Auf den Hügeln hat sich die Kruzifixfrage von selbst gelöst. Sie sind überall, auf den Brustspitzen der Felsen, auf den Kämmen der Berge und auch auf Erden, auf den Zufahrtsstraßen, in jeder noch so sanften Kurve. Die einen ehren den Herrgott, die anderen die Toten des Automobilverkehrs.

Durch eine zerfetzte Hochebene führt der Weg über die Kreuzesstationen hinab ins Tal. Im Kloster läutet es drei, kling, klang, kurz angebunden, ein rachitisches Totenglöcklein. Der Himmel ist weißblau, umflort die Hügel ringsum, als müßte man über die Grenzen von Himmel und Erde noch einmal neu verhandeln. Nachdenkliche alte Häuser mit messerscharfen Fachwerkgiebeln stehen in Reih und Glied. Hinter kleinen Fenstern hantieren die Bewohner mit zierlichen Gießkannen. Im Klosterhof rasten alte Damen auf der Rückkehr vom Friseur. In der Aachgasse fließt die Aach, die Blau rauscht an den Albvereinswegen entlang, stadtauswärts. Von den Bergen winken nackte Felsfinger, Achtung, Achtung, hier spricht der Herrgott. So kamen wir nach Blaubeuren.

Wen diese Gegend nicht mit ihrem Prachte rührt ...

Am anderen Morgen, um sieben Uhr, reißt uns das Gekrächze der Kehrbesen aus dem Schlaf. Die Mädle fegen die Bürgersteige und halten schwäbische Zwiesprach', als wälzte sich Herr Mörike oben in der Herberge noch in den Betten und hörte die Gassen aus und ein das vielfach Geläufe, Lachen und Gesprang. Was, um Himmels willen, wollten wir hier?

Der Blautopf! Eine von vielen Zaubergeschichten aus der Kindheit. Ein See, sehr tief, sehr blau. Alle möglichen Schätze, Nixen, Wassermänner, Schlösser und Kammern soll er haben. Früher, wenn er brodelte und schäumte, hat man ihn beruhigt mit allerhand irdischen Tranquilizern, güldenen Bechern, kleinen Messern und solchen Sachen. Und Mörike, den kannten wir auch. Sein Märchen vom "Stuttgarter Hutzelmännlein", dem armen Schusterjungen und der schönen Lau, die verstoßen im Blautopf sitzt, abgestellt vom Ehegemahl, dem Macho-Nix, wegen ausbleibender Nachkommenschaft und "weil sie stets traurig war, ohn' einige besondere Ursach'". Der Blautopf - ein subterranes Frauenhaus. Die Wirtin vom Nonnenhof und die Ihren haben die Sache bereinigt, weil sie die traurige Nixe so oft zum Lachen gebracht haben, bis es der Herr Gemahl zufrieden war und sie wieder zu sich nahm. Versteht sich, daß die guten Leut' mit endlosen Geldsäcken belohnt und bis ans Ende ihres Lebens glücklich waren.

Wie tief der Blautopf ist? Er ist währle bodalaus, sagt das Volk. Der Prälat Weißensee nahm im Jahr 1718 eine Messung vor und fand die Tiefe zu 63 1/2 Fuß, gegen welchen Befund aber von seiten des Volks, das sich die Unergründlichkeit nicht nehmen lassen wollte, Einwendungen gemacht wurden. 1880 wurde der erste Helmtaucher mit schweren Bleischuhen in den See hinabgelassen. 1957 stieß der erste Mensch auf den Grund. Heute weiß man, daß er schnöde 21 Meter tief ist. Und natürlich ist auch nichts da unten los, keine Schlösser, keine goldenen Becher, nur ein bißchen Sand. Und ein tiefes Loch im Fels. Siebzig Zentimter breit, ein Ausgang aus der Welt, ein Eingang in was?

Wer das schmale Loch passiert hat, weiß es. Einige kamen nicht mehr zurück. Mit gutgefüllten Sauerstofflaschen lagen sie tot in den Felsgängen, die sich hinter dem Durchgang auftun. Die Tiefenrauschzone, heißt es dann. In circa dreißig Meter Tiefe weiß man nicht mehr, wo vorne, wo hinten, wo unten, wo oben ist. Gedankenflucht, Entscheidungsschwäche. Die Höhle verzweigt sich. Der Taucher folgt einem Gang, fühlt sich sicher, plötzlich kommen Zweifel. Er will zurück, weiß nicht mehr, wo er ist, will auftauchen, stößt an die Felsdecke, zappelt wie eine Fliege im Wasserglas, wirbelt Schlamm auf, sieht überhaupt nichts mehr, in Panik reißt er sich den Atemschlauch aus dem Mund. Glückselige Träume durchrauschen das Hirn, blaue Inseln, Sternenhimmel, voller Entzücken geht der Taucher zugrunde.

Jochen Hasenmayer legt sich, wenn ihn der Rausch des Glücks beim Tauchen erfaßt, flach auf den Boden und denkt Punkt für Punkt seinen Tauchplan durch, denkt an seine Sicherheitsdrähte, an seine vier Sauerstofflaschen, an seine heizbaren Gummistiefel, an seinen Spezialhelm, der ihm wie angegossen am Kopf sitzt. Er wartet. 1961 ist er zum ersten Mal durch das Loch 115 Meter weit in den Bauch des Sees eingedrungen. Da hat es ihn erwischt. Wieder und immer wieder hat er die Reise zurück in die Erde gemacht, sie jedesmal um ein paar Meter verlängert, überall Drähte befestigt, an denen er sich bei der nächsten Reise entlanghangeln konnte.

Seit 1989 ist Jochen Hasenmayer querschnittsgelähmt, ein Tauchunfall. Seither betaucht er den Blautopf nicht mehr mit seinen selbstgebauten Helmen und Stiefeln, sondern mit einem U-Boot, das er mit seinem Freund, dem Orgelbauer Konrad Gehringer, in der Garage in Pforzheim zusammengetüftelt hat. Das U-Boot ist speziell für den See angefertigt, 72 Zentimeter breit, mit neun Motoren ausgerüstet, so klein, daß es durch das Loch paßt, so wendig, daß es in die schmalen Felsgänge eindringen kann. 1200 Meter weit, 1500 Meter weit. Tiefer, als es je ein Taucher vollbracht hat.

Nach zwei Kilometern durch Fels, Brunnenkresse, Wasserhahnenfuß und Wasserpeterlein hat er eines Tages den Palast der schönen Lau entdeckt: eine riesige lufterfüllte Halle, einen Dom, die Gebärmutter aller Wassermärchen. Doch auch diese Halle hat ein Loch. Das Ende kennt kein Mensch. Vielleicht endet der Blautopf im Schwarzen Meer? Vielleicht endet er in der Hölle? U-Boot-Fahrer Hasenmayer hat da seine Vorstellungen. Das gesamte Alpenland, stellt er sich vor, sei von einem riesigen Höhlensystem durchzogen, viele Millionen Jahre alt, in der Tiefe, nahe am Erdinneren, voller Heißwasser. Alle Wohnungen in Süddeutschland, denkt Hasenmeyer, könnte man bis zum 4. Jahrtausend mit diesem Wasser beheizen, alle Atomkraftwerke hätten von heute auf morgen ausgedient. Ganz allein forscht Hasenmayer in seinem kleinen U-Boot dieser großen Theorie hinterher. In der dunklen Halle unterm Blautopf hat er jedenfalls schon seinen Namen hinterlassen: "J.H." steht da im Fels plus Datum, für mindestens noch viertausend Jahre.

Frage: Wie blau ist der Blautopf? Froschblau? Tintenblau? Ägyptisch Blau? Kobaltblau? So blau wie die Sehnsucht? So blau wie die blaue Blume? Die blaue Stunde? Die blaue Note? Jedenfalls irgendwie unecht blau, chemieblau, pauschalreiseblau am Mittag, am Abend so blau wie altes Öl. Haben die da ein Mittel reingemacht, Mama? Mama, der ist so blau wie meine Gummischuhe. Mörikes Schusterjunge fand ihn so blau, "als wenn zum wenigsten ein Stücker sechs Blaufärber samt einem vollen Kessel eben erst darin ersoffen wären". Was da so blau ist, belehrt den interessierten Blautopf-Besucher eine Lehrtafel, "ergibt sich aus der Eigenfarbe des Wassers, die wegen der großen Tiefe und der Klarheit des Wassers (Sichttiefe 20 m) in Erscheinung treten kann. Die einfallenden Sonnenstrahlen werden bis auf die blauen Strahlen völlig verschluckt." Der Blautopf ist so blau wie Wasser. Wenn Blau für die Maler das Geistige in der Kunst ist, ist dieser See das Geistige in der Natur.

Zweite Frage: Was soll man da? Schwimmen? Videofilmen? Boot fahren? Uferpromenade schlendern? Hundchen Stöckchen ins Wasser werfen? Alles Pustekuchen. Nichts kann man hier machen. Nicht mal nett Kaffee trinken, nicht mal angeln, nicht mal schwimmen, nicht mal den großen Zeh reinstecken. "Baden, tauchen, befahren verboten" belehrt den interessierten Blautopf-Besucher eine Lehrtafel. "Liebe Gäste, um den Blautopf geht nur ein schmaler Pfad." Wanderzeit: höchstens vier Minuten.

Der Blautopf ist nämlich nur vierzig Meter breit. Der Blautopf ist in Wahrheit ein Tümpel, eine Pfütze, jeder Swimmingpool auf Mallorca ist größer. Er ist nichts als ein Krater, aus der Erde ausgeschnitten, eine blaue Wunde, in der sich das Kloster spiegelt. Totenstill die Wasseroberfläche, wenn hier mal was zuckt, ist es eine Wespe im Todeskampf, eine Ente, die sich am Ufer müde die Bauchfedern rubbelt. Sonst nichts zu sehen, bißchen Gestrüpp, ein Stückchen vom Hasenmayerschen Tauchdraht. Das Ganze vollkommen unbenutzbar, schlecht zu besichtigen, absolut videountauglich, irgendwie geistig. Der See, den man sieht, ist nicht der richtige See. Der See ist innen. Im Bauch der Welt.

Letzte Frage: Wer besucht so einen See? Die Tübinger Doktoranden? Die Tauchsportvereine? Die Klosterbrüder? Wir haben gesehen: hagere Strohhutträger, schnatternde Großfamilien, schwäbische Heimatausflügler, schwitzende Radreisende. Hier trägt man geblümtes Sommerkleid, Herrenkappe, Spazierstock, Kopftuch, festes Schuhwerk, Brotbeutel. Im äußersten Fall: Radfahrerhose. Im Klosterhof dösen die Blechkochtöpfe auf den Gepäckträgern der Ausflügler, dicke Damen verschnaufen unter den Linden, kleine Kinder krabbeln durchs Gras, kahlrasierte Herren vom Donauradweg küssen sich unter den Linden, blau ist das Leben.

Die schwäbische Seelenbiederkeit! "Überall", schrieb Hermann Hesse 1953 über seinen Besuch in Blaubeuren, "roch es nach Schwäbisch, nach Roggenbrot und Märchen, überall duftete es nach Jugend und Kindheit, Träumen und Lebkuchen und nicht minder nach Hölderlin und Mörike." So wie dieser Dichter, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem vor den Zumutungen des Telephongebrauchs fürchtete, möchte man das Städtchen auch noch einmal durch die Nickelbrille sehen können. Mit Hermann Hesse möchte man als lebendes Cremetörtchen durchs Kloster wallfahrten, den "berühmten Altar, das Chorgestühl, die entzückenden Gewölbe, den Kapitelsaal, die Grabmäler", die "Denkmäler einer frömmeren Zeit" bestaunen, die duftende Stille in den Kreuzgängen, das sorgliche Kräutergärtlein beschnuppern, uralten schwäbischen Worten nachlauschen und vor allem bei der schönen Lau antichambrieren. "In der Vorstellung um den Klang Blaubeuren herum" war alles konzentriert, was im alten Hesse noch lebendig war "an Jugend, Heimat und Volk".

Irgendwo zwischen dem weißen Benediktinerkloster, den Hügeln, den Mirabellenbäumen und dem giftblauen See muß das Urschwäbische einmal gehaust haben. Vielleicht steckt es noch in den Zähnen und Haaren der Heiligen Jungfrau Maria, in dem Blutströpflein oder im Schuhriemen des heiligen Petrus, in den Holzsplittern vom Heiligen Kreuz oder in den Sandalenstückchen des heiligen Burkhard, die alle irgendwo in den Schatztruhen des Klosters ruhen. Oder es hat sich verkrümelt unter den tranigen Leidensblicken der Jungfrau Maria und der Herren Apostel und Ordensgründer, welche die hohen Herrschaften, wohlverpackt in goldenes Faltentuch, vom Hochaltar hinab irgendwohin ins Menschenleere schleudern.

Schlimme Zeiten waren das, die "frömmeren Zeiten". 1 Uhr nachts aufstehen, beten, sobald es hell wird: lesen. 5.45 Uhr Arbeitsbeginn, 12 Uhr erste Mahlzeit, dann lesen, singen, 17.30 Uhr Abendessen, Nachtruhe. Aber nicht einfach so ausziehen, ins Bett gehen, gemütlich in die Kissen kuscheln. Nein, zunächst zog sich der Mönch die Schuhe aus, legte dabei die Hände an die Seite, streckte sie nicht nach den Füßen aus und zog die Schuhe so aus, daß er die Schenkel nicht überkreuzte. Später, nachdem er beide Füße gleichermaßen befreit und sie ins Bett gelegt hatte, zog er das Kapuzengewand aus, indem er es unter der Decke abstreifte. Darauf faltete er das Gewand sorglich und legte es gleich neben das Urschwäbische ans Kopfende. Gute Nacht!

Von oben sieht alles anders aus. Keine Mirabellen, keine Nixen, keine Strohhüte. Von oben hämmert und lastwagenfahret es hinauf, wie es heut gefällt. Die Bahn zieht eine braune Schmutzspur durch die Landschaft, der Topf, der Klosterturm sind hinter dem Speckgürtel aus Eigenheimen kaum noch auszumachen. Irgendwer muß dieses Halbrund sauber ausgelöffelt haben, ein offener Topf, der Himmel der Deckel. Wann ist das entstanden? Wie haben sie das gemacht? Mit einem großen Schabelöffel?

Vor etwa 160 Millionen Jahren war hier nichts als Meer. Darin bildete sich die Kalkplatte der Alb, die anno vierzig Millionen vor Christus im Erdboden versank und die unterirdische Höhlenwelt hinterließ. Dann, noch gar nicht lange her, vor fünf Millionen Jahren, floß da, wo heute die Doppelhaushälften der Ewigkeit trotzen, die Urdonau. Und gerade kürzlich, vor 250 Tausend Jahren, verließ die Donau ihr Bett, die Flußsohle füllte sich mit Geröll und Fels - die ersten Blaubeurer haben sich am Fuß eines solchen Geröllhaufens niedergelassen. Unten alles hohl, oben alles Kruzifix und Fertigbau - und Blautopf.

Allerletzte Frage: Wie viele Gesichter hat die Welt? Ein Oben-Gesicht, ein Alltags-Gesicht und ein Unten-Gesicht? Oben Wüstenrot und Wanderstiefel? Unten Fels und finstere Nacht? Oben Schwaben, unten Geisterwelt? Oder: erst das Nichts, dann tiefes Nichts, schließlich blaue Tiefe, wie man in Paris zu sagen pflegt? So wird es sein. Oder noch viel einfacher: Zuweilen Wein, zuweilen Wasser, das ist lustig, schließlich lebe wohl! So heißt das bei Mörike. Das ist urschwäbisch und das Ende.