Nach 1990, in einem Rückblick auf die fünfzigjährige Epoche des Kalten Krieges, zeigt sich, daß dieser eine Art Latenzperiode für die Krise des Militärischen war, die jetzt erst offen zutage tritt. Auf einmal scheint vieles, wenn nicht alles zur Disposition zu stehen - allgemeine Wehrpflicht, atomare Überbewaffnung, militärische Dogmen, Feindbilder. Anlaß genug, einen Rückblick auf die Konstitutionsbedingungen der militärischen Institutionen und ihrer kulturellen Praktiken zu werfen.

Der von der Sozialhistorikerin Ute Frevert herausgegebene Band gibt einen ausgezeichneten Überblick über die Militärverfassungen der großen (und einiger kleinerer) Mächte des 19. und 20. Jahrhunderts. Ausgangspunkt in vielen dieser Staaten war ein doppeltes Paradox. Zum einen ächtete der Zivilisationsanspruch die - zumindest unkontrollierte - Anwendung von Tötungsgewalt zum anderen war die Vereinbarkeit von demokratischen und militärischen Strukturen prekär. Staatliches Gewaltmonopol und institutionelle Einbindung waren die Antworten auf die damals, an der Wende zum 19. Jahrhundert, zurückliegenden Kriegserfahrungen. Folglich bildeten die Militärverfassungen samt ihrer informellen Begleiterscheinungen wesentliche Zutaten bei der "Erfindung" der bürgerlichen Nationalstaaten, der Ausprägung ihrer patriarchalisch dominierten Geschlechterordnung und der Ausgestaltung ihrer zivil-militärischen Beziehungen.

Nach diesen drei Aspekten sind die Beiträge - zumeist Länderstudien - des vorliegenden Bandes strukturiert. An den vielfältigen Modellen der Wehrverfassung zeigt sich, wie weit der legitimatorische Weg vom verachteten Söldner des 17. und 18. Jahrhunderts bis zum akzeptierten Bürgersoldaten und schließlich - im preußisch-deutschen Falle - zur militärischen "Schule der Nation" war, in der sich das Militär nicht mehr als Abbild, sondern als Vorbild der Gesellschaft verstand. Diesem Prozeß entsprach, trotz der unterschiedlichen Militärordnungen, die Produktion des "männlichen Kriegers", der seinerseits von einer randständigen, ja verdächtigen Figur zum normsetzenden Sozialtypus avancierte und damit nicht nur das Männlichkeitsideal prägte, sondern zugleich die Bürgerexistenz definierte. In einem Zeitsprung wenden sich die Beiträge dann den Militärverfassungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu. Hervorzuheben ist der Aufsatz von Martin Kutz, der erstmals die beiden deutschen Militärverfassungen der Nachkriegszeit parallel diskutiert und dabei auf die tiefen Brüche (aber auch auf die verdeckten Kontinuitäten) im zivil-militärischen Verhältnis aufmerksam macht. Die Länderstudien über die Schweiz und Israel zeigen, wie sich trotz einer starken alltagsweltlichen Präsenz des Militärs die Dominanz militärischer Normen in Grenzen halten läßt - auch wenn Moshe Zimmermann am israelischen Beispiel auf die aktuellen Labilitäten dieses Wechselverhältnisses hinweist. Diese Befunde, unterstreicht die Herausgeberin, verweisen darauf, "daß von einem generellen und prinzipiellen Widerspruch zwischen Militär und demokratischer Gesellschaft nicht die Rede sein kann".

So beruhigend dieses Resümee auch ist, es setzt die Kenntnis der Ambivalenzen und Abgründe voraus, von denen die zivil-militärischen Beziehungen der letzten beiden Jahrhunderte durchzogen sind. Vielleicht speist sich die vermeintliche Sicherheit, mit der diese Bilanz formuliert wurde, aus einer konzeptionellen Schwäche des Bandes, der - bis auf den herausragenden Beitrag von Stig Förster über das amerikanische Modell - auf den "Normalzustand des Friedens" (Frevert) fokussiert ist, aber kaum die einschneidenden und folgenreichen Erfahrungen gesellschaftlicher Kriegführung thematisiert. Die verschiedenen kriegerischen Katastrophen der vergangenen 200 Jahre scheinen in diesem Band nur von fern her auf.

Es scheint bisweilen, als sei die sozialhistorische Überwindung der traditionellen Kriegsgeschichte in diesem Band beim anderen Extrem angelangt.

Handelte "Kriegsgeschichte" vordem (fast) nur von Schlachten und Verbänden, so kennt hier die "Militärgeschichte" keine Kriege mehr. Unter der Hand fällt der Kriegszustand aus dem sozialhistorischen Normengefüge und wird zur Grenz- und Ausnahmesituation. Aus dem Auge gerät dem kühlen historischen Blick, daß wir eine Katastrophengeschichte zu besichtigen haben - die "Epoche der Volkskriege".

Liest man den Band unter diesem Aspekt gegen den Strich (der systematisierende Schlußbeitrag von M. Rainer Lepsius lädt dazu ein), wird deutlich, wie sehr bis auf den heutigen Tag zwei Organisationsprinzipien der Militärverfassung koexistieren und konkurrieren, denen der moderne "Volkskrieg" sowohl Pate wie Amme gewesen ist. Das Pendel militärischer Ordnung bewegt sich zwischen Selbstmobilisierung und Zwangsmobilisierung, also zwischen Miliz- und Freiwilligensystemen auf der einen und Wehrpflichtarmeen auf der anderen Seite.