Dieser Mann - cool! Und seine Klamotten total in der Zeit! Die Modepresse ist hin und weg, nachdem sie jahrelang blind und stumm gewesen war. "That's it", japst sie, "the new chic!" Noch mehr neuen Chic gibt es, wenn am 13.

Oktober in Paris seine Prêt-à-porter-Kollektion gezeigt wird.

Für diesen Mann ist der neue Chic ein alter Hut. Ennio Capasa, seit zehn Jahren auf der Modeszene, war schon immer gut. Das sagt er aber nicht es wäre nicht seine Art. Sein Bruder Carlo, der die gemeinsame Firma Costume National managt, sagt es: "Ennio hat sich nie geändert. Geändert hat sich die Stimmung."

Die paßt jetzt zu Ennio Capasa und seinen Kleidern. Der 37 Jahre alte Italiener wird endlich als einer der wichtigsten Vertreter einer neuen Generation von Modemachern anerkannt. Anfänglich konnte er sich nicht vorstellen, Kleider zu machen. Bloß nicht: Die Eltern hatten einen Modeladen im Süden von Italien. Sohn Ennio konnte Klamotten einfach nicht mehr sehen: "Für mich war Mode etwas für Reiche."

An der Mailänder Kunstakademie Brera absolvierte er ein Studium der Malerei.

Schon als Kind war er neugierig auf alles, was mit Kunst und Design zu tun hatte. Und mit fernen Ländern. Als Achtzehnjähriger besuchte Ennio Capasa zum ersten Mal Japan. Nach dem Studium türmte er, um dem Wehrdienst zu entgehen, wieder nach Tokio. Er wollte sich aufs Industriedesign werfen und verstand selbst nicht so recht, daß er statt formschöner Heimcomputer unversehens Kleider entwarf und lernte, wie man Stoffe zuschneidet. Ausgerechnet Yohji Yamamoto nämlich war er über den Weg gelaufen, und der hatte ihn auf der Stelle engagiert. "Probier's doch mal bei mir", hatte er ihn gelockt.

Unter 250 Leuten, die für Yamamoto arbeiteten, war Ennio Capasa damals der einzige Ausländer. "Ohne Yohji wäre ich nicht in diesem Geschäft", sagt der Schneider aus Lecce, ein aufmerksamer und lockerer Mensch mit ständig stillvergnügtem Lächeln. "Von ihm lernte ich eine gewisse Disziplin, und durch ihn begriff ich, wie wichtig es ist, den eigenen Weg zu gehen."

Yamamoto habe sich ganz und gar seiner Arbeit gewidmet. Geblendet von seinen Meisterwerken, konnte kaum einer, der von ihm lernte und mit ihm arbeitete, seinen eigenen Schnitt machen. Ennio Capasa, der drei Jahre bei dem Japaner lernte, registrierte das genau und entschied, seine Sache zu machen und nur die. Yamamoto überzeugte den Unschlüssigen mit fernöstlicher Beharrlichkeit, vorerst bei Nadel und Faden zu bleiben.

Ennio Capasa kehrte in die Heimat zurück. 1987 stellte er sich auf eigene Füße und entwarf eine Kollektion, die von Charlie Chaplins Film "The Tramp" inspiriert war. Die Arbeit kam nicht an. Aber Ennio war bereits völlig in seinen Stoff verwickelt und blieb bei der Stange.

In den Achtzigern wirkten die Kleider meistens stärker als die Frauen, die darin aussahen wie Pralinen. Das paßte Capasa nicht. "Frauen sollten Kleider nicht wichtiger nehmen als sich selbst. Stil ist wichtiger als Fashion. Ich mache einfache Sachen, nichts Kompliziertes, alles ganz easy. Ein einzelnes Stück ist vergänglich. Ich versuche, eine Stimmung einzufangen."

Ennio Capasa nobilitiert das, was er auf der Straße, in Kneipen und Clubs sieht. Er schöpft aus dem Leben. "Die Leute sollen sich nicht verkleiden. Sie sollen ihre Eigenheit behalten."

Die Leute danken es ihm und kaufen seine sexy Street-Couture, die dem Gewöhnlichen und Unordentlichen den Rang cooler Eleganz verleiht. Von der Hacke spatenförmiger Treter, einst an Vorstadtgockeln belächelt, bis hin zum Mantelkragen aus falschem Persianer und zu dem Lurex-Leibchen für den Mann.

Alles paßt, sofern man weiß, wie's geht. Ennio kennt den Dreh. Den Durchbruch erlebte er erst richtig, als er sich den Mann vornahm, 1993. Er machte keinen großen Aufwand. Die Stimmung war die gleiche, die Differenzen waren gering.

Oft nimmt Capasa einen Stoff und einen Schnitt für Frau und Mann: "It's all about freedom", sagt er und lächelt. Ein bißchen schurkisch.

Im vergangenen Januar gehörte ihm, nach Armani und vor Versace, die Gala-Modenschau auf der Pitti Uomo in Florenz. Er freute sich.

Ennio Capasas "Everyday-Couture for working people" (Eigenlob) verkauft sich immer besser. "Wir wachsen schnell", sagt Bruder Carlo. Nach den flagship shops in Mailand, Rom und Tokio wird Anfang November einer in New York eröffnet, in SoHos Wooster Street. Ende November soll ein weiterer in Hongkong vor Anker gehen. Umsatz 1994: vier Millionen Mark. 1997: fünfzig Millionen. Seit einem Jahr hat das Costume-National-Team in einem kieselkühl renovierten, lichtdurchfluteten Sechziger-Jahre-Bau in Mailands Navigli-Viertel Quartier genommen. Am Empfang karges Grün, fast wie Unkraut.

Der Showroom in Schwarz und Weiß, Ennios Lieblingsfarben. Weiß sind Wände, Boden, Decke und das Mobiliar. Schwarz sind die Kleidungsstücke, nur ab und zu ein Farbakzent.

Dieser Winter ist bei Costume National sehr schwarz. Rußschwarz,Blauschwarz, Braunschwarz, Lackschwarz. Die Nacht der Farben, die Farben der Nacht für eine Mode, die schlagartig einleuchtet.

Alles war vorher schon einmal da, obwohl man schwören möchte, daß alles aus der Zukunft kommt. Interessanter Materialeinsatz. Gehröcke aus Glencheck mit Lurex-Glitter waren immer ein Lieblingsthema von Costume. Zweireihige Anzüge aus gepreßtem Samt, die Revers mit Leder getuned. Blousons aus falschem Persianer. Lurex-Hemden. Die Jacketts mit den weit heruntergezogenen, schmalen Revers und einem einzigen versteckten Knopf sind hitverdächtig. Der Reißverschluß an Wetterjacken ist von der Mitte zur Seite gerutscht. Gerade Kleider mit Tunnelzug tragen rücklings ein frei flottierendes Teil zur individuellen Drapage. Leder sieht bei Costume National recht unfreundlich aus, fühlt sich aber ganz anders an. Mode für Cool Cats und Nighthawks. Der Punkfürst Nick Cave trägt Costume National kein Wunder, er sah schon immer so aus. Costume National heißt übrigens deshalb so, weil Ennio Capasa die Vorstellung, anderen seinen Namen in den Nacken zu drücken, nicht ertragen konnte.

Yohji Yamamoto besuchte neulich den Tokioter Laden seines einstigen Lehrlings Ennio. Nicht nur so. Er hat seiner Freundin ein Bündel Zeug gekauft und die passenden Schuhe gleich dazu.