Ein verwittertes Gemäuer, durchbrochen von einem kleinen, zweiflügeligen Fenster, das die winzige Einsiedelei bescheiden erhellt. Auf wenigen Quadratmetern abgewohntes Mobiliar der siebziger Jahre, dazu zwei Heizrippen auf Rädern, rund 150 Bücher, sogar ein Telephon. Ansonsten viel Ruhe in diesem kargen Zimmer - zuwenig Romantik für einen Spitzweg die vielen Studenten dieser Stadt dürften komfortabler wohnen.

Wir sind zu Gast im höchsten Oberstübchen der Stadt Münster: bei Wolfram Schulze, einem der letzten Türmer. Täglich, außer dienstags, erklimmt er abends den Turm der spätgotischen Lamberti-Kirche, um von neun bis zwölf, jeweils zur halben und vollen Stunde, ins Horn zu blasen. Auf einer halsbrecherisch schmalen Wendeltreppe führen 298 Stufen zu seiner Klause in 65 Meter Höhe. Dann Anruf bei der Feuerwehr: "Bin oben." So weiß die Stadt, daß ihr exponiertester Angestellter ordnungsgemäß Dienst tut(et) - zugleich Erinnerung an früher, als Türmer wichtige Leute waren.

"Ja, in alter Zeit", erzählt der Mann in Jeans und blauem Kapuzenpulli, "war vieles anders." Türmer wachten vermutlich schon vor siebenhundert Jahren über den Dächern von Münster. Inmitten der befestigten Stadt rief der Lamberti-Turm einerseits die Gläubigen zum Gebet, andererseits diente er der (militärischen) Kontrolle.

Darum verfügten von jeher nicht die geistlichen, sondern die weltlichen Oberhäupter über den Turm: "Brände meldete der Türmer durch kurzes, nervöses Tuten, Feinde im Anmarsch durch eine Art Morsesignal."

Da nicht ständig Brände loderten oder feindliche Truppen aufzogen, verführte der Dienst mitunter zu müßigem Leben. So drohte der Turmwächter 1719 eine "Monatscharge" zu verlieren, wenn er weiterhin fremde Leute für Zechgelage nach oben ließe, "wodurch viel Unflat auf das Kirchendach und andere benachbarte Häuser geworfen würde". Heutzutage benutzt Schulze notdurftfalls ein Campingklo - aber noch immer droht der Arbeitsvertrag mit Kündigung, sollten Geschäfte aus höchster Höhe verrichtet werden.

Gerade im lehrreichen Gespräch, ruft pünktlich um neun schon die Türmerpflicht. Zügigen Schrittes umläuft Schulze den Turm auf einem schmalen Gang, den schulterhohes Maßwerk sichert. Auf der Nord- und Südseite rastet er, und seinem leicht gebogenen, 1,20 Meter langen Horn entschweben sonore Töne: zur vollen Stunde neun bis zwölf, zur halben Stunde jeweils zwei. Der nebulöse Klang, der einem Schiffshorn gleicht, hat aber nicht nur Freunde.

Überliefert ist aus dem Jahre 1958 ein Brief von Anwohnern, die zwar alte Bräuche schätzten, aber durch die "Tuterei" des Türmers regelmäßig ihren Schlaf einbüßten - statt Schäfchen zählten die genervten Turmnachbarn nachts exakt 248 Hornstöße.