Jerusalem Hätte sich John le Carré eine so haarsträubende Geschichte ausgedacht, sein Verleger hätte ihm das Manuskript wohl mit Verbesserungswünschen zurückgereicht: Mehr Realismus bitte!Im Nahen Osten aber ist sie tatsächlich passiert: Israelische Geheimdienstagenten, als kanadische Touristen getarnt, versuchen auf offener Straße in Amman den politischen Chef der Hamas Khalid Maschal durch einen Giftanschlag umzubringen.Sie werden aber von einem Leibwächter überrumpelt und ins Gefängnis gestec kt.Auf Wunsch des jordanischen Königs schickt die israelische Regierung einen Arzt, der das richtige Gegengift in seinem Koffer mitbringt.Das Leben des Attentatsopfers wird gerettet.Es folgt eine Austauschaktion, bei der Scheich Ahmed Jassin, der Grü nder der Hamas-Bewegung, nachts aus dem israelischen Gefängnis entlassen und nach Amman geflogen wird.Von dort kehrt er wenig später umjubelt zu seiner Familie in den Gaza-Streifen zurück.Auch die blamierten Mossad-Agenten dürfen nach Hause.Ende gut, alles schlecht. Für Israel sind die Auswirkungen der "Maschal-Affäre" katastrophal.Daß der fehlgeschlagene Anschlag ausgerechnet in Jordanien stattfand, bedeutet einen gewaltigen Affront für König Hussein, der vor drei Jahren mit seinen jüdischen Nachbarn offiziell Frieden schloß und bisher mutig an seinem Kurs festhielt.Die Sicherheitskooperation zwischen den beiden Ländern begann schon in den frühen sechziger Jahren, als der Mossad den Monarchen vor Mordplänen warnte.Allmählich wurden geheime Kommunikationska näle etabliert, und im Februar 1995 kamen sogar alle Mossad-Chefs samt Ehefrauen als Gäste in den jordanischen Königspalast.Auch wenn der Anschlag auf Maschal erfolgreich gewesen wäre, sagen kritische Stimmen in Israel, hätte sein Tod es wohl kaum ge rechtfertigt, die delikaten Beziehungen zu Jordanien - das sich kurz vor den Wahlen befindet - aufs Spiel zu setzen. Wütend reagierte die kanadische Regierung, denn der Mossad hatte bei seiner Operation wieder einmal gefälschte kanadische Pässe benutzt.So war es auch bei dem Fiasko 1973 im norwegischen Lillehammer gewesen.Damals hatte eine israelische Agentin einen unschuldigen Marrokaner erschossen, den sie mit dem palästinensischen Terroristen Ali Hassan Salahmeh verwechselt hatte.Jetzt hat Israel der Regierung in Ottawa versichern müssen, daß Mossad-Agenten künftig nicht mehr als Kanadier auftreten werden. Durch die Abschiebung von Scheich Ahmed Jassin nach Jordanien haben auch die Beziehungen zwischen Israel und den Palästinensern noch weiter Schaden genommen.PLO-Chef Arafat hatte immer wieder die Freilassung des an den Rollstuhl gefesselten und schwer erkrankten Hamas-Gründers gefordert.Wäre Jassin tatsächlich freigekommen, hätte sich Arafat bei seiner Bevölkerung als großzügiger Gönner präsentieren können, der alle Zügel in der Hand hält. Jetzt aber sah es eher so aus, als würde sich mit Ahmed Jassin eine konkurrierende politische Kraft im Gaza-Streifen etablieren.Außerdem kann der israelische Ministerpräsident nach der Freilassung des Scheichs und der Rettung von Khalid Maschal nur schwer von Jassir Arafat verlangen, hart gegen die Hamas durchzugreifen.Ramponiert wurde schließlich der Ruf des israelischen Geheimdienstes selber.Es handle sich bei der fehlgeschlagenen Operation in Amman um "den größten Skandal in der Geschichte des militärischen Establishments", sagt der Journalist und ehemalige Mossad-Mann Gad Schimron.Bis vor zwei Wochen hatte man in Israel den Namen Maschal nicht einmal gekannt.Erst im nachhinein hatte Netanjahu den Mann zur "Nummer eins der Hamas" erkl ärt.Daß seine Wichtigkeit als "Kopf der Schlange" übertrieben wurde, geben auch Vertreter des Sicherheitsestablishments zu. Überhaupt lasse sich die breite Hamas-Bewegung nicht mit dem kleinen und straff organisierten Islamischen Dschihad vergleichen, dessen Anführer - Fathi Schkaki - vor zwei Jahren in Malta ermordet wurde.Sein Tod, hinter dem der Mossad vermutet wird, war ein gewaltiger Schlag für die Terrorvereinigung.Wenn heute in Israel Kritik an der Maschal-Affäre geübt wird, steht dabei nicht das Recht in Frage, solche Anschläge auszuführen. Israel begreift sich nach wie vor als ein Land im Kriegszustand, der manchmal zu Mitteln zwinge, auf die andere westliche Staaten problemlos verzichten können.Der Mossad sei für Israel eine Frage der Existenz, sagt Gad Schimron, der ein Buch über seinen ehemaligen Arbeitgeber verfaßt hat ("Der Mossad und sein Mythos")."Wenn ein israelischer Agent die genaue Planung der syrischen Armee mitbringt, dann kann das möglicherweise entscheidend für unsere Zukunft sein."Deshalb lasse sich der Mossa d nur schwer mit anderen Geheimdiensten vergleichen. Seine Ursprünge gehen noch in die Zeit vor der Staatsgründung zurück."Man braucht Informationen, um den Feind zu identifizieren und gegen ihn vorzugehen" lautete in den dreißiger Jahren die Devise des Zionisten Ezra Danin, der als eine der legendären Gründerfiguren in die Geschichte des israelischen Geheimdienstes einging. Im Laufe der Zeit hat der Mossad in spektakulären Operationen äthiopische Juden, die in den Sudan geflüchtet waren, nach Israel gebracht und Adolf Eichmann in Südamerika gekidnappt.Im Krieg gegen den palästinensischen Terrorismus gilt das Münchner Massaker 1972, bei dem elf israelische Olympia-Sportler ums Leben kamen, als ein Wendepunkt.Damals hatte Ministerpräsidentin Golda Meïr entschieden, daß die Zeit für Rache gekommen sei.Allerdings ging es ihr dabei weniger um Revanche als um Abschre ckung. So sind fast alle Organisatoren des Attentats aufgespürt und ermordet worden. Die israelische Bevölkerung gewöhnte sich an die Erfolge ihres Geheimdienstes und ihrer militärischen Kommandoeinheiten.Deshalb war auch das Entsetzen über die selbstverschuldeten Katastrophen in jüngster Zeit so groß.Beim Zusammenstoß von zwei Armeehelikoptern im vergangenen Februar verloren 73 Soldaten ihr Leben.Erst vor wenigen Wochen kamen elf Mitglieder der Marine-Eliteeinheit Schajetet bei einer mißlungenen Operation gegen die Hizbullah im Libanon ums Leben.Solche Vorfälle, bei d enen sich in Israel jeder mit den Opfern unter den Soldaten und ihren Angehörigen identifiziert, haben das Selbstvertrauen erschüttert. Zu dieser Unglücksserie kommt nun die gescheiterte Mossad-Aktion in Amman. Als Ursache nennt Gad Schimron das "konservative Denken" innerhalb des Sicherheitsapparates."Man hatte in der Vergangenheit zu viele Erfolge und hat zu wenig neu nachgedacht.In dreißig Jahren hatte die Schajetet nie einen Soldaten verloren.Es sieht so aus, als würde der originelle Ansatz, der die israelischen Operationen auszeichnete, plötzlich fehlen."Gegen den Anschlag auf Khalil Maschal soll es innerhalb des Mossad heftige Einwände gegeben haben, auf die aber nicht gehört wurde. Das grüne Licht gab letztlich Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, dem der Geheimdienst direkt untersteht.Im Zentrum der öffentlichen Debatte steht deshalb vor allem auch die Frage nach der Entscheidungsfähigkeit des israelischen Regierungschefs.Nicht zum ersten Mal werden Netanjahu eine unausgegorene Planung, impulsives Verhalten und mangelnde Urteilskraft vorgeworfen.Sein selbstherrlicher Führungsstil stieß schon bei der nächtlichen Tunneleröffnung in der Jerusalemer Altstadt, bei der folgenreichen Ernennung des Generalstaatsanwalt Roni Bar-On und beim Beginn des Siedlungsbaus in Har Homa auf Kritik.Jedesmal sah es so aus, als habe sich der Regierungschef entweder über die Warnunge n seiner Berater hinweggesetzt oder ganz auf Konsultationen verzichtet. Bei der Affäre Maschal scheint nun die heikle Balance zwischen Exekutive und Sicherheitsdiensten aus dem Gleichgewicht geraten zu sein.Benjamin Netanjahu wollte nach den jüngsten Selbstmordanschlägen in Jerusalem möglichst schnell Erfolge im Kampf gegen den Terror vorweisen.Er gab freie Fahrt, wo er hätte stopp sagen müssen.Als Oppositionschef hatte Netanjahu ein Buch verfaßt mit dem Titel: "Wie Demokratien internen und internationalen Terrorismus bekämpfen können".In einer normalen Demokrat ie, so finden nicht wenige Israelis, würde der Regierungschef nach einem solchen Debakel wie in Amman zurücktreten. Nicht so Netanjahu.Zwar nahm er alle Verantwortung im "Kampf gegen den Terror" auf sich und setzte einen Untersuchungsausschuß ein, doch sieht er keine Veranlassung, sein Amt niederzulegen.Die Sorge aber, daß er schon bald wieder James Bond spielen könnte, hat im Land zugenommen.