Ein Pariser Modedesigner stört sich am Medienrummel um seine drei Models. Als eine nach der anderen auf mysteriöse Weise erschossen wird, steigert das nur die Gier der Journaille.Das Ende des Films im Film bleibt vage. Warum sprechen die Protagonisten französisch und wer war der Mörder, wollen die Produzenten in Hollywood wissen.Es sei ein Film über die Schönheit des Todes, sagt die Regisseurin.Nein, sie wird diesen Film nicht drehen, beschließt Sally Potter und überlegt mit ihrem Freund, dem Tangotänzer Pablo Veron, ob sie nicht besser etwas Persönliches machen soll.Vielleicht einen Film über den Tango? "Tango Lesson" ist das Dokument einer Selbsterfahrung.Es beginnt mit der Ratlosigkeit.Ein Tisch, ein Schemel, ein Blatt Papier.Die Autorin spitzt ihren Bleistift, entdeckt einen Spalt in den Dielen, flüchtet vor den Handwerkern aus ihrer Wohnung und wirft sich ins Leben.Dort trifft sie ein Arrangement mit dem Tänzer: Wenn du mir den Tango beibringst, mache ich dich zum Filmstar.Fortan spielt jeder vor allem sich selbst. Natürlich gibt es nichts Schöneres, als Menschen beim Tanzen zuzuschauen. Zumal es sich nicht zum Export-Tango handelt, sondern um den echten Tango, der zu den Klängen von D'Arienzo, Pugliese und Piazzola Wange an Wange getanzt wird, mit scharrenden, wirbelnden, fliegenden Füßen, mit Stolpern und Sprüngen und sehnsüchtig einander umkreisenden Leibern.Getanzt wird am Seineufer in Paris, auf glänzendem Kopfsteinpflaster, unter wirbelnden Schneeflocken, zwischen den schweren Spiegeln und Marmortischen der argentinischen Salons und vor der Hafenkulisse in Buenos Aires.S ilhouetten kreisen im Gegenlicht, werfen traumhafte Schatten (Kamera: Robby Müller), und die Nacht geht nicht zu Ende. Allein, all das bleibt Kulissenzauber, denn Sally Potter kapriziert sich statt auf den Tanz auf die Letzten Fragen: über das Menschsein an und für sich, über Kunst und Leben, Zufall und Schicksal, Macht und Unterwerfung und dazu noch die jüdische Identität.Sally und Pablo: ein hohes Paar, das sich mit jedem Tanzschritt die komplette Philosophie des Abendlandes auf die kulturell wertvollen Schultern lädt.Das Leben erstickt in den Fängen der Kunst.Dabei entpuppt sich der Deal zwischen Regiss eurin und Star bei genauerem Hinsehen als reine Drehbuchpoesie.Sally Potter wurde lange vor ihren Tango-Lektionen als professionelle Tänzerin ausgebildet und leitete in den siebziger Jahren eine britische Dance Company.Zwar schreibt sie von Schlaf mangel, Blasen an den Füßen und der "Herausforderung, trotz der Schmerzen gut zu tanzen" (Presseinformation), aber die Knochenarbeit von Hauptrolle und Regie in Personalunion erledigt sie vor der Kamera lieber mit links und läßt sich ersatzweise v om argentinischen Taxifahrer für ihre Leidensfähigkeit loben. Ich habe nicht den Tango gefunden, der Tango hat mich gefunden, sagt der Tänzer, und daß die Liebe in der Arbeit sublimiert werden müsse.Du hast beim Tanzen geführt, beim Film führe ich, widerspricht die Regisseurin.Du hast mich benutzt für deine Phantasmen, klagt Pablo.Als beide einander ihr Judentum gestehen, schweigt das Bandoneon.Je eine Träne rollt über die Wangen der Liebenden, und die Klezmerklarinette weint mit.Später trifft sich das Paar in Saint-Sulpice, vor Delacroix' Gemälde "J akobs Kampf mit dem Engel".Aber statt sich über die Entdeckung zu freuen, daß das gemalte Duell eine Tango-Figuration vorwegnimmt, stellt Sally Potter es mit ihrem Partner feierlich nach.Anschließend, zur rituellen Taufe am Brunnen, verstummt selb st die Klezmermusik vor so viel heiligem Raunen. So erschöpft sich die Schönheit der Bilder in der gleichen geschmäcklerischen Pose, mit der das immergleiche Lächeln der tanzenden Regisseurin zur Insignie des Staunens erstarrt: ein schmaler Mund zu naiv runden Augen.Während die Protagonistin das Wunder des Schauens beschwört, erblindet die Kamera und sieht gar nicht erst, was sie wie aus Versehen doch manchmal zeigt.Zum Beispiel die Szene, in der Sally mit Pablo und zwei weiteren Tänzern in einer leeren Fabrikhalle die Apotheose des Tangos improvisiert - einfach so, aus Spaß an der Freude.Oder Pablos Küchen-Solo, in dem er einen Salat anrichtet und dazu einen atemberaubenden Steptanz hinlegt, inklusive abschließender Kadenz auf dem Flügel. Fred Astaire würde vor Neid erblassen.Leider verblassen auch diese zwei Minuten vor den restlichen hundert Minuten quälender Anmaßung."Tango Lesson" ist keine Spur besser geraten als der anfangs verworfene Plot: ein Eigentor des Autorenfilms.Mit solchem Kitsch hat er gegen Hollywoods Dutzendware nicht die geringste Chance.