Geschichtsaufarbeitung" und "Vergangenheitsbewältigung" sind zwei deutsche Wörter, zu denen es meines Wissens keine Äquivalente in irgendeiner anderen Sprache gibt. Semantisch stark hervorgehoben ist im Deutschen auch die Tatsache, daß die Beschäftigung mit der jüngsten Geschichte, und gerade mit der Geschichte einer vorausgegangenen Diktatur, immer ein Politikum ist.

Dafür hat man im Deutschen zumindest drei Begriffe schon parat: "Geschichtspolitik", "Erinnerungspolitik" und den erst neulich in einem Buch von Norbert Frei exponierten Begriff der "Vergangenheitspolitik".

In Deutschland wird die Geschichtsaufarbeitung nach 1989 immer wieder mit derjenigen nach 1945 verglichen: "Zweierlei Vergangenheitsbewältigung" ist das Thema nicht nur eines Aufsatzes, sondern auch schon einiger Bücher.

Erstaunlicherweise wird sie kaum mit der Erfahrung anderer postkommunistischer Länder in Europa verglichen. Nun hört man gleich den Einwand: Aber die deutsche Erfahrung ist anders als alle anderen, denn diese Geschichtsaufarbeitung wird in einem völlig anderen Staat vollzogen. Wenn wir genauer hinsehen, stellen wir allerdings fest, daß die meisten postkommunistischen Geschichtsaufarbeitungen in einem völlig anderen Staat geschehen als in dem zur Zeit des Kommunismus bestehenden.

Vergleichen wird man also dürfen.

Im folgenden beschränke ich mich hauptsächlich auf das postkommunistische Europa. Ich ziehe den neutraleren Begriff der Geschichtsaufarbeitung vor, gebe aber davon keine Definition a priori, sondern lasse, auf englisch-empirische Art, an konkreten Beispielen erkennen, was alles darunter verstanden wurde - oder werden könnte. Ich stelle dabei drei einfache, aber große Fragen: Ob, wann und wie man "aufarbeiten" soll.

Nun wird die erste Frage, ob man eine solche Geschichte überhaupt aufarbeiten soll, in Deutschland fast immer sofort mit "ja" beantwortet. Natürlich muß man diese Geschichte aufarbeiten! Aber die Grundsatzfrage ist nicht ganz so leicht von der Hand zu weisen. Ein Althistoriker erinnerte mich kürzlich an ein Beispiel: Cicero, der im Jahre 44 vor Christus verlangte, omnem memoriam discordiarum oblivione sempiterna delendam (jegliche Erinnerung an die mörderischen Zwieträchtigkeiten durch ewiges Vergessen zu tilgen). Mein - des Zeithistorikers - erstes Beispiel wiederum stammt von Churchill, der fast genau 2000 Jahre nach Cicero, in seiner berühmten Zürcher Rede von 1946, zu einem blessed act of oblivion, also einem "gesegneten Akt des Vergessens", zwischen den Feinden von gestern aufrief. Ich zitiere beide Redner im Original, weil in beiden das Wort "oblivion" - nur schwach mit "Vergessen" übersetzt - benutzt wird.