SCHWARZWALD. - Wenn Johannes Schünemann nach Feierabend joggend den Tuniberg erklimmt, hat er freien Blick auf den Schwarzwald. Gerade einmal dreißig Kilometer Luftlinie sind es vom Kaiserstuhl bis dorthin. Die dichten Nadelwälder bilden ein blauschwarzes Band am Horizont. Zigtausend Festmeter Fichten und Tannen werden hier jährlich gefällt. Doch falls je ein Brett aus diesem Holz in der Kreissäge des Schreinermeisters in Niederrimsingen landet, dann hat das viel mit Zufall zu tun. Seinen Nachschub holt Schünemann im nächsten Großhandel. Das ist wie Einkaufen im Supermarkt: Ob die Ware aus Schweden, Finnland, aus der Ukraine oder aus dem Schwarzwald kommt, davon hat er keine Ahnung. Und es war ihm bislang eigentlich auch egal.

Johannes Schünemann wäre ein Fall für die Holzkette Hochschwarzwald, einen Zusammenschluß von Förstern, Schreinern, Zimmerern, Wald- und Sägewerksbesitzern, Bauplanern, Architekten und Holzschnitzern. Die einmalige Initiative, die seit Juli im Vereinsregister steht, hat sich nämlich zum Ziel gesetzt, dem heimischen Holz wieder ein besseres Image zu verpassen und seine Marktchancen zu erhöhen. Beides ist dringend nötig, denn die Schwarzwälder haben ihren wichtigsten Rohstoff seit Jahrzehnten sträflich vernachlässigt.

Die Gemeinden gingen mit schlechtem Beispiel voran: Die wuchtigen Kurhäuser, die dank praller Fördertöpfe in den siebziger und achtziger Jahren in fast jeden Ortskern geklotzt wurden, sind Festungen aus Beton, Stahl und Glas. Daß man ein Haus auch aus Holz bauen kann, wurde ignoriert.

Die Suppe müssen jetzt alle auslöffeln, der kleine Waldbauer ebenso wie der Sägewerksarbeiter oder der Forstamtsleiter. Denn sie alle sind vom Arbeitsplatzabbau bedroht. Heute wird zwar wieder mit Holz gebaut, doch das stammt oft aus Skandinavien, Osteuropa und sogar aus Kanada. Schwarzwälder Holz spielt im Schwarzwald keine Rolle mehr. Die ausländische Konkurrenz kann trotz langer Transportwege bessere Konditionen bieten.

"Wir befinden uns in einer betriebswirtschaftlich schwierigen Lage. Es ist nicht einfach, unser Holz zu einem akzeptablen Preis zu verkaufen", sagt Eberhard von Türckheim von der Forstdirektion Freiburg, die 427 000 Hektar Wald verwaltet. Das ist sehr vorsichtig formuliert, denn die Forstbetriebe schrammen seit Jahren haarscharf an roten Zahlen vorbei. Dierk Weißpfennig, Stadtförster der Schwarzwaldgemeinde Titisee-Neustadt und Herr über 1564 Hektar Wald, viele in schwer zugänglichen Steillagen, macht die ernüchternde Rechnung auf: "Rund 10 000 Festmeter Holz werden bei uns pro Jahr eingeschlagen. Für den Festmeter bekomme ich im Schnitt 120 Mark, davon gehen mindestens 100 Mark für Waldarbeiter, Maschineneinsatz und Verwaltung drauf."

Was bleibt, wird größtenteils in Aufforstung, Bestandspflege und Wegebau investiert.

Neidisch blicken die Holzerzeuger, die sich an den steilen Mittelgebirgslagen abrackern, auf die sanfte Hügellandschaft Skandinaviens, wo dank günstiger Erntebedingungen ein Vielfaches an Gewinn erwirtschaftet wird. Achtzig Prozent der Produktion gehen auf den europäischen Markt. Deutschland, zweitgrößtes Importland für skandinavisches Holz, bezog 1996 allein aus Schweden 1,7 Millionen Kubikmeter Schnittholz.