Seit Jahren streiten die Vereinigten Staaten und die Europäische Union um die Fleischimporte von hormonbehandelten US-Rindern. Die EU will dieses Fleisch nicht, erlitt in ihrer Abwehr aber kürzlich eine Schlappe, als die Welthandelsorganisation WTO gegen Brüssel entschied. Jetzt schlagen Molekularbiologen eine ganz neue Bresche: Durch gezielte Änderungen des tierischen Erbgutes könnte die umstrittene Fleischproduktion mittels Hormongaben zumindest teilweise überflüssig werden. Denn die Forscher haben Gene entdeckt, die bei Rindern und Mäusen das Wachstum der Muskeln steuern.

Bei Rindern läßt sich künftig auch durch gentechnische Eingriffe bei üblicher Futtermenge ein Fünftel mageren Fleisches mehr gewinnen. Das könnte die Tiermast revolutionieren. Denn auch Schweine, Broiler oder Truthähne könnten dank der neuen Erkenntnisse und Biotechnik mehr Fleisch ansetzen.

Schon vor Jahren hatten belgische Rinderzüchter in aufwendiger Auslese eine üppig muskulöse Fleischrasse namens Blauweiße Belgier herausgemendelt. Diese Kolosse schleppen etwa zwanzig Prozent mehr Fleisch auf den Rippen als gewöhnliche Rinder. Blauweiße Spitzenbullen strotzen derart vor Kraft, daß ihnen das Laufen schwerfällt. Ihre wuchtigen Kälber können nur mit Kaiserschnitt auf die Welt kommen.

Nun haben drei Forschergruppen unabhängig voneinander die genetische Veranlagung für den enormen Muskelwuchs gefunden. Das "Schwarzenegger-Gen", wie es Spötter nennen, kommt in ähnlicher Form auch beim Menschen vor. In der Septemberausgabe der Zeitschrift Nature Genetics berichtet ein europäisches Team - geleitet von Michel Georges an der Universität Lüttich, darunter auch zwei Forscher der TU München in Freising-Weihenstephan -, daß die Supermuskeln auf der Veränderung eines kürzlich entdeckten Gens beruhen. Dieses Gen enthält die Bauanleitung für ein Eiweiß namens Myostatin, was salopp übersetzt "Muskelbremse" heißt.

Zwei weitere Genetikergruppen, die eine geführt von Tim Smith vom Labor des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) in Clay Center, Nebraska, die andere von Sejin Lee an der Johns-Hopkins-Universität, haben ebenfalls ein verändertes Myostatin-Gen entdeckt. Sie wurden nicht nur bei den Blauweißen, sondern auch bei einer muskulösen Rinderrasse namens Piedmontese fündig.

Das Eiweiß Myostatin war erst vor vier Monaten von Lee und seiner Studentin Alexandra McPherron aufgespürt worden. Gewöhnlich begrenzt es das Wachstum des Skeletts und der dazugehörigen Muskulatur. Bei den besonders fleischigen Rindern fällt die wachstumshemmende Wirkung des Myostatins offenbar aus, weil das zugehörige Gen entscheidend verändert, also mutiert ist.

Tim Smith und andere befragte Genetiker sehen mehrere Wege, dank der neuen Erkenntnisse die Tierzucht zu verbessern. Während Smith das Myostatin als Teil eines Regelmechanismus betrachtet und nach weiteren, das Muskelwachstum bremsenden oder stärkenden Molekülen sucht, träumt der Reproduktionsphysiologe Vernon Pursel von den USDA-Forschungslaboratorien in Beltsville, Maryland, bereits davon, "die Aktivität des Myostatin-Gens zu steuern", beispielsweise indem man seine Bauanweisungen mit molekularen Gegenbotschaften teilweise stoppt. Theoretisch ist dies möglich, etwa mittels der Antisense-Technik.