Der Schaffa-Bauer trägt noch immer eine kurze Hose. Obwohl das Laub schon seit Wochen raschelt und die Sonne nur noch herbstlich dünn scheint. Aber der 75jährige Mann mit dem rotbraunen Gesicht und dem schlohweißen Haar ist alles andere als zimperlich. Das Moor, sagt er, halte den Menschen gesund. Und es mache gesund. Das Moor sei eine unbezahlbare Kostbarkeit. Wer das nicht glaubt, dem erzählt der Schaffa-Bauer gerne die Geschichte einer vierzigjährigen Frau, die nicht schwanger werden konnte. Der Schaffa-Bauer riet ihr zu Moorbädern. "Ein Jahr später", sagt er, "fiel mir die Frau um den Hals. Ich lud gerade Moor bei der Kurklinik ab. Sie stürmte auf mich zu, küßte mich und sagte: Ich bekomme ein Kind."

Eigentlich heißt der Schaffa-Bauer Johann Bauernegger, aber in Bad Reichenhall kennt ihn kaum einer unter seinem richtigen Namen. Der Schaffa-Bauer ist der letzte Moorbauer der Stadt. Seit 1957 beliefert er Bad Reichenhall mit der heilenden Erde, die er auf seinem Land an der österreichischen Grenze mit einem kleinen Bagger abbaut. Vor einiger Zeit hatte er noch vier Mitstreiter. Doch die haben ihre Arbeit eingestellt. "Im Kurwesen hat sich viel verändert. In den letzten Jahren ging es immer ein bißchen bergab", sagt der Schaffa-Bauer, "und die Situation wird erst einmal nicht besser. Der Seehofer wird hier noch vielen das Genick brechen." Er selbst bringe wöchentlich nur noch vier Fuhren Moor zu den Kliniken am Kurpark. Früher seien es sechs am Tag gewesen.

Von einer Kurkrise ist in Bad Reichenhall auf den ersten Eindruck nichts zu spüren. In der Mozartstraße und in der Salzburger Straße glänzen die Fassaden der Jugendstilvillen mit ihren kleinen Erkern, Türmen und Balkons. Im Kurpark, "der größten Nichtraucherzone Reichenhalls", wie es in einem Prospekt heißt, sitzen Gäste auf weißen Holzbänken und blinzeln in die untergehende Sonne, während aus dem Kurcafé Mozartmusik tönt. Gleich nebenan steht das Gradierwerk aus dem Jahre 1912: ein fast 200 Meter langes Freiinhalatorium, unter dessen Dach Schwarzdornbüsche vierzehn Meter hoch gestapelt sind. Etwa 150 000 Liter Solewasser rieseln täglich über die Schichtung. Die Kururlauber flanieren hier wie eh und je "auf der vom Wind abgewandten Seite" eine halbe Stunde auf und ab und atmen dabei langsam und ruhig durch die Nase. Ganz gewissenhaft. So, wie es auf einer Holztafel empfohlen wird.

Die Alte Saline ist so etwas wie das Wahrzeichen der Stadt. Seit 150 Jahren drehen sich die dreizehn Meter hohen Räder. Ununterbrochen. Tag und Nacht.

Sie pumpen Natursole in die Kurbetriebe der Stadt. Nach jeder Umdrehung tönt ein Glockenschlag, der dem Brunnenwart den störungsfreien Lauf meldet. Doch die harmonische Stimmung ist trügerisch. Wie Karies an den Zähnen nagt die Gesundheitsreform an Bad Reichenhall. Der fünf Seiten umfassende Lagebericht des Kurdirektors macht das deutlich: Hinter jeder aufgelisteten Klinik stehen Hinweise wie Kurzarbeit oder Entlassung.

"Wir haben fünfzig Prozent weniger Kurgäste als im Vorjahr", sagt zum Beispiel Klaus Mack, Inhaber eines Privatsanatoriums, "mein derzeitiger Verlust für dieses Jahr beträgt 250 000 Mark." Die 28 Angestellten, die Klaus Mack beschäftigt, werden sich in den Monaten Dezember und Januar arbeitslos melden. Um das Schlimmste vorerst abzuwenden, verzichten die Banken in Bad Reichenhall bei einigen Häusern nun auf die anfallenden Kreditzinsen. Die Stadt selbst rechnet in diesem Jahr mit Mindereinnahmen in Höhe von 1,5 Millionen Mark. "Die Nerven liegen blank", sagt ein Arzt, "und wenn das so weitergeht, werden wir unsere eigenen Patienten."

Lokaltermin im Alten Kurhaus. Das Gebäude mit dem goldenen Deckenfresko wurde im Jahre 1900 eingeweiht, in jenem Jahr, in dem Reichenhall das Prädikat "Bayerisches Staatsbad" verliehen bekam. An diesem Abend wird auf dem Podium diskutiert: Suche nach Wegen aus der Krise. Neben den Verantwortlichen aus der Gemeinde sind Vertreter der bayerischen Landesregierung und des Bundestags angereist. Unter anderem wird über die Sparverordnung der Bundesregierung diskutiert, die seit 1. Juli dieses Jahres die Dauer der Kur von vier auf drei Wochen verkürzt und die Intervalle von drei auf vier Jahre verlängert. Max Gaßner, Ministerialdirigent des bayerischen Gesundheitsministeriums, sagt zum Beispiel, die "Kurdauerverkürzung ist systemimmanent" und lasse sich mit dem "Fortschritt in der Medizin und der Rehabilitation" begründen. Eine solche Aussage stößt auf Protest.