Als sich der blaue Ford Transit auf den Weg machte, saß Marcia Merino vorne neben dem Fahrer, aber vielleicht saß sie auch hinter ihm, die Aussagen sind in diesem Punkt widersprüchlich. Erick Zott und Luis Peebles, soviel ist sicher, lagen gefesselt im Laderaum. Peebles hatten die Bewacher schwarzes Tesaband vor die Augen geklebt und nasse Watte in die Ohren gestopft. Der Ford Transit fuhr aus Concepción heraus, Richtung Osten zur Panamericana. Den Gefangenen, die Wochen der Folter hinter sich hatten, kam dieser Transport unheimlich vor. "Ich hatte Angst", erinnert sich Peebles, "daß alles noch schlimmer würde." Es war der 2. Februar 1975, Sommer in Chile.

Wenn sich am kommenden Freitag in Raum 204 des Bonner Landgerichts die Anwälte Helmut Neumann und Ludwig Klassen gegenüberstehen, geht es um diese Fahrt, eine Fahrt in die Hölle. Sie werden darüber streiten, ob der blaue Ford Transit in die Colonia Dignidad gefahren ist oder nicht. Sie werden routiniert streiten, den Zivilprozeß Aktenzeichen 3 O 123/77 gibt es seit zwanzig Jahren.

Im März 1977 hat die deutsche Sektion von amnesty international in einer Broschüre behauptet, in der Colonia Dignidad, einem Landgut deutscher Einwanderer, seien Gegner des Diktators Augusto Pinochet gefoltert worden.

Die Beschuldigten antworteten mit einer einstweiligen Verfügung.

Zwanzig Jahre, kein Urteil. Es hätte ohnehin nur symbolische Bedeutung.

Längst kann außer amnesty jeder ungestraft behaupten, die Colonia Dignidad sei ein Folterort gewesen. Seitdem ihr Anführer Paul Schäfer wegen Kindesmißbrauchs gesucht wird, sind die deutschen Kolonisten in der Defensive. Der Vorwurf der Vergewaltigung hat den der Folter verdrängt, zumal letzterer nie viel Aufmerksamkeit fand. Doch hat der Bonner Prozeß sein Schattendasein nicht verdient. Denn er erzählt eine Menge über die Diktatur in Chile und einen deutschen Beitrag. Vor allem eine Frage ist brisant: Haben sich Deutsche auch nach 1945 an systematischer Folter beteiligt?

18. September 1997, Frühling in Chile. Dunkle Wolken, zerfetzt wie Lumpen, schirmen die Sonne ab. Wenn sie durchkommt, wird es plötzlich heiß im Auto.