola zwangsverpflichtet. Vier Jahre Wehrdienst, davon 27 Monate am Arsch der Welt, "Os cus de Judas", im Angolakrieg, dem Vietnamkrieg des armen Mannes. 150 von den 600 Mann seines Bataillons seien gefallen, sagt Lobo Antunes, aufgerieben durch einen unsichtbaren Feind, verreckt an Malaria, Minen und Guerilla-Kugeln aus dem Hinterhalt.

Lobo Antunes selbst ist davongekommen, im "Judaskuß" beschwört er diese Reise ins Herz der Finsternis - als trunkenen Monolog eines Angolaveteranen in einer Lissaboner Bar, als fiebrige Konfession an eine unbekannte Frau, als besessenen Redeschwall eines Mannes, der seine Verzweiflung in Alkoholschwaden auflöst. So kaputt er ist, so gnadenlos rechnet er mit denen ab, die ihn kaputtgemacht und in einem absurden Krieg verheizt haben. "Der Judaskuß" hat Lobo Antunes 1979 über Nacht berühmt gemacht, aber auch notorisch. Von da an galt er in Portugal als der abgefallene Cherub des Großbürgertums und war inthronisiert als der Luzifer kommunistischer Kritiker.

"Angola hat mir politisch die Augen geöffnet", sagt Lobo Antunes heute. "Es war ein Krieg von Kindersoldaten, angeführt von Offiziersknaben. Er wurde geführt im Namen gewaltiger, stumpfsinniger Ideale - Ehre, Opfer, Vaterland. Dabei gibt es nur eine Ehre - die Ehre, am Leben zu sein."

Ehe er nach Afrika kam, habe er den Tod nicht gekannt, sagt er. Der Tod existierte nicht für ihn. In seiner Familie wurde nicht gestorben, dafür war sie zu jung. "Ich bin der älteste Sohn zweier ältester Söhne. Als ich geboren wurde, waren meine Eltern zwanzig, meine Großmutter war vierzig, mein Großvater war viel jünger als ich heute, ich habe Onkel und Tanten, die nur fünf Jahre älter sind als ich."

Die Familie war jung, aber zugleich uralt. Lobo Antunes ist der Sproß einer großbürgerlich-aristokratischen Dynastie. Hohe Militärs und ein brasilianischer Kautschukgroßhändler finden sich unter seinen Vorfahren, aber auch eine deutsche Großmutter. Sein Vater, zwei seiner fünf Brüder und er selbst sind Mediziner. "Zu Hause in Benfica wurde nie über persönliche Gefühle geredet, nur über Literatur. Während des Faschismus konnte man auch nicht über Politik reden. In den Ferien las uns mein Vater jeden Tag ein, zwei Stunden lang Gedichte vor. Ich wuchs mit deutscher und englischer Literatur auf, mit Goethe und den Brontës und George Eliot."

Im Hause Lobo Antunes ist der 25. April 1974 ein Datum, an dem sich die Familiengeister scheiden. Ob die Nelken-Revolution, der Militärputsch gegen das System Salazar/Caetano, als Befreiungsschlag oder als Katastrophe anzusehen sei - in der Familie ist das strittig. Sein Vater und seine Brüder seien Linke, sagt er, die waren einverstanden mit dem Umsturz. Aber die Brüder seiner Mutter, die Schwestern seines Vaters hätten die Revolution einfach nicht zur Kenntnis genommen, hätten die Zeit angehalten und sich eingesponnen in ein imaginäres Portugal von früher. In all seinen Romanen sind solche Menschen anzutreffen, die nostalgisch einer verschwundenen Größe nachhängen: Schleiereulen der Vergangenheit, die benommen ins Heute blinzeln und sich nicht zurechtfinden im Faktenlicht.

Der Riß in der Familie geht durch Lobo Antunes hindurch und ist sein literarisches Thema: Er wütet in seinen Romanen gegen das Ancien régime, aber es läßt ihn nicht los. Er rechnet mit ihm ab, aber die Rechnung geht nie auf. Indem er es anprangert, beschwört er es ständig aufs neue. Indem er es wortgewaltig haßt, erhält er es am Leben. Die beherrschenden großen Familien der Salazar-Zeit, die Wirtschaftsbarone und Financiers, gehören ebenso zum Personal seiner Romane wie die Militärs, die verstockten imperialen Phantasten und achtlosen Menschenwürger, einschließlich ihrer Büttel und Folterknechte. Seinen neuen Roman "Das Handbuch der Inquisitoren" hat er Ernesto Melo Antunes gewidmet, seinem Hauptmann während des Angolakriegs, der einer der Mitverschwörer und Programm-Vordenker der Revolution und später Minister wurde. So ziert ein Mann, den Lobo Antunes ehrt und bewundert, die Aufschlagseite eines Romans, in dem es kaum Figuren gibt, die sich ehren und bewundern ließen.

Was für eine Familie! Was für ein Haushalt! Eben noch war der Herr Doktor gefürchteter Minister unter Salazar, Besitzer eines Landgutes in Palmela, über dem die Raben lachen, Familiendespot, Herr aller Dienstmädchen, Tyrann all seiner ehelichen und unehelichen Kinder, eben noch konnte er stolz von sich sagen, er nehme vor niemandem den Hut ab, nicht einmal vor Salazar, nicht einmal beim Rammeln des weiblichen Personals, doch jetzt liegt er im Altenheim in Alvalade, inkontinent, zahnlos und ohne Hut. Und nebenan liegt der Major und kämpft genauso mit der Bettpfanne und dem Gebiß. In einem früheren Leben war er Chef der Geheimpolizei Pide.

JoÆo, der Sohn des Ministers, sitzt an Vaters Bettkante und perlustriert die Ruinen seines Lebens. Sein Vater hatte ihn mit der Tochter einer der großen Familien verheiratet, doch für den hochmütigen Clan von Bankherren und Industriefürsten in Estoril ist dieser Schwiegersohn immer nur ein Versager gewesen, ein Tölpel, der Sohn eines politischen Parvenüs. Von der Frau ist er geschieden, und Palmela hat er verloren. Der Schwieger-Clan hat ihm das Landgut mit Trug und Drohungen abgeluchst und es in eine lukrative Feriensiedlung mit Reitställen, Swimmingpools und Golfplatz verwandelt.

Was JoÆo nicht weiß: Diese Transaktion ist eine Revanche - die kalt genossene Rache des Familien-Chefs in Estoril an JoÆos Vater. Erst hat er dem Minister Isabel, die Ehefrau, abspenstig gemacht, dann raubte er ihm auch noch sein Gut.

Was nur das Personal weiß, der Chor der Statisten in diesem Herrenleben: Der mächtige Minister war bloß eine Attrappe, eine gebrochene Figur, die den Despoten nur noch schwächlich markierte, ein hilflos trauernder, verlassener Liebhaber seiner untreuen Frau. In der vornehmen Rua Castilho hat er Milá ausgehalten, ein Mädchen aus einem Kurzwarenladen, nur weil er sich einredete, sie sehe der entschwundenen Isabel ähnlich.

Was für eine triste Liebesfarce: der verblendete sugar-daddy und der Trampel Milá, der sich in Isabels konservierte Kleider und Stöckelschuhe von einst quetscht, um dem Alten sein Sehnsuchtstheater vorzuspielen, die Wunschvorstellung von der Rückkehr der jungen, liebenden Isabel.

Als "Berichte" und "Kommentare" hat Lobo Antunes seine Materialien geordnet. "Das Handbuch der Inquisitoren" gibt sich das Gepräge einer inquisitorischen Befragung. Insgesamt achtzehn Zeugen melden sich zu Wort und geben ihre Sicht der Dinge zu Protokoll, ein buntgemischtes Personal: Haushälterin, Hausmeister und Chauffeur, der Tierarzt, den der Minister kommen ließ, damit er die Köchin von seiner Bastardtochter entbinde, diese Tochter selbst, deren angolanische Ziehmutter, die Mätresse Milá und deren Mutter, schließlich die engere Familie und am Ende deren Oberhaupt selber, der morsche Patriarch und triste Autokrat. Sie alle erheben die Stimme, beharren auf ihren Leitmotiven, vermischen in Zeitsprüngen assoziativ Vergangenheit und Gegenwart, monologisieren drauflos, verbergen sich, verraten sich, trauern, zetern, höhnen, flüstern, verstummen.

Was für ein Stimmengewirr! Was für eine symphonisch durchkomponierte Stimmenordnung! Lobo Antunes gibt jedem Sprecher seine eigene Stimmlage, seinen Tonfall, sein Milieu, seine Sichtweise, seine biographische Wahrheit. Nur bei William Faulkner finden sich polyphone Stimmengeflechte von vergleichbarer Raffinesse und formaler Kühnheit. Die Wortprotokolle der Zeugen klingen bei Lobo Antunes wie Beichtreden, wie Assoziationsmaterial von der Psychiater-Couch, wie Konfessionen vor einer Letzt-Instanz, die niemand anders ist als der Leser selbst. Denn der Leser ist es, der all diese Redeschwälle kanalisiert und all diese Bewußtseinsströme zusammenführt. Er ist der Großinquisitor, für den diese inquisitorischen Befragungen veranstaltet werden. Und natürlich wird ihm von Lobo Antunes an Aufmerksamkeit, Zuwendung und Geduld einiges abverlangt. Wie man es von einem Großinquisitor eben erwarten darf.

Nie werde er ein Bestsellerautor sein, sagt Lobo Antunes in seinem Lissaboner Spitalzimmer. Das sei auch nicht sein Ehrgeiz. "Ich bin bescheiden. Ich möchte die Kunst des Romans verändern. Ich möchte eine neue, nie dagewesene Art erfinden, die Dinge auszudrücken. Wenn man dieses Ziel nicht anstrebte, hätte es keinen Sinn zu schreiben."

Und dann erzählt er von seinem Freund, dem italienischen Autor Antonio Tabucchi. Den habe er gefragt, warum er seine Zeit darauf verschwende, Lobo-Antunes-Romane ins Italienische zu übersetzen, anstatt seine eigenen Bücher zu schreiben. "Weil du mehr Talent hast als ich", habe Tabucchi geantwortet.