Erfurt Da seid ihr ja wieder! Da sind wir ja wieder - nicht ganz so viele, nicht völlig dieselben, doch am selben Ort, wo vor acht Jahren die Erfurter Revolution begann. Daß sie vorüber sei, haben wir allzu lange geglaubt. Ich weiß, warum ihr wiedergekommen seid! ruft Edelbert Richter, Weimarer Theologe, heute für die SPD im Bundestag. Weil einmal nicht genügt. Weil das Volk sich immer wieder melden muß, wenn es nicht über den Tisch gezogen werden will. Unsere Revolution war ein bißchen anders gemeint. Wir werden uns mit dieser halben Sache doch nicht zufriedengeben! Wir werden sie zu Ende bringen!

Heißa, da rennt Jubel durch Luthers alte Augustinerkirche. Es scheint fraglich, ob die Kohl-Regierung diesen Tag der deutschen Einheit überlebt.

Viel 1989 wogt durchs Kirchenschiff. Ans Pult vor dem Altar tritt Altpropst Heino Falcke, der Moses der ostdeutschen Protestanten, und verkündigt, was er auch als Abschlußprediger des Kirchentages allen Menschen guten Willens aufgetragen hat: Es sei die Wirtschaft für den Menschen da, nicht umgekehrt.

(Beifall.) Zur Menschenwürde gehöre die Arbeit, damit der Mensch sich an der Wirtschaft beteiligen kann. (Beifall.) Auch ein umgebauter Sozialstaat bleibe zuerst den Armen und Schwachen verpflichtet. (Anhaltender Beifall.) Der Götze des Neoliberalisums wackelt! ruft Falcke. Noch muß man sich zu ihm bekennen, um zum Klub der Einflußreichen zu gehören. Wie mich das erinnert als ehemaligen DDR-Bürger. Diese Regierung muß weg!

Der stürmische Beifall, der kaum enden mag, gibt uns Gelegenheit zum Rückblick: Am 9. Januar 1997 eilte, von Erfurt kommend, eine Kampfschrift durch Deutschland oder versuchte es doch. "Bis hierher und nicht weiter" war sie überschrieben. Ihre Autoren - prominente Linke aus Ost und West - hatten ihre Erfurter Erklärung unter Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes gestellt: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen." In einer Sprache, die an Regierungsliebe zu wünschen übrigließ, forderten die 37 Erstunterzeichner, mehrheitlich SPD-verwandt, eine neue Politik. "Im fünften Jahrzehnt ihrer Existenz wird in der Bundesrepublik der soziale Konsens, auf dem ihr Erfolg beruhte, durch radikale Umverteilung zugunsten der Einfluß-Reichen zerstört. (...) So entsteht Macht, die nicht demokratisch legitimiert ist."

Was zu tun sei? Nichts Geringes. Die Massenarbeitslosigkeit überwinden, vermittels "eines neuen Typs von Vollbeschäftigung". Rezepte: Arbeitszeitverkürzung, Neuverteilung der Arbeit, ökologische Nachhaltigkeit und Orientierung auf gesellschaftlichen Nutzen (was einen starken Sektor öffentlicher Beschäftigung einschließt). Wer das bezahlen solle? "Ein einziges Kriterium würde Entscheidendes ändern: Steuerehrlichkeit. (...)

Geldtransfers, Gewinne, Groß-Erbschaften, Vermögen, Spekulationen mit Grund und Boden und Umweltzerstörung müssen spürbar stärker besteuert werden."