Die New Yorker Redakteure des Time Magazine trauen ihren Augen nicht. In einer weltweiten Umfrageaktion im Internet sollen per Abstimmung die wichtigsten Personen dieses Jahrhunderts ermittelt werden. An der Spitze der Heldentafel für unser Jahrhundert landet vor Reagan, Churchill, Mahatma Gandhi, Madonna und Michael Jackson der türkische Staatsgründer Kemal Atatürk.

Die Türken, von Massenblättern in Istanbul und Ankara bei ihrer nationalen Ehre gepackt, hatten zu Zehntausenden die Faxleitungen blockiert und ihren ersten Präsidenten, über den sie sich noch nie so uneins waren wie heute, auf Platz eins katapultiert.

Fast auf den Monat genau 75 Jahre vor dem Faxangriff der Türken auf New York wird im Oktober 1922 in Ankara, einem elenden Nest auf der anatolischen Hochebene, von achtzig Abgeordneten der türkischen Nationalversammlung - einer provisorischen Gegenregierung zum im Weltkrieg besiegten Istanbuler Ancien régime der Sultane - der Antrag eingebracht, das Sultanat abzuschaffen und Mehmet VI. ins Exil zu schicken. Unter den Unterzeichnern ist der Präsident der Versammlung, der ehemalige General Mustafa Kemal Pascha, den die Volksvertreter gerade für seine Siege über die griechischen Besatzungstruppen mit dem alten osmanischen Eroberertitel "Chazi" ausgezeichnet haben.

Die gläubigen Muslime, die eine starke Gruppe im Parlament bilden, stoßen sich vor allem an dem Satz: "Nach dem Verfassungsgesetz besitzt die Nation das Recht auf die Herrschaft." Das bedeutet den Bruch mit der Vergangenheit.

Das ist das Ende der sechshundertjährigen Herrschaft des Hauses Osman. Das ist der Sturz der Monarchie. Das ist die Revolution. In der Versammlung bricht Tumult aus. Die Revolutionäre müssen sich gegen die tätlichen Angriffe der Traditionalisten zur Wehr setzen. Der Antrag wird an einen Ausschuß von islamischen Schriftgelehrten überwiesen, die sich an Detailfragen festfressen, bis Mustafa Kemal auf eine Bank springt und allen Zauderern droht, ihnen die Köpfe abschlagen zu lassen.

Eine Pistole in der Hosentasche, umringt von bewaffneten Leibwächtern und seinen Parteifreunden, läßt Kemal am 1. November 1922 über die Abschaffung des Sultanats abstimmen. Die Abgeordneten verlangen eine namentliche Abstimmung. Die um Kemal versammelten Offiziere greifen an ihre Gürtel.

Vierzig bis sechzig Abgeordnete heben die Hand. "Einstimmig angenommen", ruft der Sitzungspräsident in den Saal. Beifall mischt sich mit empörtem Pultklappern, Stühle und Tintenfässer fliegen. "Gemäß einstimmigem Beschluß der Großen Nationalversammlung ist das Sultanat von heute an aufgehoben." Der Präsident schließt mit diesem Satz die Sitzung und läßt den Saal räumen.

Die Abschaffung des Sultanats ist der erste Donnerschlag der kemalistischen Revolution. Sie spaltet bis heute die türkische Gesellschaft in zwei unversöhnliche Lager, welche die Politiker in Ankara zu einer komplizierten Gratwanderung zwingen. Türkische Politik ist seit jeher ein Manövrieren zwischen Okzident und Orient, zwischen militärischer und ziviler Herrschaft, zwischen Diktatur und Demokratie, zwischen Islam und Aufklärung, zwischen Rückschritt und Modernisierung, zwischen Staatswirtschaft und freier Marktwirtschaft, zwischen Fundamentalismus und Toleranz.

Kaum zwei Biographen Atatürks und keine zwei Historiker schildern den parlamentarischen Akt in Ankara, der die Geschichte des Osmanischen Reiches beendet hat, ähnlich. Atatürk läßt in seiner eigenen Darstellung der Vorgänge keinen Zweifel daran, daß es sich dabei um einen Coup d'État gehandelt hat.

Fest steht, das Osmanische Reich wurde in Ankara und nicht von den Siegermächten des Weltkriegs (England, Frankreich, Italien) zu Fall gebracht.

Am 5. November 1922 übernahm ein Abgesandter Kemals unter den Augen der verblüfften alliierten Besatzer die Verwaltung am Goldenen Horn, und am 15.

bat der Kapellmeister des Sultanspalastes beim britischen Hochkommissar Sir Charles Harington für seinen Herrn um politisches Asyl. Zwei Tage später hielt eine Ambulanz des britischen Roten Kreuzes vor einer Geheimtür des Yildiz-Serails, und der letzte Herrscher der Osmanen verließ in Begleitung eines Eunuchen mit einem Koffer voller Juwelen im Schutz seines Regenschirms die Bühne der Weltgeschichte über eine Hintertreppe.

Wenn Völker mit ihrer Vergangenheit brechen, fließt meistens Blut. Einer der bedeutsamsten Vorgänge dieser Art war die Vertreibung des osmanischen Sultans aus Istanbul. Das letzte Reich antiken Ausmaßes, das die Erinnerung an die Imperien des Kyros, Alexanders des Großen, Justinians und der Byzantiner in sich barg, ging nicht in einer welterschütternden Katastrophe zugrunde, sondern in einer parlamentarischen Farce.

Als das Osmanische Reich unterging, verschwand im Südosten Europas und im Vorderen Orient eine multi-ethnische, übernationale und über den Religionen stehende Ordnungsmacht, deren Verlust heute, nach den Katastrophen des europäischen Nationalismus und den jüngsten ethnisch-nationalen Konflikten auf dem Balkan, wo von jeher die Völker unentwirrbar untereinander vermischt sind, neu zu bewerten ist.

In der nationaltürkischen Geschichtsschreibung kommt die islamische Herrschaft der Osmanen über das türkische Volk fast einer Fremdherrschaft gleich. Für die Kemalisten war das Sultansregime seit den Eroberungen von Konstantinopel, Kairo und Budapest nichts weiter als der dekadente Schlußakt einer einst glorreichen Geschichte der mittelasiatischen Turkvölker, die erst mit dem türkischen Nationalstaat einen neuen Aufschwung nahm. Diese Auffassung stimmt merkwürdig mit dem westlichen Mythos vom "kranken Mann am Bosporus" überein, der den Westmächten, Deutschland, Österreich und Rußland seit dem 18. Jahrhundert den Vorwand zu militärischen, politischen und zivilisatorischen Interventionen geliefert hat.

Der osmanische Staat war aber alles andere als eine zurückgebliebene islamische Theokratie. Er war von Anfang an eine realpolitische, sehr weltliche Synthese von byzantinischer und islamischer Staatsform und Zivilisation. Das Kalifat als geistliche Herrschaft der Sultane über alle Muslime wurde von den Osmanen erst am Beginn des 19. Jahrhunderts beansprucht, als die ersten islamischen Bevölkerungen unter christliche Herrschaft gerieten. Die Sultansmacht war in erster Linie militärisch und administrativ begründet, und das System fand im 19. Jahrhundert die Kraft, sich - wenn auch nur sehr behutsam - zu verwestlichen und auf allen Ebenen zu modernisieren.

Dieser Modernisierungsprozeß wurde vom Nationalismus aller Nachfolgestaaten auf dem ehemaligen Gebiet des Osmanischen Reiches überrollt. Die Neubewertung der osmanischen Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts in jüngster Zeit hat Konsequenzen für die Beurteilung des modernen türkischen Nationalstaates. Die rigorose Säkularisierung und Verwestlichung der türkischen Gesellschaft in den zwanziger Jahren wäre ohne entsprechende Tendenzen in der osmanischen Geschichte gar nicht möglich gewesen.

Wie wird einer mitten im 20. Jahrhundert zum Staatsgründer, als stünde er wie Lykurg oder Romulus am Anfang der Geschichte oder wie George Washington in einem nach europäischem Verständnis geschichtsfreien Raum? Als Sohn eines niederen Zollbeamten im makedonischen Saloniki hatte Mustafa - der Name Kemal kam in der Schulzeit dazu und der Ehrenname "Atatürk" (Vater der Türken) erst nach der Namensreform im Jahr 1934 - nicht die geringste dynastische Legitimation für einen Staatsgründungsakt. Die parlamentarische Rechtsgrundlage sowie die dafür notwendige Volksvertretung schuf er sich selber - aus dem Nichts.

Wie kommt eine Halbwaise, ein Junge, der am untersten Ende einer Bildungspyramide, überfrachtet von islamischer Tradition, intellektuell dahinvegetiert, dazu, von einer Karriere zu träumen, die ihn an die Staatsspitze führte? Schenkt man den Biographen Glauben, die oft die Lücken in den Jugendjahren großer Persönlichkeiten mit Legenden füllen, dann war sich Mustafa Kemal schon sehr früh seiner Mission bewußt.

Das Osmanische Reich, das keinen Ständestaat und keine Aristokratie kannte, sondern unterschiedslos jedem Muslim (auch einem zum Islam übergetretenen Christen) die Möglichkeit einräumte, sich durch die Verwaltungsebenen, die militärischen Ränge und die Kamarilla im Serail bis zum Großwesir hochzuboxen, versperrte selbst seinen geringsten Untertanen nicht die Hoffnung auf hohe Machtpositionen. Es gab lange vor der amerikanischen Verfassung eine orientalische Art des pursuit of happiness, ein Karriereversprechen, das allerdings nicht unternehmerisch, sondern ausschließlich administrativ gemeint war.

Man mußte also, um etwas zu werden, die Militärschulen besuchen. Nur so kamen namenlose Knaben aus der Provinz bei großem Fleiß und ebensolcher Subordination auf der Karriereleiter nach oben und nach Istanbul, in die Nähe des Machtzentrums.

Mustafas Vater setzte kurz vor seinem Tod den Sohn gegen den Willen der strenggläubigen Mutter auf diese Schiene, und der Knabe nutzte die einzige Chance. Er erklomm die Stufen der Militärschulen bis zur Istanbuler Militärakademie.

Das Militär war im Osmanischen Reich seit dem 19. Jahrhundert eine Domäne des Fortschritts. Es herrschte zumindest in einigen maßgeblichen Offiziersfamilien der Geist westlicher Aufklärung und Zivilisation. Mustafa verkehrte in diesen Familien und kam hier mit europäischer Geschichte, Literatur und Philosophie in Berührung. Er erwarb und vervollkommnete seine Kenntnisse der französischen Sprache und las Voltaire, Rousseau, Auguste Compte, John Stuart Mill. Die Philosophie der Aufklärung vermochte in einem entfernten Jahrhundert und einer völlig fremden Welt einen jakobinischen Geist zu entfachen.

Bis zur Niederlage des mit dem Deutschen Reich verbündeten Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg war für Mustafa Kemal der Aufstieg in die Machtspitze des Staates durch die jungtürkischen Politiker um Enver Pascha versperrt. Die Jungtürken verhalfen zunächst der Konstitution und dem Parlamentarismus zum Sieg, die Alleinherrschaft des Sultans verzettelte sich dann aber in panturkistische und panislamische Großmachtträume, die sie mit Hilfe der Deutschen zu realisieren hofften. Eine Folge des jungtürkischen Chauvinismus ist die Vertreibung und der Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915. Die türkische Regierung weigert sich bis heute, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Atatürk ließ während des Befreiungskrieges in den Jahren 1919 bis 1922 eine zweite "Säuberungswelle" über armenische Siedlungsgebiete im Nordosten Anatoliens hinwegrollen.

Trotz seiner offenen Gegnerschaft zur Politik der jungtürkischen Regierung und trotz seiner Kritik am Bündnis mit Deutschland wurde Kemal ein Kommando unter dem Oberbefehl des deutschen Generals Otto Liman von Sanders auf der Halbinsel Gallipoli übertragen. Kemal errang an diesem Frontabschnitt den einzigen Sieg der Türken und Deutschen über die Alliierten und wurde dafür zum General befördert. Aus seiner Geringschätzung der deutschen Militärs machte der Held von Gallipoli kein Hehl. Als er den osmanischen Kronprinzen ins Große Hauptquartier nach Spa begleitete, sagte er Hindenburg und Ludendorff klipp und klar ins Gesicht, der Krieg sei verloren.

Seinen Soldaten hatte Kemal in den Bergen von Gallipoli zugerufen: "Ich befehle euch zu sterben." Mit derselben Todesverachtung und dem Wahlspruch der Jakobiner im Kopf, lieber tot als in Knechtschaft leben, stürmte er, als der Zusammenbruch seine Feinde hinweggefegt hatte, nach Anatolien, sein Ziel klar vor Augen: ein türkischer Nationalstaat, beschränkt auf das Kernland.

Keine Herrschaft mehr über andere Völker. Aber auch keine anderen Völker mehr im neuen Staat der Türken. Atatürks Nationalismus war nicht imperialistisch und nicht expansionistisch. Aber auch er ging wie die Griechen, die Bulgarier und die Serben von einer homogenen Volksgemeinschaft aus. Ein Volk, ein Land, eine Sprache, eine Kultur. Für dieses Programm geschahen und geschehen noch immer die furchtbarsten Verbrechen.

"Wir müssen uns der östlichen Zivilisation entziehen und der westlichen zuwenden. Wir müssen die Unterschiede zwischen Mann und Frau aufheben. ... Wir müssen die Schrift, die uns hindert, an der westlichen Zivilisation teilzunehmen, abschaffen ... und wir müssen uns in jeder Beziehung, bis hin zu unserer Kleidung, auf den Westen hin ausrichten." Als Mustafa Kemal in der Funktion eines Armeeinspekteurs mit der Aufgabe, die osmanischen Streitkräfte zu demobilisieren, in der anatolischen Hafenstadt Samsun am 19. Mai 1919 an Land ging, hatte er noch nicht die geringste Ahnung, wie er seine Visionen in die Tat umsetzen sollte.

Aber Atatürk gehörte zu jenen Menschen, die man sich in den nachfolgenden Generationen gern mit ausgestrecktem Arm und Blick gegen den Horizont vorstellt und die in dieser Pose von den Denkmalerbauern in Erz gegossen werden - wie Kolumbus, wie Napoleon oder Lenin. Er sah sich selber als einen modernen türkischen Moses, der sein Volk ins Gelobte Land führt. In der Rückschau war für ihn der Tag der Landung in Samsun der eigentliche Geburtstag der Nation, und da er seinen eigenen Geburtstag im Frühjahr 1881 nicht kannte, setzte er ihn mit dem der Nation gleich.

Atatürk war besessen von der Idee des zivilisatorischen Fortschritts, den er sich nur als Weg nach Westen vorstellen konnte. Er hatte nicht die Geduld, dabei an einen evolutionären Prozeß zu denken, der sich über Generationen erstreckte. Er plante den Fortschritt wie ein General - als Überfall.

Dafür gab es im unwegsamen Kleinasien, das seit 1918/19 von Griechen, Franzosen, Italienern und Engländern besetzt war, keinerlei Grundlagen.

Atatürk schuf seinen Staat auf dem Telegraphenamt. Abdul-Hamid II., der vorletzte Sultan, der unter krankhaftem Verfolgungswahn litt, hatte für seinen Nachrichtendienst kreuz und quer durch sein Reich Telegraphenlinien gezogen. Die ersten Soldaten in Kemals Schlacht für den Nationalstaat waren also die Telegraphisten. Tag und Nacht schloß er sich in die Telegraphenämter ein und hämmerte seine chiffrierten Botschaften in die Drähte: Wehrt euch!

Lieber tot als auf Knien leben! Nie vorher in der Geschichte der Menschheit nahm ein Staat virtuell in einem Kommunikationsnetz Gestalt an, ehe er politisch und militärisch verwirklicht wurde.

Kemal reorganisierte die Reste der Armee. Er wurde dafür vom Istanbuler Marionettenkabinett des Hochverrats angeklagt und vom obersten Geistlichen, Scheik-ul-Islam, für vogelfrei erklärt. Er formte Dorfmilizen zu Guerillaeinheiten um, rief die lokalen politischen und geistlichen Machteliten zu vorparlamentarischen Kongressen zusammen. Aber ohne die bereits vor seiner Ankunft bestehenden Widerstandsgruppen, ohne die allgemeine Empörung aller Türken über den Friedensvertrag von Sèvres im Jahr 1920, in dem die Siegermächte die Türkei vollständig unter sich aufteilten, und ohne die protürkische Haltung der Bolschewisten, die inzwischen in Rußland an die Macht gekommen waren, wäre es Kemal nicht gelungen, seine Träume auf dem Telegraphenamt in politische Realität umzusetzen.

Noch 1920 war Kemals Macht über Anatolien eine Fiktion, begründet auf Telegrammen, nicht auf Uniformen. Die verfassunggebenden Versammlungen von Erzurum, Sivas und Ankara betrafen einen Staat, den es nicht gab und der keinen Platz auf der Landkarte Anatoliens hatte. Atatürks Glück war es, daß die Alliierten, bis auf die Bahnlinien in die Ölregionen, an Anatolien wenig Interesse hatten und kriegsmüde waren. Es gelang ihm, die militärisch überlegenen Griechen in drei Schlachten ins Meer, die Armenier über die russische Grenze zu treiben und jeden Widerstand der Kurden zu brechen. Drei Jahre nach seiner Landung in Samsun waren die Träume vom armenischen und kurdischen Staat und von der Auferstehung eines griechisch-byzantinischen Reiches ausgeträumt. Die Alliierten rieben sich die Augen. Der Vertrag von Sèvres war Makulatur.

Im Frieden von Lausanne konnte die türkische Regierung 1923 gegenüber den Siegermächten die vollständige Souveränität über das Land in seinen heutigen Grenzen erwirken. Nur die Dardanellen und der Bosporus blieben bis 1936 unter der Kontrolle des Westens. Istanbul wurde von den Engländern geräumt. Die neue Hauptstadt aber wurde Ankara.

Atatürk jedoch war noch längst nicht am Ziel. Seine eigentliche Revolution begann erst jetzt. Er wollte die Republik. Er wollte mit einem Schlag alles das nachholen, was der Westen in den hundertfünfzig Jahren seit der Aufklärung und der Französischen Revolution nur mühevoll und unvollständig in seinen Gesellschaften hatte durchsetzen können: die Demokratie, den Rechtsstaat, die Privatisierung der Religion, die Industrialisierung. Nicht einmal seinen engsten Vertrauten enthüllte er seinen ganzen weltumstürzenden Plan. Er verordnete den Türken eine Revolution in Scheiben.

Kemal wußte, daß die Revolution ohne diktatorische Vollmachten keine Chance hatte. Aber er ist der einzige Diktator des 20. Jahrhunderts, der seine Alleinherrschaft in den Dienst der Aufklärung gestellt hat. Allerdings ging auch er über Berge von Leichen.

Er billigte die Massaker des Befreiungskrieges. Er sah bei der Plünderung und Brandschatzung Izmirs zu. Er unterschrieb ohne jede Rührung Todesurteile. Er schlug 1925 mit äußerster Brutalität einen Kurdenaufstand nieder. Der Massenmord kam einem Genozid nahe. Er schuf die gefürchteten "Unabhängigkeitsgerichte", Revolutionstribunale, welche die in der Verfassung garantierten Rechte außer Kraft setzten.

Kemal regierte mit dem Kriegsrecht, dem Notstandsrecht. Er herrschte während des Befreiungskrieges mit diktatorischen Vollmachten, die er dem Parlament abpreßte. Die Abgeordneten stöhnten unter seiner Knute. Er war zugleich Oberkommandierender, Präsident und Kabinettschef. Als seine Vollmachten endgültig ausliefen, erfand er die "Türkische Volkspartei", eine Einheitspartei, die in jedem Dorf ihre Kader hatte, welche Kemal in einem persönlichen Propagandafeldzug auf seine Person einschwor. Mit den Abgeordneten dieser Partei sollte das Parlament bis zum letzten Sitz ein Akklamationsinstrument für die kemalistische Revolution werden. Atatürk war bis an sein Lebensende der Ansicht, die türkische Gesellschaft sei für eine konstruktive Opposition im Rahmen der Verfassung nicht reif, und er hatte recht damit.

Bei den Parlamentswahlen im September 1923 verfehlten die Kemalisten die absolute Mehrheit. Die Opposition, die sofort von Islamisten dominiert wurde, wollte den von Kemals Gnaden amtierenden Kalifen, den Vetter des gestürzten Sultans, zum Staatsoberhaupt machen. Nach allen Siegen stand Kemal am Tiefpunkt seiner Karriere. Er schloß sich in seine Villa am Stadtrand von Ankara ein und verordnete seinem Kabinett den Rücktritt. Die Abgeordneten konnten sich auf keine neue Regierung einigen. Kemal bot sich an, das Chaos unter der Bedingung zu beenden, daß sich das Parlament widerspruchslos seinen Vorschlägen fügte.

Am 29. Oktober 1923 betritt er im Schutz seiner Leibgarde den Sitzungssaal.

Seine Stimme zerschneidet den Raum: "Meine Herren, ... das ist keine Regierung, sondern ein Chaos ... Die radikale Änderung des Systems ist unumgänglich. Ich habe daher entschieden, daß die Türkei eine autoritäre Republik sein soll, die von einem mit der umfassendsten Exekutivmacht versehenen Präsidenten regiert wird." Den Abgeordneten stockt der Atem. Kemals Vertrauter und Nachfolger Ismet Inönü verliest den in der Nacht vorbereiteten Entwurf: "Die Regierungsform des türkischen Staates ist die Republik. Der Präsident der Republik ist das Staatsoberhaupt. Er leitet in dieser Eigenschaft, wenn er es für notwendig hält, die Nationalversammlung ebenso wie den Ministerrat." Das ist der Staatsstreich. Es ist der 18. Brumaire des Kemal Atatürk. Vierzig Prozent der Abgeordneten ziehen aus dem Parlament aus. Abends um halb neun wird die Republik ausgerufen, eine Viertelstunde später wird Kemal einstimmig zum Präsidenten gewählt.

Von nun an vollzieht sich in der Türkei der Umsturz des Alltags. Im März 1924 wird das Kalifat abgeschafft. Der letzte osmanische Kalif geht ins Pariser Exil. Einige Jahre später wird jener Satz aus der Verfassung gestrichen, der als Staatsreligion den Islam vorschreibt. Die religiösen Stiftungen, alle geistlichen Güter und Vermögen gehen in Staatsbesitz über. Die Koranschulen werden geschlossen, die Hodschas verjagt.

Von 1925 an werden alle Staatsbürger gezwungen, westliche Kleidung zu tragen.

Atatürk reist mit einem Panamahut durch die Provinz. Meine Religion ist die Logik, predigt er von den Balkonen herunter. Die Dorfgemeinden antworten ihm mit verständnislosem Schweigen. Ein Hut mit Rand ist für den gläubigen Muslim eine der schlimmsten Beleidigungen Allahs. Atatürk verhängt drastische Strafen gegen den Fes, der für ihn "ein Zeichen der Unwissenheit, des Fanatismus, des Hasses gegen den Fortschritt und die Zivilisation" ist.

Einigen wird die alttürkische Kopfbedeckung auf dem Schafott vom Kopf gerissen. Die Türken erstarren. Auch ihr Nationalheld erstarrt mehr und mehr.

Die Presse wird zensiert. Oppositionelle Journalisten werden festgenommen.

Aber die Photographen dürfen Atatürk bei allen Gelegenheiten ablichten, bei denen er gegen den Koran verstößt. Er läßt sich in Badehose und beim Tango aufnehmen. Er trinkt öffentlich mit einem Glas Raki auf das Wohl der Republik. Mit Beil und Kreide treibt er seinen Landsleuten den Islam aus. Aus seiner Verachtung für die Religion der Araber macht Kemal keinen Hehl: "Seit über fünf Jahrhunderten haben die Vorschriften und Theorien eines alten arabischen Scheichs und die unsinnigen Auslegungen ganzer Generationen schmieriger und unwissender Priester in der Türkei alle Einzelheiten des Zivil- und Strafrechts festgelegt ... Der Islam, diese absurde Theologie eines unmoralischen Beduinen, ist ein in Fäulnis übergegangener Kadaver, der unser Leben vergiftet."

Kein islamisches Land war je einem solchen Erdbeben ausgesetzt: 1926 wird das bürgerliche Gesetzbuch nach Schweizer Vorbild eingeführt, kurz darauf folgen das deutsche Handelsrecht und das italienische Strafrecht aus der Zeit vor Mussolini. Mit dem türkischen "Code civil" tritt das westliche Eheschließungs- und Scheidungsrecht in Kraft. Der Schleierzwang ist abgeschafft. 1933 erhalten die Frauen aktives und passives Wahlrecht. Erst wenige Frauen können mit der verordneten Emanzipation etwas anfangen. In den Familien herrscht Ratlosigkeit. Atatürk umgibt sich mit emanzipierten Frauen.

Eine seiner Adoptivtöchter ist Pilotin. Seine Ehe mit einer westlich erzogenen Tochter aus einer reichen Kaufmannsfamilie scheitert kläglich.

Dann überfällt Kemal 1928 das Land mit einer Alphabetisierungskampagne. Die arabische Schrift wird abgeschafft, das lateinische Alphabet eingeführt. Eine Sprachkommission reinigt die türkische Sprache von allen Einflüssen des Arabischen und Persischen. Alle Sechs- bis Sechzigjährigen müssen die Schulbank drücken. Aber die Türken bekommen nicht nur eine neue Schrift verpaßt, ihr Tag wird in vierundzwanzig Stunden eingeteilt, der Kalender vom Mond- auf das Sonnenjahr umgestellt und der Sonntag zum Feiertag gemacht. Am 25. Dezember 1925 setzt Kemal seine Landsleute in die Zeitmaschine und katapultiert sie um 622 Jahre in die Zukunft, vom 14. Jahrhundert der islamischen ins 20. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung.

Von heute auf morgen muß jeder mit dem Dezimalsystem und mit den westlichen Maß- und Gewichtseinheiten klarkommen. Die orientalische Musik gilt plötzlich als chaotisches Teufelszeug, und die erste staatliche Rundfunkanstalt sendet westliche Klassik und Tanzmusik. Seit 1934 ist jeder nur mit einem Nachnamen amtlich existent. Kein Volk der Neuzeit hat in einem so kurzen Zeitraum einen so radikalen Umsturz seiner Lebenswelt erfahren. Ein Millionenvolk von Bauern und Analphabeten, das noch nie eine westliche Großstadt gesehen hat, sollte von einem Tag auf den andern leben wie die Bürger von Paris.

Atatürk war einer der letzten Staatsmänner dieses Jahrhunderts, die fest an die Aufklärung geglaubt haben. Er war davon überzeugt, eine Gesellschaft durch Politik verändern zu können. Den Traum von der Republik konnte er realisieren. Beim Flug mit der Zeitmaschine in die westliche Moderne sind viele seiner Landsleute auf halbem Wege abgesprungen. Atatürk war besessen von der Idee, sich eine ganze Nation zum Ebenbild zu schaffen. Diesem Wahnwitz opferte er seine Nächte, seine Gesundheit, sein Gewissen.

"Er war ein Libertin", schreibt Rudolf Nadolny, der erste deutsche Botschafter in Ankara in seinen Memoiren. Atatürk war ein Homme à femmes, aber zu einem Lebensteam wie der Ehe nicht fähig. Für sein Bett ließ er sich wie ein orientalischer Potentat Frauen besorgen. Aber er formulierte den Satz: "Alles, was wir auf der Welt sehen, ist das Werk von Frauen."

Atatürk war ein Nachttier. Da er schlecht schlief, verschob er seinen Tagesablauf mit zunehmendem Alter immer mehr in die Nacht. Er stand erst nach drei Uhr nachmittags auf und frühstückte im Morgenmantel. Dann ging er den Regierungsgeschäften nach und empfing Besucher. "Der Chazi hat alle Verhaltensweisen und Förmlichkeiten eines modernen Staatsmannes angenommen", berichtet der ehemalige französische Premierminister Edouard Herriot in seinen Erinnerungen. "Der Soldat von einst hat sich zu einem bürgerlichen Präsidenten von unanfechtbarer Korrektheit gewandelt. Das, was vor allem die Aufmerksamkeit festhält, sind seine ... stählernen wie Nadeln durchdringenden Blikke. Unter einer ziemlich kräftig ausgebildeten Nase liegen schmale Lippen, die sich in einem Augenblick der Autorität zusammenpressen, um gleich darauf wieder ein vergnügtes, fast kindliches Lächeln zu zeigen."

Um zehn Uhr abends begannen die berüchtigten Tafelrunden, die sich bis zum Morgengrauen hinzogen. Es waren nicht nur Saufgelage alter Kameraden oder gar Orgien, wie die Gegner Atatürks behaupteten. Der Staatschef rief - oft auch mitten in der Nacht - Fachleute an seinen Tisch: Ökonomen, Naturwissenschaftler, Historiker, Architekten, Künstler, Literaten.

Allerdings flossen Champagner und Raki in Strömen. Kemal konnte, ohne außer Kontrolle zu geraten, Unmengen an Alkohol vertilgen. Er rauchte unter Streß 150 Zigaretten am Tag und trank 50 Tassen Kaffee.

Atatürk war einer der weitsichtigsten Politiker seiner Zeit. Dem amerikanischen General Douglas MacArthur, der Ende September 1932 Ankara besuchte, sagte der Chazi: "Meiner Meinung nach wird das Schicksal Europas ...

von der Haltung Deutschlands abhängig sein. Diese Nation ... von 70 Millionen wird, sobald sie sich einer politischen Strömung hingibt, die ihre nationalen Begierden aufpeitscht, früher oder später den Vertrag von Versailles zu beseitigen suchen. Deutschland wird in kürzester Zeit eine Armee aufstellen können, die imstande sein wird, ganz Europa, mit Ausnahme von England und Rußland, zu besetzen ... der Krieg wird in den Jahren 1940/45 ausbrechen ...

Sieger wird der Bolschewismus sein."

"Ein solcher Mann", schreibt Edouard Herriot, "mußte mit seiner Härte wirken, und er wird diese Härte auch weiterhin nicht aufgeben dürfen." Kemal Atatürk hat das Abenteuer gewagt, gegen den Islam eine parlamentarische Demokratie nach westlichem Muster durchzusetzen. Die Demokratie geriet ihm dabei zur Militärdiktatur, weil seine Hauptgegner, die islamischen Fundamentalisten, die bis heute die Säkularisierung des Staates ablehnen, sich niemals mit der Rolle einer systemimmanenten Opposition zufriedengegeben hätten.

Opposition war im ersten Jahrzehnt nach der kemalistischen Revolution immer gleichbedeutend mit Re-Islamisierung. Unter diesen Bedingungen ist es auch später in der Türkei keiner Oppositionspartei, sei sie sozialdemokratisch oder wirtschaftsliberal orientiert, gelungen, sich gegen eine Vereinnahmung durch die Fundamentalisten zu wehren oder ohne eine Koalition mit den Islamisten Mehrheiten zu erringen. Alle Zugeständnisse Atatürks an eine politische Opposition, selbst die Gründung einer oppositionellen Partei auf seine eigene Initiative hin im Jahr 1930, endeten mit einer existentiellen Bedrohung der Grundlagen der kemalistischen Revolution. Die Folge: Rückkehr zu autoritären Handlungen, Pressezensur, Menschenrechtsverletzungen, Diktatur.

Das Nachttier von Ankara versank in tiefe Depression. Er unterschied nur noch zwischen Schwarz und Weiß. Als 1926 ein Attentat gegen ihn aufgedeckt wurde, entledigte er sich mit einem Rundumschlag seiner Kritiker, darunter auch enger Weggefährten aus der Zeit des Befreiungskampfes, die wie General Rauf Bey zwischen Islam und parlamentarischer Demokratie oder wie der ehemalige jungtürkische Finanzminister von 1914, Djavid Pascha, zwischen internationalem Wirtschaftsliberalismus und religiösem Fanatismus einen dritten Weg suchten.

Djavid war Wirtschaftsexperte. Er war ein Vertreter der Marktwirtschaft und ein Verfechter der Internationalisierung des Kapitals. Einer nationalen Staatswirtschaft, wie sie sich nach 1924 in der Türkei abzeichnete, stand er skeptisch gegenüber. Er sah voraus, daß die Türken, die von jeher Bauern, Beamte und Soldaten waren, die vertriebenen armenischen und griechischen Wirtschaftsprofis kaum würden ersetzen können. Dennoch hatte er mit seinem Pessimismus hinsichtlich der kemalistischen Ökonomie nur zum Teil recht. Mit Djavid scheint eine andere, nicht kemalistische und nicht fundamentalistische Möglichkeit türkischer Geschichte auf.

Zwei Jahre dauerte die Schreckensherrschaft des türkischen Robespierre.

Djavid, der Jude, wurde, trotz zahlreicher Gnadengesuche aus dem Westen, in der Nacht vom 7. auf den 8. August 1926 nach einem Schauprozeß zusammen mit vierzehn weiteren Angeklagten im Schein der neuen Bogenlampen auf dem zentralen Platz von Ankara gehängt, während Kemal das offizielle Ankara zu einem gespenstischen Ball in seinem Landhaus empfing. Die Biographen und Historiker widersprechen sich in den Details dieses finstersten Kapitels in Kemals Leben.

Am nächsten Tag trat er übernächtigt vor die Nationalversammlung. "Alle meine Handlungen", sagte er den vor Angst erstarrten Abgeordneten, "sind der Ausfluß einer einzigen Leidenschaft: aus der Türkei eine starke, unabhängige Nation zu machen ... Ich habe die Armee erobert. Ich habe das Land erobert. Ich habe die Macht erobert. Warum darf ich nicht mein Volk erobern? Die Männer, die diese Nacht ihr Leben verloren haben, ... wollten mich von dem trennen, was mein einziger Lebenszweck ist: vom türkischen Volk. Ich habe sie hinrichten lassen, und ich werde jedesmal so verfahren, wenn man versucht, sich zwischen das Volk und mich zu stellen ... Ich bin die Türkei!"

Die dunklen Flecken lasten auf Atatürks Biographie und auf der Geschichte der Türkei bis in die Gegenwart. Die unvollendete Revolution läßt den Beobachter ratlos. Was ist von den immer wieder in Abständen putschenden Militärs zu halten, die im Namen Atatürks und der Demokratie die Verfassung außer Kraft setzen und die Menschenrechte mit Füßen treten? Wie sind anderseits liberale oder sozialdemokratische Politiker einzuordnen, die sich zwecks Mehrheitsbeschaffung mit jenen Kräften einlassen, die offen auf ihre Fahnen die Vernichtung der türkischen Gesellschaft geschrieben haben?

In einem Brief an die konservative britische Unterhausabgeordnete Lady Astor, ein Jahr nach Atatürks Tod im Jahr 1938, nennt George Bernard Shaw den türkischen Staatsgründer in einem Atemzug mit Mussolini und Hitler. Träfe diese Gleichsetzung zu, dann wäre die kemalistische Türkei nicht bis heute überlebensfähig geblieben. Kemals Schöpfung ist seit einem dreiviertel Jahrhundert ein wankendes Gebilde zwischen Militärdiktatur und Re-Islamisierung. Im Raum dazwischen aber, so erstaunlich das sein mag, scheint immer noch genug Platz für eine stabile, lebendige und regenerationsfähige moderne Gesellschaft zu sein. Die Frage, ob es diesen Raum auch ohne Atatürk gäbe, läßt sich wohl nur mit einem vorsichtigen Nein beantworten.