Klagenfurt: Den gebildeten deutschen Ständen ist der Name jener schönen Stadt als Schauplatz des Wettbewerbs um den Bachmann-Preis gegenwärtig, der im Glücksfall mit Literatur, des öfteren mit motzender Provokation, einem bißchen Klamauk, einer Prise Skandal, manch revoltierenden Nerven und darum stets mit einem gewaltigen Auftrieb von Lektoren, Reportern, Groupies, kurz der üblichen Personnage des Literaturbetriebes zu tun hat.

Um den Joseph Roth-Preis für Publizistik (Essays und Reportagen), dessen Vergabe sich zwölf Jahre lang nach ähnlichem Ritual vollzog, war es stiller.

Selten Krisen. Darum nahmen die Verleger auch nicht zur Kenntnis, daß sie bei den Herbstveranstaltungen Autoren und Themen der schönsten Sachbuch-Programme hätten vom Baume pflücken können. Sie blieben in der Regel fern. So entging ihrer Wahrnehmung, daß die Journalisten alles in allem das bessere Deutsch als die Literaten schrieben.

Nein, der Mangel an Aufsehen hatte mit dem Standard der Arbeiten, die um die Publizistikpreise konkurrierten, nichts zu schaffen, und er beeinträchtigte die Qualität der kritischen Diskussionen nicht im geringsten - im Gegenteil.

Zu den Gewinnern des Wettbewerbs zählten im Gang der Jahre Margrit Sprecher, die brillante Reporterin der Weltwoche, und Hans Werner Kilz, der hernach Chefredakteur des Spiegels, dann der Süddeutschen Zeitung wurde, Tilman Spengler mit einer Geo-Reportage und Henryk M. Broder, der Essayist und Pamphletist (nun beim Spiegel), Verena Lueken, die Filmkritikerin der FAZ (heute Korrespondentin in New York) und Christoph Dieckmann von der ZEIT, Eva Karnovsky, die aus Südamerika für die SZ schreibt (damals fürs FAZ-Magazin), Eleonore Büning, die Musikkritikerin ... Eine unvollständige, eine eindrucksvolle Liste.

Die Stadt Klagenfurt aber erlebte im März dieses Jahres eine mindere Revolution. Bei der Wahl des Gemeinderates eroberte die Partei Jörg Haiders, der in Kärnten zu Hause ist, den zweiten Rang - knapp vor der konservativen Volkspartei und nur einen Punkt hinter den Sozialdemokraten. Der Rechten fielen exakt so viele Mandate wie den "Roten" und den "Schwarzen" zu: vierzehn an der Zahl. Bei der Stichwahl für das Amt des Bürgermeisters wiederum ließ der Kandidat der ÖVP, dank der Stimmen aus dem Lager der FPÖ, den rötlichen Siegbert Metelko weit hinter sich. Die Folge: Vizebürgermeister Metelko, ein eleganter und urbaner Herr, seit vielen Jahren Vorsitzender des ORF-Kuratoriums in Wien, wurde zum Rückzug auf die Verwaltung der Stadtwerke, der öffentlichen Bäder, der Schiffahrt und der Verkehrsbetriebe gezwungen.

Das Klagenfurter Kulturressort fiel an den FPÖ-Vertreter Walter Gassner.

Den Bachmann-Preis ließ der Haider-Mann bestehen. Die Beteiligung der Stadt am Joseph Roth-Preis aber wurde gestrichen: sang-, klang- und kommentarlos.

Gründe wurden, wenigstens öffentlich, nicht genannt. Indes darf vermutet werden, daß sich die Unlust am Publizistikwettbewerb aus einem grundsätzlichen Mißtrauen gegen das Volk der Journalisten nährte, die sich in der Tat nicht geneigt zeigten, den Nationaltrommler Haider als rot-weiß-roten Klein-Messias zu umschwärmen. Sie mußten vielmehr als ein zersetzendes Element betrachtet werden, das im Oktober allemal schwadronsweise in das liebliche Kärntner-Land einbrach, dem einst Humbert Fink, der konservativ-gebildete Gründervater beider Preise, einen Nationalismus bescheinigt hatte, "der zugleich rührselig und rabiat ist".

Auch im ORF-Klagenfurt war ein anderer Geist eingezogen (wenn es denn Geist genannt werden konnte): Nach einem sacht-roten Herrn, den sittliche Verfehlungen zum überstürzten Abschied gezwungen hatten, nahm Dipl. Ing.

Helmut Schwandter im Sessel des Landesintendanten Platz. Auch ihm schienen die aufsässigen Publizisten eher lästig zu sein, zumal die Mitglieder der Jury auf dem Beratungsrecht bei der Berufung neuer Mitglieder bestanden, zu Recht vermutend, daß man in Münchner, Hamburger, Frankfurter, Züricher, ja selbst in Wiener Redaktionen den Journalismus deutscher Sprache genauer kenne als im Kärntner Landesfunkhaus. Zuvor hatte sich der Kreis der Juroren durch informelle Telephonate der ORF-Beauftragten Romy Frisenegger mit dem Kern der Mannschaft ohne Umstand ergänzt. Frau Frisenegger indes, von Beginn an die umsichtig-taktvolle und stets hilfsbereite Organisatorin der Wettbewerbe (obschon nach offiziellem Status nur Sekretärin), wurde ohne ein Wort der Anerkennung in Pension geschickt.

Kurz: Landesintendant Schwandter, Ärger scheuend und auf Einsparungen bedacht, schloß sich dem Verzicht der Stadt auf die Fortführung des Joseph Roth-Preises nicht ungern an. Er hielt es freilich nicht für angebracht, die Mitglieder der Jury - aus der sich der Autor dieser Zeilen im vergangenen Jahr schon entfernt hatte - durch ein Briefchen oder ein Telephonat davon zu unterrrichten, daß man ihrer Dienste nicht länger bedürfe. Mancher fragte sich angesichts solch fauler Flegelei, warum und wofür es Österreich gebe, wenn es auf jenen Vorzug verzichte, der es von seinen engverwandten Nachbarn unterschied: Höflichkeit und einen Rest von Stil. Der Namenspatron Joseph Roth (dessen Name in Klagenfurt nicht widerstandslos akzeptiert worden war) dichtete einst in wehmütiger Vorahnung: "Hier ist Kultur - Wie wär' es schad, / das Wort des Bürgers zu vernichten!