Seit die Estonia den Hafen verlassen hatte, plagten Rolf Södermann, Schulpsychologe und Mitglied des zwölfköpfigen Ausschusses einer schwedischen Provinzregierung, der auf der Estonia Sparmaßnahmen besprach, ungute Gefühle. Södermann gehört zu den Menschen, die in einem Kino oder im Flugzeug stets die Nähe der Notausgänge suchen. Er war überzeugt, das Schiff fahre zu schnell.

Draußen türmte sich das Wasser bis zum fünften Deck, zwölf Meter hoch. Mit drei Freunden, zwei Männern und einer Frau, stand Södermann in der Karaoke-Bar. Weil sie keinen freien Tisch fanden, setzten sie sich in einen benachbarten Saal. Das war um Mitternacht, kurz bevor ein Ingenieur auf einem internen Monitor entdeckte, daß Wasser ins Autodeck drang. Um 0.15 Uhr brach das Bugvisier unter dem Druck der Wellen und riß die Laderampe aus der Verriegelung. Schwere Stöße erschütterten das Schiff.

Als die Estonia Schlagseite bekam, hatten Rolf Södermann und seine drei Freunde Glück, daß sie in einem Saal saßen, der nahe dem Ausgang lag. Auf dem siebten Deck wurden sie durch eine Prügelei getrennt. Die Leute stritten um die Schwimmwesten. Södermann war mit einer Kollegin zusammen, und er versuchte so lange wie möglich, sie davon abzuhalten, ins Wasser zu springen. Dann gaben sie sich die Hände und sprangen ins zwölf Grad kalte Wasser der Ostsee.

Wenn Sie jetzt, drei Jahre später, davon erzählen, fühlen Sie dann Angst? Beklemmung? Haben Sie Herzklopfen?

Ich denke jeden Tag an das Unglück. Wie und warum es geschehen ist. Und es ist nicht so, daß es mir dabei besonders gut ginge.

Woran erinnern Sie sich?

Ich sehe mich selbst, wie ich da im Wasser liege und gegen die Wellen kämpfe.

Hatten Sie Angst, bevor Sie in die Dunkelheit sprangen?

Ich dachte, wenn ich panisch reagiere, bin ich verloren. Zudem hatte ich die Initiative übernommen. Das gab mir Verantwortung und zwang mich, ruhig zu bleiben.

Hätten Sie vorher von sich gedacht, daß Sie in einer Notsituation so beherrscht reagieren würden?

Man kann es vorher nicht wissen, wie man reagieren wird. Bei mir war es einfach so, daß ich alle Bücher, die es zu diesem Thema gibt, gelesen hatte und wußte, wie man reagieren soll. Insofern konnte ich mich besser kontrollieren.

Haben die Bücher recht?

Ja. Die Sinne konzentrieren sich alle auf die Überlebensfunktionen. Wenn man nicht vor Angst völlig blockiert ist, reagiert der Körper von selbst. Als wir sprangen, ließ ich meine Freundin los, weil ich meinen Kopf schützen wollte. Ich stieß an Schiffsteile. Wir wurden nach unten gezogen, kamen dann wieder hinauf, haben uns erneut getroffen. Wir konzentrierten uns darauf, vom Sog des Schiffes wegzukommen. Die nächste Rettungsinsel war etwa siebzig Meter entfernt. Es war nicht einfach, da hinzuschwimmen. Danach wurden wir wieder getrennt durch die Toten, die plötzlich auftauchten, und danach habe ich sie nie wieder gesehen.

Dachten Sie: Ich will nicht sterben?

Solche Gedanken hatte ich später. In diesem Moment konnte ich überhaupt nichts denken. Ich hörte Schreie, Leuchtraketen stiegen in den Himmel, aber denken konnte ich nichts. Ich hielt mich dann an einem Rettungsboot fest, das umgedreht im Wasser lag. Drei Stunden und 45 Minuten lang.

Was fühlten Sie, als Sie in Sicherheit waren?

Zuerst wurde ich bewußtlos. Ich war völlig unterkühlt und dachte nur an absurde Dinge. Zum Beispiel an die Nationalität des Hubschraubers, der mich gerettet hatte. Es war ein finnischer Hubschrauber. Ich war so steif, daß ich mich nicht bewegen konnte. Deswegen hatte ich ein schlechtes Gewissen. Weil ich mich nicht dahin bewegen konnte, wo ich hinwollte. Wir wurden ausgeladen und von einem Traktor weggefahren. Und ich erinnerte mich an Photos aus einem Geschichtsbuch meiner Jugend, wo Leichen aus dem Konzentrationslager weggefahren werden.

Wie haben Sie es geschafft zu überleben und Ihre drei Freunde nicht?

Es war nur Glück. Selber kann man wenig dazu tun. Ich sehe es als Zufall. An Gott glaube ich nicht. Auch nicht daran, daß er mich auserwählt hat.

Wie haben Sie sich verändert?

Ich weiß heute eher, was ich will und was ich nicht will. Ich bin selbstsicherer geworden. Ich habe um diese Erfahrung nicht gebeten. Aber jetzt, wo ich sie habe, ist sie mir auch nützlich. Ich gehe weniger Kompromisse ein. Wenn ich heute nein sage, dann meine ich auch nein und lasse mich nicht so schnell zu etwas anderem überreden. Wenn ich glaube, daß ich als Schulpsychologe recht habe, und ich weiß, daß es das Beste ist für ein Kind, dann drücke ich das auch durch. Und wenn ein Chef kommt und sagt, das geht nicht, es kostet zuviel, so ist mir das egal. Was recht ist, hat eine größere Bedeutung für mich als früher.

Die schwedische Regierung hat den Opfern psychologische Betreuung zukommen lassen. Hat Ihnen die Hilfe Ihrer Berufskollegen etwas gebracht?

Nicht viel. Wichtig ist, daß sich Freunde und Bekannte nicht scheuen, Kontakt aufzunehmen mit jemandem, der von einem Unglück betroffen ist. Das hat mir sehr geholfen. Viele Leute denken, man sei total gezeichnet von so einem Drama und werde ein ganz anderer Mensch. Dem ist überhaupt nicht so.

Treffen Sie andere Überlebende?

Nein. Es gibt keinen Grund dazu. Ich habe diese Menschen vorher nicht gekannt. Wieso sollte ich sie jetzt treffen? Wir waren verschiedene Menschen und kannten uns nicht. Soll ich sie treffen, nur weil ein trauriges Ereignis uns zusammengeführt hat?

Es ist heiß. Wir sitzen in einem Hotel in Stockholm. Rolf Södermann hat die ganze Zeit ruhig dagesessen, die Beine übereinandergeschlagen, den Kopf in die Hände gestützt, sehr beherrscht, sehr präzise. Er hat eine Freundin mitgebracht. Die steht plötzlich auf, verläßt erbost das Zimmer. Sie halte es nicht mehr aus, sagt sie. Er berichte nichts von den Tränen, erzähle nicht, wie sie tagelang geweint hätten um ihre Freunde. Auch sie, so stellt sich heraus, ist eine Überlebende der Katastrophe. Rolf Södermann will seinen Auskünften nichts hinzufügen.