Alan Sokal ist wieder da, der Autor jenes intellektuellen Scherzartikels, über den vor einigen Monaten die ganze Welt in voltairisches Gelächter ausbrach. Über ein jetzt in Frankreich erschienenes Buch, das er zusammen mit seinem belgischen Physikerkollegen Jean Bricmont verfaßte, lacht niemand.

Sokal bleibt ernst wie ein Lehrer, der die korrigierten Klassenarbeiten an seine Schüler zurückgibt. Die Wirkung scheint um so verheerender zu sein. Der Nouvel Observateur, Le Monde und Libération haben schon mit Extraseiten reagiert, weitere Journale werden folgen.

Anfangs hatte Sokal nur ein Experiment mit der renommierten US-Zeitschrift Social Text anstellen wollen. Er schickte der Redaktion einen unsinnigen, aber mit der Autorität des Physikprofessors geschriebenen Text, der mit modischen Begriffen vor allem aus dem Jargon der französischen Postmoderne gespickt war und politisch korrekt auf der Linie von Social Text lag. Die Zeitschrift druckte den Artikel, und Sokal deckte den Schwindel sogleich auf.

Ziel seines Angriffs waren in erster Linie intellektuelle Kreise in den USA.

Getroffen fühlten sich aber auch die Franzosen. Schon damals gab es auch in Frankreich eine "Sokal-Debatte".

Das neue Buch nimmt sich nun kapitelweise einige dieser der Postmoderne zugerechneten französischen Psychologen, Soziologen oder Philosophen vor: Lacan, Julia Kristeva, Luce Irigaray, Bruno Latour, Baudrillard, Deleuze, Virilio - und sogar Bergson. In ersten Kommentaren aus Frankreich zeigt man sich überaus besorgt: "Kommt es zum Krieg der Wissenschaften?" fragt Libération. Einer der Angegriffenen, Bruno Latour, wiederholt seine Vermutung, die US-Physiker suchten nach dem Ende des Kalten Krieges jetzt einen neuen Gegner. Und ein anderes Opfer, Julia Kristeva, konstatiert unter amerikanischen Intellektuellen nach der vergangenen Frankreichbegeisterung heute eine veritable "Frankophobie". Dank guter Verbindungen in die USA sei sie aber sicher: "Krieg wird es nicht geben."

Gewiß, der Titel des Buches, "Intellektuelle Hochstapeleien", und so mancher Satz darin wären Anlaß zu diplomatischen Verstimmungen. Sokal und Bricmont geben zu, daß sie sich zunächst einmal über "die postmoderne Arroganz", "das hohle Geschwätz" und die "intellektuelle Gemeinde" geärgert haben, "in der jeder irgendwelche Sätze wiederholt, die niemand versteht". Aber die Autoren belassen es nicht beim Ressentiment. Sie untersuchen fair und sachlich einige Passagen aus oft zitierten Werken und holen dabei so manchen intellektuellen Heißluftballon vom Himmel über Paris. Was sie zeigen wollen, ist der willkürliche "Mißbrauch von Begriffen der Physik und Mathematik", von denen die Autoren keine Ahnung hätten. So manche obskure Algebra sei ganz banal oder überflüssig. Harte Worte, die Sokal nur mit Vorsicht ausspricht: Derrida und Michel Serres, die in Social Text noch für Unterhaltung sorgten, kommen im Buch nicht mehr vor. Am Ende des Lacan-Kapitels aber kommen sie zu dem Schluß: "Lacans Mathematik ist so phantastisch, daß sie für die seriöse psychologische Forschung keine Rolle spielen kann." Den anderen geht es nicht besser: Kristeva wolle ihre Leser mit gelehrten Termini beeindrucken, verstehe aber selbst "offenbar nicht immer die Bedeutung der Begriffe, die sie gebraucht". Der schnöselige Wissenschaftstheoretiker Bruno Latour, der Einstein untersucht, habe nichts begriffen. Baudrillard schreibt, mit dem Golfkrieg finde der Krieg nun in einem "nicht-euklidischen Raum" statt - was das heißt, können sich die Physiker nicht erklären. Virilio hat ein noch phantastischeres Konzept. Er spricht von einem "dromosphärischen Raum", den die Physik angeblich als Produkt aus Masse und Geschwindigkeit definiert habe. Dieser Begriff, meint Sokal, sei eine freie Erfindung Virilios.