Tony, der Klempner, klopft den Wasserhahn aus seiner Verankerung. "So, Deutscher sind Sie", sagt er auf der Suche nach einer gemeinsamen Gesprächsebene. "Volkswagen", fällt ihm ein, sein Gesicht hellt sich auf, ein kultureller Graben ist übersprungen. "Mein Nachbar hat jahrelang einen gefahren, er war nie kaputt. Die Deutschen bauen ausgezeichnete Autos."

Der Mythos von den emsigen Autobauern und perfektionsbesessenen Ingenieuren ist bei vielen Briten noch intakt. "Ich spreche hier ab und zu mit Investoren, die unbedingt made in Germany auf ihren Produkten stehen haben wollen", berichtet Franz Josef Kremp, Wirtschaftsförderer bei der Deutschen Botschaft in London. Und auch das andere Klischee über die Deutschen als Wirtschaftssubjekte hält sich hartnäckig: daß ihr großer Fleiß ihnen ein Schlaraffenland mit hohen Löhnen, kurzen Arbeitszeiten und traumhaften Urlauben beschert. Karikaturisten verpassen ihren Deutschen nach wie vor pralle Bäuche, speckige Wangen, manchmal einen Teint von der Sonnenbank. "Es schwingt sogar ein bißchen Angst mit", meint Robin Gedye, bis 1996 Bonner Korrespondent für den Daily Telegraph, "vor dem Pöbel aus der Bierhalle, der einst blonden arischen Herrenrasse, die jetzt am Steuer einer rücksichtslosen Wirtschaft sitzt."

Seit einigen Monaten hat dieses Bild indes schwere Kratzer. Nicht zuletzt hat John Major dafür gesorgt, der in seinem letzten Wahlkampf die Überlegenheit des "britischen Weges", des "angelsächsichen Wirtschaftsmodells", mit seinen ungebändigten Arbeits- und Kapitalmärkten propagierte. Von Deutschland vermittelten die Konservativen ein trübes Bild: Massenarbeitslosigkeit, Staatsschulden, Blockaden bei der Politik, fruchtlose Subventionsströme. Die britische Entwicklung verlief schließlich entgegengesetzt: Die Wirtschaftsforschungsinstitute sagen für 1997 im Schnitt 3,4 Prozent Wachstum voraus, die Inflation ist unter Kontrolle, das Haushaltsdefizit schrumpft rapide, die Arbeitslosigkeit fiel auf 6,9 Prozent.

Und während die Deutschen früher oft als die - ungeliebten - wirtschaftspolitischen Lehrmeister Europas empfunden wurden, verpassen die Briten ihnen nun die Retourkutsche. "Wir kriegen inzwischen immer wieder die gleichen Sachen zu hören", sagt Bernd Atenstaedt, Vizechef der Deutsch-Britischen Handelskammer in London. "Mit Deutschland werden hohe Lohnnebenkosten assoziiert, übermäßige Bürokratie, wenig Beweglichkeit und Risikofreude."

Madsen Pirie etwa, Präsident des Adam Smith Institute und ehemaliger Thatcher-Berater, macht die hohen Arbeitskosten für die deutsche Flaute verantwortlich. Löhne und die Lohnnebenkosten seien viel zu hoch: Mancher Deutsche verdient das Doppelte seines britischen Kollegen. Hinzu kommen noch die hohen Lohnnebenkosten, die auf der Insel im Schnitt bei nur fünfzehn Prozent liegen. "Deutschland fällt auch nicht gerade als ein Land auf, das zur Zeit eine besonders aktive Deregulierung am Arbeitsmarkt betreibt", sagt Pirie. Er rät der Regierung, "sofort radikal das System der sozialen Absicherung umzubauen": Starre Tarifstrukturen am Arbeitsmarkt müßten weg, die Sozialhilfe solle in Form von Versicherungen privatisiert werden, die Altersvorsorge ("kurz vor einem Desaster") auf ein System mit Kapitaldeckung umgestellt werden. "Wir haben hier vor zwanzig Jahren begonnen, solch mutige Entscheidungen zu treffen", sagt Pirie.

Ruth Lea, die Chefökonomin des mittelständischen Unternehmerverbandes IoD, hört bei ihren Mitgliedern "zum Thema Deutschland immer wieder die Wörter Regulierung und Bürokratie". Tatsächlich gibt es kaum einen britischen Korrespondenten in Deutschland, der nicht ein paar hübsche Geschichten über Verbotsschilder, Papierkrieg und die Borniertheit von Verwaltungsbeamten in seine Heimat faxt. Beim Handelsministerium, das für britische Mittelständler oft die erste Anlaufstelle bei Export- und Investitionsfragen ist, erkundigen sich viele Geschäftsleute zunächst "nach der Vielzahl von Verpackungsvorschriften und wie es mit dem grünen Punkt funktioniert".

Ob gewerkschaftliche Mitbestimmung im Betrieb, Umweltauflagen, Verbraucherschutz und Panik vor der Rinderseuche BSE - alles verbindet sich bei den Briten zu einem Bild erdrückender Überregulierung. Dagegen kursieren unter deutschen Unternehmern in London Anekdoten von kompletten Fabrikanlagen, die die Briten binnen weniger Wochen genehmigten. "Wenn Sie in London übers Wochenende eine große Transaktion über die Bühne bringen wollen, bekommen Sie problemlos Sektetärinnen, Dienstleister, sogar die Behördenvertreter können Sie erreichen", erzählt das deutsche Vorstandsmitglied einer Großbank in London. "Versuchen Sie das mal in Frankfurt!"