Wenigstens einmal im Jahr - vor oder nach der Buchmesse - bricht die obligatorische Klage aus, daß Buchleser und -autoren Exemplare einer aussterbenden Gattung seien: Längst sei der Umbruch von der Buchkultur zu den elektronischen Medien vollzogen, und schon habe der Gong, der letzte, für das sechs Jahrhunderte lang währende Leben der Gutenberg-Galaxis geschlagen. Die Signale der Krise mehren sich in der Tat, zumal in den Vereinigten Staaten, die uns - im Guten, im Bösen - stets einen Sprung voraus sind. Kettenläden wie Walden und B.Dalton, die in den siebziger und achtziger Jahren die Shopping Malls eroberten, werden - laut Washington Post - von den Megabookstores Barnes and Noble oder Borders verschlungen.Mit den Supermärkten jener Giganten habe sich der Raum, der für den Verkauf von Büchern zur Verfügung steht, verdoppelt, ja verdreifacht - das Goldene Zeitalter des Buchhandels sei dennoch nicht angebrochen, im Gegenteil, die Verkaufsziffern stagnierten (in Wahrheit stürzten sie im Sommer um vierzehn Prozent), und die Blase der Scheinkonjunktur drohe zu platzen.Er sehe nicht, rief ein Branchenexperte, wie sich der Kollaps vermeiden lasse. Der hoffende Dissident freilich, in dessen Busen sich Skepsis und ein lebensfreundlicher Optimismus seltsam vermengen, könnte zum Beispiel darauf hinweisen, daß die Künder der elektronisch aufgeladenen Menschheitsdämmerung ihre Werke selten in streng gehärteter Prosa präsentierten.Marshall McLuhan und Neil Postman, die Kronzeugen der medialen Revolution und der Gutenberg-Dämmerung, mag man keine Meister der Sprache nennen.Der unvergleichliche Jean Baudrillard wiederum, der uns mit schwelgerisch- prätentiösem Unsinn oft zu erheitern verstand, gibt sich in seinen Büchern des öfteren einer Flipperei hin, die eher der Schnittechnik überdrehter Jungregisseure als dem Stil Stendhals entspricht: Er zappt zwischen Bildern, Geräuschen und Phrasen wie ein Teenager, der sich mit Ecstasy-Pillen aufgepeppt hat.Fragwürdige Zeugen. Wer liest, werden wir belehrt, sei allein der Onliner dagegen oder der Fernsehmensch benutze die Netze und Bildschirme als aufgerissene Fenster zur Welt.Aber was sind Bücher, fragen wir in unserer Unschuld, wenn nicht Fenster, die sich zur Welt und zum Anderen öffnen?Die vermeintliche Isolation bei der Lektüre ist die Schwelle, von der wir aus unserer Einsamkeit in die Welt des Autors und in das Leben seiner Geschöpfe hinübergleiten.Und las man nicht früher einander vor?War das nicht, neben de r Hausmusik, die liebenswürdigste Form der Geselligkeit, ja Unterhaltung? Geschieht es nicht auch heutzutage, wenngleich seltener, unter Freunden und im Kreis der Familien, die nicht nur und nicht immer biersaufend und Potato Chips kauend vor dem Kasten hocken? Es wird, unterm Strich, mehr gelesen als vor fünfzig oder gar vor hundert Jahren.Vielleicht anders, vielleicht flüchtiger, vielleicht öfter die minderen Bücher - obschon: Fontane war (anders als Dickens) zu seinen Lebzeiten kaum der populärste unter den Romanciers im Lande.Der Buchmarkt, das ist gewiß, expandierte unterdessen mit geradezu explosiver Gewalt: nach außen, durch die Eroberung ganzer Kontinente, und nach innen durch die Penetration von Schichten und Klassen, die einst kaum von der Pa ssion fürs gedruckte Wort berührt waren (weil sie fürs Lesen keine Zeit fanden und für Bücher kein Geld hatten). Mit einer Prise Ironie könnte man feststellen, daß es ist, wie es immer war: Es werden auch gute Bücher gelesen, wenn denn gelesen wird.Der Verfasser dieser Betrachtung verfolgt seit mehr als zwei Jahrzehnten das Geschick einiger junger Menschen, die in einer ländlichen Armutszone der Karibik zur Welt kamen.Die Eltern, beide Analphabeten, sind kaum in der Lage, ihre Namen zu schreiben.Ihr Englisch eigneten sich die Kinder vor dem Fernsehschirm an, und es versteht sich, daß drei von den sieben In formatik studieren.Lesen lernten sie auch.Bildung, das begriffen sie rasch, ist der einzige Weg aus der Gefangenschaft in der Armut.Zu den Büchern, die zwei von ihnen auf ihrer ersten Europareise mit sich schleppten, gehörten ein Roman von Gabriel Ga rca Márquez, außerdem ein simples Geschichtswerk, in dem sie für die Schule das Zeitalter der Renaissance und der Reformation studierten, dazu zwei lateinamerikanische Airport-Romane.Immerhin. Einfältige Bücher ziehen die anspruchsvollen hinter sich her, törichte die klugen, verlogene die wahrhaftigen, banale die poetischen, und die populären finanzieren die schwierigen.So verhielt es sich seit eh und je.Nur die Dimensionen haben sich mit der Entwicklung der Buchproduktion zu einer mächtigen Industrie drastisch verändert. Kursanzeiger sind die Bestsellerlisten.Die erste erschien übrigens folgerichtig in der Gründer- und Glanzepoche der Industrialisierung: 1895 in dem New Yorker Magazin The Bookman.Laut Encyclopædia Britannica, der wir dieses Wissen verdanken, sind Bestseller als "Index des populären Literaturgeschmacks" dienlich.Die führenden Kategorien waren, wie uns das Lexikon unterrichtet, von Beginn an "religiöse Bücher und Werke der Inspiration, romantische und semihistorische Romane, Sex- und Sensati onsgeschichten". So steht es dort drüben noch immer.Die New York Times Book Review verzeichnete unter ihren Best Sellers - im Englischen sind es zwei Wörter - in ihrer Ausgabe vom 14.September 1997 fünf Bücher religiöser Natur (und bestätigte damit unsere Vermutung, daß Amerika das einzige Land des Westens ist, das sich mit einigem Recht noch christlich nennen darf).Darunter Band I und II der Betrachtungen von Neal Donald Walsh, die unter dem genialen Titel "Konversationen mit Gott" erschienen, und die Autobiogr aphie des betagten Kreuzzug-Predigers Billy Graham. Mit anderen Worten: Die Amerikaner blieben sich in der hundertjährigen Bestsellergeschichte auf erstaunliche Weise treu.Denn neben und nach der Bibel waren bis an die Schwelle unserer Tage die erfolgreichsten Bücher religiös motivierte Romane wie Charles Sheldons "In His Steps" (mit acht Millionen verkauften Exemplaren zwischen 1897 bis 1975), Lewis Wallace' "Ben Hur" und Lloyd C.Douglas' "The Robe".Treu blieben sich unsere transatlantischen Gevattern auch in ihrem nie versiegenden Verlang en nach Ratgebern für alle Lebenslagen, zumal aber für Liebe und Ehe.Treu in ihrem unstillbaren Hunger nach Diätvorschriften, die das Buchmagazin der New York Times in einer gesonderten Liste unter den Stichwörtern "Advice, How-to and Miscellaneou s" aufführt.Treu vor allem in ihrer unausrottbaren Neigung zum Konfektionsroman, der in den Bestsellerfabriken von Danielle Steele oder John Grisham (Jahresumsatz eine halbe Milliarde Mark) mit der gleichen Präzision gefertigt und vermarktet wird, wie die Fashion-Designer ihre Prêt-àporter-Modelle entwerfen und unters Volk bringen: in den Worten der Enzyklopädie Produkte einer "sorgfältigen und manchmal kaltblütig berechneten Planung" - so die exakte Formel für den "synthetischen Roman" (Frank Thiess), der für die Bestsellerei gefertigt und für gewöhnlich nach einem Jahr wieder vergessen ist. Die Londoner Zeitschrift The Economist begnügt sich zu unserem Wohlgefallen nicht damit, ihren Kunden eine britische Version der Listen zu servieren, sondern vergleicht die Leserneigungen und Verkaufserfolge der unterschiedlichsten Länder unter der Rubrik "What the world is reading" in immer wechselnden Kombinationen.Das ist amüsant genug.Verbindliche Einsichten oder Auskünfte von wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit vermittelt das freundliche Spiel kaum - wohl aber die tröstende Erkenntnis, daß ein Weltpublikum gottlob nur fürs Fernsehen und bei Prinzessin Dianas Trauerfest existiert.Für Bücher ist das globale Dorf noch nicht erfunden.Die universelle Gleichschaltung von Geschmack und Interessen fand nicht statt. Selbst die literarischen Erfolgsstatistiken der Schweiz haben selten mehr als zwei Namen mit denen der deutschen Nachbarn gemeinsam. Auf den japanischen Listen, denen wir im Economist begegneten, war bloß ein westlicher Titel verzeichnet (leider ein Opus von Danielle Steele), dafür prangten - wie zu erwarten - in der Kategorie "non-fiction" fünf Publikationen (unter insgesamt zehn), die mit Computerspielen zu schaffen haben.Eine koreanische Liste wiederum zeigt vier Bücher an, die Eltern und Kindern den Weg zu den großen Schulen und Universitäten zu öffnen versprechen: ein Spiegel der Examenshysterie, die das Land Jah r für Jahr überfällt und seelische Verheerungen zurückläßt. Leider wurde noch nie mit einiger Systematik ermittelt, warum welche Autoren und ihre Bücher zu der Leserschaft anderer Sprachen vordrangen - und warum welche nicht.Das zu untersuchen wäre eine lohnende Aufgabe für die Unesco. Was zum Beispiel mögen die Gründe sein, daß besagter Fontane in Amerika, in Großbritannien, in Italien, in Spanien auf starräugige Desinteressiertheit trifft, während sich französische Kleinverleger seit Jahr und Tag (wenn auch vergebens) bemühen, ein Publikum für den skeptischen Preußen zu finden?Woran mag es liegen, daß Heinrich Mann, der Wahlfranzose, mit dem "Henri IV" im Land seiner Liebe auf der Strecke blieb?Und warum weigern sich die Deutschen, Jean Giono als einen der Großen des Jah rhunderts zu erkennen? Fragen über Fragen. Unsere linksrheinischen Nachbarn kümmern sich, wie die Übersichten des Economist besagen, um die amerikanischen Bestsellerlisten einen Dreck: Im Mai dieses Jahres figurierte keine einzige Übersetzung unter den zehn ersten Sachbüchern.Souverän entziehen sie sich den Trends und ihren Launen, sofern es nicht ihre eigenen sind.Überdies sind ihre Verleger zu sparsam, um sich von dem New Yorker Agentencorps kirre machen zu lassen.Sie verweigern sich - anders als ihre deutschen Kollegen - dem Wahnwitz der Auktionen, in denen die Vorschüsse ins Astronomische gesteigert werden.Vielmehr verlassen sie sich darauf, daß die begehrtesten Rechte ein Jahr später nur noch die Hälfte kosten.Auch die Italiener und die Spanier rennen für g ewöhnlich den amerikanischen Sensationen nicht japsend nach: Ihre Listen gehören den eigenen Autoren. Selbst die Briten halten ihre Neigungen von den Sentiments und Interessen der Vettern jenseits des Ozeans strikt getrennt: Im Mai 1996 zum Beispiel hatte ihre Liste auch nicht einen Autor mit der amerikanischen gemeinsam.Und der Zusammenhalt des Commonwealth erweist sich, was die Buch-Moden angeht, als blanke Illusion im November 1996 beispielsweise wiesen Australien - das eine Leberreinigungsdiät für Hartsäufer als Titel Nummer eins nennt -, Kanada, Südafrika und Großbritannien nur ein einziges Buch auf, das in zweien der Länder notiert wurde: John Grays "Men are from Mars, Women are from Venus". Die Schweden, die - soweit zum gehobenen Bürgertum zählend - als quasi anglisierte Nation gelten, halten sich vor der Ladenkasse an die eigenen Schreiber.Nur der unverwüstlichen Rosamunde Pilcher wenden sie sich mit einer Liebe zu, die jener formidablen Dame vor allem unter den Deutschen zuteil wird. Unsere Landsleute aber sind ein Sonderfall sind es paradoxerweise um so mehr, weil sie sein wollen wie alle anderen, doch das mehr und mit brachialer Entschiedenheit.Die Liste der zehn bestverkauften Romane im April 1997 weist nur einen deutschen Titel auf: Ingrid Nolls "Kalt ist der Abendhauch".John Grisham, Michael Crichton, Ken Follett - die amerikanischen Bestselleringenieure rühren die Sehnsüchte der Seele Germaniens mit gleicher Sicherheit auf wie die amerikanischen.Bei den Sachbüche rn geht es ein wenig deutscher zu, wenngleich stereotyp genug.Es bestätigt sich, auch bei uns, daß Fernsehruhm allemal der Schlüssel zur Aufnahme in den Bestsellerclub ist, von Peter Scholl-Latour über Ulrich Wickert, die auch das Telephonbuch von Wanne-Eickel in einen Kassenschlager verwandeln könnten, bis zu Alfred Biolek, dem Talkmaster und Koch, der sich, gemütlich wie eine alte Cordhose, mit seiner schlauen Bonhomie so beharrlich ins Gemüt der Nation geschmeichelt hat. Und, das versteht sich, Ute Ehrhardts "Gute Mädchen" kommen unentwegt in den Himmel: schon jetzt die Nummer drei in der Gesamtwertung des letzten Vierteljahrhunderts, nach Christiane F.s "Kinder vom Bahnhof Zoo" und Cerams "Erstem Amerikaner", weit vor Haffners "Anmerkungen zu Hitler", Zuckmayers Autobiographie, Ditfurths medikal-mystischen Betrachtungen.Bei der Belletristik liegt Endes "Unendliche Geschichte" um vierundvierzig Wochen vor Garca Márquez' "Liebe in den Zeiten der Cholera", um fa st fünfzig vor Gaarders "Sofies Welt".Zuletzt freilich erweist sich der deutsche Geschmack als keineswegs undeutsch: Die bestplazierten Romanciers von 1961 bis 1996 waren Simmel, Ende, Böll und Lenz, unter den Sachbuchautoren Scholl-Latour, Klaus Me hnert und Ceram. Frau Utes Werken aber folgt nun auf dem Fuß - es ist grotesk - der Großpräzeptor Amerikas, der seinen Mitbürgern und der Welt einst Heil und Sieg in allen Lebenslagen versprach: Dale Carnegie, dessen klassisches Erfolgsbuch "How to Win Friends and Influence People" zu den Jahrhundertbestsellern zählt.Seit 1955 liegt der Magier unter der Erde.In Deutschland indes - nur dort - erlebt er eine erstaunliche Renaissance. Vielleicht gräbt einer unserer PR-Genies in den Konzernen auch Dr.Benjamin Spocks "The Common Sense Book of Baby and Child Care" von 1946 wieder aus, und es müßte niemanden stören, daß die Säuglingsfiebel, nach deren Anregungen ganze Generationen ins Leben gehätschelt wurden, im Urteil mancher Fachleute eine Anthologie progressiv-platter Torheiten ist. Das gilt auf höherer Ebene für manches Werk, das als steady seller die Menschheit in seinen Bann schlug - selbst dann, wenn zweifelhaft ist, ob es jemals soviel gelesen wie gekauft und zitiert wurde: an Spenglers "Untergang des Abendlandes" zu denken - oder an das fatale Kampfbuch des Festungshäftlings A.H.(hätte man es nur studiert!), das uns auf seltsamen Umwegen wieder vor Augen kam.Die New York Times Book Review, die jeden Sonntag dem Hauptblatt mit einer Million Auflage beiliegt, feierte im vergangenen Jahr ihr hundertjähriges Bestehen.Die Jubiläumsausgabe präsentierte die wichtigsten Rezensionen der eindrucksvollen Geschichte des Magazins.Das Jahr 1933 ist durch eine Besprechung des Buches "My Battle" vertreten, deren Verfasser danach fragt, was eine Art von Mensch dieser Hitler sei, "der solch eine Vereinheitlichung der Deutschen durchsetzte, von der Bismarck nicht geträumt hat, der ein ganzes Volk von den Kindern bis zu den Alten in einer militärischen Formation ordnet, die nur einen Rachekrieg bedeuten kann - und der die Verfolgungen des Mittelalters gegen eine intellektuelle und friedfertige Rasse wieder aufleben ließ".Der Autor James W.Gerard räumte ein, daß "Hitler viel für Deutschland leistet", ja er lobte die "Zerstörung des Kommunismus, die Ausbildung der Jugend, die Schaffung eines spartanischen Staates, der von Patriotimus beseelt ist, die Einschränkung der parlamentarischen Regierungsform, die sich als so ungeeignet für den deutschen Charakter erwies, den Sc hutz des Rechtes auf Privateigentum".Der kriminelle Charakter des Regimes, das sich ihm als eine gigantische Kaserne darstellte, gab sich dem Autor durch den fanatischen Rassismus zu erkennen, und er zögerte nicht, den Boykott des "Dritten R eiches" zu fordern. Übrigens war die Konfession des Mannes aus Braunau am Inn von Berichten über William Faulkners "Licht im August" und Margaret Mitchells "Im Winde verweht" gerahmt.Die Festausgabe der Book Review lud mit der Bestsellerliste vom 9. August 1942 überdies zu einem Test ein: Von den siebzehn genannten Schriftstellern blieben immerhin vier in Erinnerung, nämlich Franz Werfel (mit dem "Lied der Bernadette"), John Steinbeck, Louis Bromfield und Somerset Maugham, während uns von den Non-fiction-Schreibern nur zwei noch gegenwärtig sind: Antoine de Saint-Exupéry und der große Journalist James B.Reston. Hundert Jahre Kritik: Amerika, das angeblich geschichtslose, ist das Land der wahren Kontinuität, die sich bei uns, über die Katastrophen und ihre Brüche hinweg, eher in Merkwürdigkeiten wie der hartnäckigen Popularität ausgerechnet der Hedwig Courths-Mahler in - Ostdeutschland annonciert (neben Konsalik, Strittmatter, Thomas Mann, Goethe, Stefan Heym, Günter Grass, Stephen King und, bei den Frauen, Karl May).Wir könnten, was unsere Lesekultur angeht, dies und das von den angeblich s o unbekümmert-naiven Zeitgenossen auf der anderen Seite des Atlantiks lernen.Wie köstlich wäre es, den Reichtum ihres Zeitschriftenparadieses, das die Neugier auf die Literatur auf die natürlichste Weise wachhält, zu uns herüberzulocken. Wenigstens könnten wir weise genug sein, unseren Bestsellerrubriken nach dem Vorbild der New York Times eine Sparte anzufügen, die sich bescheiden "And Bear in Mind" nennt: eine Auswahl der Redakteure, die in knappen Sätzen wichtige Titel jenseits der Listen vorstellen.Ein nobles Verfahren, unprätentiöser und weniger hochmütig als die "Besten-Listen" des Südwestfunks und des NDR, in denen zwei Dutzend Kritiker die Bücher ihres Geschmacks mit numerierten Rängen versehen. Doch wer weiß, vielleicht will es der Zufall, daß darin eine Geschichtensammlung, eine soziale Analyse, ein Gedichtband genannt werden, von denen man in zwei Jahrzehnten sagt, sie hätten den geistigen Sprung aus der postindustriell-medialen Epoche der Jahrtausendwende in das Zeitalter spiritueller Kooperation im Zeichen einer nachnationalen Universalität vollzogen - Werke, die man hernach als "Kultbücher" wahrnimmt, wie Goethes "Werther" eines war, Hesses "Steppenwolf", Lawrence' "Lady Chatt erley", Orwells "Animal Farm", Castanedas "Don Juan": heimliche Best- und Dauerseller, die auch auf gar keiner Liste, keiner quantitativen, keiner qualitativen, stehen mögen. Vielleicht sind sie - bis jetzt - nicht einmal gedruckt, sondern in einer der elektronischen Zeitschriften publiziert, die nicht das Ende der Lektüre ankündigen, sondern in Wahrheit die Fortsetzung Gutenbergs mit anderen Mitteln sind.