Prinz Siddharta Gautama ist eine der am meisten modellierten und photographierten Gestalten der Welt und nur übertroffen von Jesus und dem indischen Gott Wischnu. Doch der Begründer des Buddhismus würde sich heutzutage kaum wiedererkennen, wandelte er durch Thailand oder andere buddhistische Länder. Beim Anblick der zahllosen Abbilder seiner selbst in Tempeln und Schreinen käme der Erleuchtete vermutlich arg ins Grübeln, da er sein Spiegelbild im Lotosteich bestimmt ganz anders in Erinnerung hätte.

In den rund 2500 Jahren seit seinem Übergang ins Nirwana ist Buddhas Abbild millionenfach zum Leben erweckt worden - in Stein gemeißelt, aus Holz geschnitzt oder aus Bronze gegossen - der Phantasie der Bildhauer waren dabei nur wenige Grenzen gesetzt. Eine der bekanntesten Geburtsstätten von bronzenen Buddhas befindet sich im nordthailändischen Städtchen Phitsanulok: Bestellungen aus aller Welt gehen in der kleinen Bronzegießerei ein, denn hier wird eine der schönsten Buddhastatuen erschaffen - der Phra Buddha Chinnarat.

Wisut Kasat Road Nr. 26/43. Zwischen Wellblechverschlägen, Gipsbergen und rostigen Öltonnen ist Vorsicht geboten. Funken sprühen in alle Richtungen, Gipsreste fliegen wie kleine Geschosse durch die Gegend. Ein schmächtiger Thai malträtiert des Erleuchteten Kopf mit einem Hammer. Überall liegen Sägespäne, Schleifmaschinen kreischen. An anderer Stelle werden einer fast fertigen Figur Augen aus Perlmutt eingesetzt. Bis eine Einmeterstatue perfekte Form angenommen hat, sind viele Arbeitsschritte notwendig. Die heiße Phase der ein- bis zweimonatigen Produktion beginnt in dem großen Ziegelsteinofen, über dessen Feuer erst der Wachsbuddha im Innern der Gußform schwitzt, später wird die Bronze geschmolzen und in die Form gefüllt.

In der Buddha Image Factory in Phitsanulok ist unvermeidlich, was in jedem buddhistischen Tempel ein ungeheures Sakrileg wäre und zum sofortigen Rausschmiß, wenn nicht gar zu einer Gefängnisstrafe führte: Buddha auf den Boden zu legen, ihm die Fußsohlen zu zeigen und die langen Ohrläppchen zu fixieren, um die Feile richtig ansetzen zu können. Hier gibt es keine Ehrfurcht vor dem heiligen Mann.

Nein, lacht Siriporn, in deren Schoß Buddha gerade den letzten Schliff bekommt, sie sei strenggläubige Buddhistin - auch wenn sie ihn tagsüber quasi mit Füßen trete. In einer ruhigeren Ecke der Werkstatt sitzt Thun und verleiht dem Erleuchteten mit Pinsel und Goldfarbe seinen unermeßlichen Glanz. Seit Jahren arbeitet die Thailänderin in der Werkstatt von Sergeant Thawee, nur zum Jahreswechsel muß sie mit aufs Reisfeld und ihrem Mann bei der Ernte helfen.

Seit mehr als drei Jahrzehnten haucht Thawee Buranakhate den Statuen in seiner Werkstatt Leben ein, gibt dem Faltenschlag der Toga den richtigen Schwung und dem Buddhaantlitz das weise Lächeln. Schon der Vater war ein bekannter Bildhauer, der Sohn trat nach seiner Armeezeit in dessen Stapfen. Etwa 10 000 Buddhafiguren hat Thawee in seinem 64jährigen Leben erschaffen je mehr Details hinzukamen, desto anspruchsvoller war die Arbeit; etwa am "Samstags-Buddha", wie Thawee den Buddha nennt, der unter den sieben Häuptern einer Kobra meditiert.

Die meisten Kunden in der Wisut Kasat Road bestellen jedoch eine Kopie vom Phra Buddha Chinnarat: Das berühmte Original aus dem 14. Jahrhundert besteht aus vergoldeter Bronze und wartet im Wat Phra Si Rattana Mahathat in Phitsanulok auf die Gläubigen aus ganz Thailand. Bis in den späten Abend stehen die Reisebusse mit laufendem Motor vor dem Tempel, drinnen herrschen ständiges Kommen und Gehen, Niederknien und Sich-Verbeugen im Fünfzehnsekundentakt. Ein Blitzlichtgewitter bricht aus, als 200 junge Kadetten aus Lopburi mit ihren Kameras das Heiligtum stürmen: Handys piepsen, auch das ununterbrochene Klimpern der Münzen in den Spendenboxen gehört tagsüber zur Geräuschkulisse. Am Abend zählt ein Mönch die Tageskasse am Devotionalienstand - der Tempel soll zu den reichsten im Lande gehören.