Wer wollte bestreiten, daß jeder Mensch die Pflicht hat, sich "integer, ehrlich und fair" zu verhalten, "unter allen Umständen Gutes zu fördern und Böses zu meiden", daß er die Pflicht hat, "Leben zu achten" und "alle Menschen menschlich zu behandeln"? Die Kernaussagen einer "Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten", veröffentlicht in der ZEIT vom 3. Oktober (Nr. 41/97), kommen so unschuldig, so selbstverständlich daher, daß man kaum wagt, an diesem Dokument des guten Willens herumzumäkeln.

Doch gut gemeint ist manchmal das Gegenteil von gut. Auch lautere Absichten können schlimme Folgen zeitigen - wie ebenjene Pflichtenerklärung, die eine Gruppe ehemaliger Staatenlenker, darunter der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt, der Welt zur Diskussion vorgelegt hat. Die Kritik bezieht sich nicht auf die Werte, die diesem Pflichtenkanon zugrunde liegen. Das Dokument fordert dennoch zu drei grundsätzlichen Einwänden heraus:

- Es beruht auf einer alarmistischen Gesellschaftsanalyse.

- Es will Einwänden aus Asien Rechnung tragen, wonach der Westen die Menschenrechte einseitig betone - und geht damit in die kulturrelativistische Falle.

- Es will ein rein ethisches Postulat zur weltweiten Pflichtennorm erheben und begibt sich damit auf den gefährlichen Pfad des politischen Paternalismus.

I.

Einer verbreiteten Diagnose zufolge zerfällt, was westliche Gesellschaften zusammenhält. Alles mögliche leidet an Auszehrung und löst sich schrittweise auf - das Klassenmilieu, die Dorfgemeinschaft, das Vereinsleben, das Ehrenamt, der Generationenvertrag, das Arbeitsleben; die Arbeitgeberverbände verlieren Mitglieder, genauso die Gewerkschaften, die Parteien, die Kirchen.

Schuld an der Auflösung traditioneller Bindungen, so lautet der zweite gängige Befund, ist die Individualisierung, die zunehmende Freiheit des einzelnen auf Kosten der Gemeinschaft. Auf den Punkt gebracht haben diese These die amerikanischen Kommunitarier. In ihrem Manifest schrieben sie 1994, daß die westliche Gesellschaft "immer stärker vom Verlust aller moralischen Normen bedroht ist, zur Selbstsucht neigt und von Raffgier, egoistischen Interessen und einem ungebrochenen Machtstreben getrieben ist". Helmut Schmidt bezieht sich ausdrücklich auf die Kommunitarier, wenn er in seinem ZEIT-Beitrag zur Erklärung der Menschenpflichten schreibt: "Rücksichtslose egoistische ,Selbstverwirklichung' erscheint als Ideal, Gemeinwohl dagegen eher als bloße Phrase." Eine "permissive Erziehung" orientiere sich "allzu einseitig an den Grundrechten".

Damit stünden wir vor einem verblüffenden Phänomen: Die Gesellschaft würde nicht mehr, wie aus der Geschichte bekannt, durch einen Mangel an Freiheit zerstört, sondern durch ein Übermaß. Man braucht schon solch düstere Gesellschaftsbilder, will man erfolgversprechend dafür werben, individuelle Freiheiten durch Stärkung von Gemeinschaftspflichten zu ergänzen - und damit in der Konsequenz zu begrenzen.

Aber die säkulare Sinnquelle der Moderne, die politische Freiheit, "versiegt durch tätigen Gebrauch nicht, sondern sprudelt um so lebhafter", kontert der Soziologe Ulrich Beck, ein nimmermüder Kämpfer gegen die Sodom-und-Gomorrha-These. Mancher Vorwurf gegen die moderne Gesellschaft fußt schlicht auf einem Mißverständnis. Wenn Wirtschaftsmanager keine Arbeitsplätze schaffen, wie Helmut Schmidt beklagt, liegt das nicht in erster Linie an raubkapitalistischer Moral. Es liegt an den überhöhten Arbeitskosten. Wenn das Steueraufkommen schrumpft, liegt das nicht in erster Linie an sinkender Steuermoral. Es liegt an den Schlupflöchern, die das Gesetz bietet.

Es gibt keinen Grund, die Veränderungen westlicher Gesellschaften nur negativ zu beschreiben. Bei genauer Betrachtung entpuppt sich der Werteverfall als Wertewandel. Die Bundesregierung hat eigens die Werthaltungen junger Leute untersuchen lassen und dabei eine Generation vorgefunden, die nicht übermäßig materialistisch orientiert ist, eher altruistisch. Studienleiter Gerhard Schmidtchen war am Ende beeindruckt von der "Lauterkeit des Strebens nach persönlicher Ehrlichkeit". Durch Erhebungen in anglo-amerikanischen Ländern hat die Londoner Sozialforscherin Helen Wilkinson eine Generation kennengelernt, die "sowohl die Vorzüge als auch die Kosten größerer Freiheit übernommen hat". Keineswegs finde eine "Abkehr und Abwehr von Moral insgesamt" statt, wohl aber von Ausdrucksformen traditioneller Moralität.

Nach den Ergebnissen der Forschung wollen sich die Menschen nicht mehr als Soldaten irgendwelchen Gemeinwohlarmeen unterordnen, nicht dem Roten Kreuz und nicht der SPD. Sie wollen Subjekt ihres Handelns bleiben. Ihr karitatives und politisches Engagement soll spontan sein dürfen, frei von Hierarchien und Formalismen.

Nichts deutet darauf hin, daß Tugenden wie Hilfsbereitschaft und Solidarität verlorengegangen wären. Als jüngst die Oder über die Ufer trat, spendeten die Deutschen mehr, als die brandenburgischen Flutopfer brauchten. Als Prinzessin Diana starb, fuhr die Belegschaft einer Hamburger Fabrik freiwillig Wochenendschichten, um Elton Johns Gedenk-CD schnell zu pressen - die Einnahmen sollten karitativen Organisationen zugute kommen. Gewiß - dies sind Strohfeuer des Engagements, angefacht von einer riesigen Medienindustrie. Aber was ist daran schlimm? Statt über Werteverfall zu klagen, sollte man darüber nachdenken, wie neue Ausdrucksformen von Gemeinwohlorientierung für die Gesellschaft fruchtbar zu machen sind. Statt Individualismus zu verteufeln, wäre es an der Zeit, ihn als wünschenswertes Ergebnis der demokratischen Entwicklung in Deutschland anzuerkennen.

Der neue Individualismus schafft sich seine Gemeinschaftswerte sogar selber. Wenn auch die einzelnen Menschen in unterschiedliche Richtungen streben, sind sie sich doch meist einig darüber, was sie nicht wollen. "Negativkatalog gemeinsamer Werte" nennt das der Soziologe Karl Otto Hondrich. So fügten sich am Ende "individuelle Selbstgefühle zu Wir-Gefühlen zusammen, die weit über die einzelnen Wohnzimmer" hinausreichten. "Den Auflösungsprozessen stehen man möchte sagen: ungeahnte - Stabilisierungsprozesse gegenüber."

Die Theorie vom Werteverfall ist ein Wiedergänger. Sie taucht immer dann auf, wenn Gesellschaften sich im Sauseschritt modernisieren. Das England der Industrialisierung kennt die Klage über den Verlust der Normen ebenso wie das wilhelminische Deutschland. Im Zeitalter der Globalisierung legen nun ehemalige Staatsmänner aus Angst vor den Nachgeborenen ein Pflichtenheft vor. Sie ziehen die Notbremse, wo keine Not ist: Alarmismus.

II.

Helmut Schmidt glaubt, "ein Minimum weltweit gemeinsam anerkannter ethischer Standards" werde für das "interkontinentale Zusammenleben" zur Notwendigkeit. Gerade in Asien gebe es den "ernstzunehmenden, ernsthaft begründeten Vorwurf", das Grundrechtskonzept "vernachlässige oder verkenne" die Verantwortlichkeiten des einzelnen. Dieser Kritik will das Pflichtenheft Rechnung tragen, um einen "Kampf der Kulturen" zu vermeiden.

Doch welchem Asien will Schmidt eigentlich entgegenkommen? Gewiß plädiert er als Kritiker "permissiver Erziehung" nicht für sexuelle Freizügigkeit, wie sie in manchen asiatischen Ländern verbreitet ist. Sicher will er als Kritiker des Mordens auf Fernsehschirmen nicht asiatische Gewaltfilme fördern. Ohne Zweifel will er als Kritiker eines "spekulativen Raubtierkapitalismus" nicht jenen Familienclans aus den Tigerstaaten huldigen, die Profit zu ihrer Ersatzreligion gemacht haben.

Kulturen sind komplex. Jeder findet in ihnen, was er sucht. Max Weber glaubte, Werte könnten ökonomische Entwicklung behindern oder beschleunigen. Der Konfuzianismus sei deshalb für die Stagnation in Asien mitverantwortlich. Heute gilt kurioserweise das Gegenteil. Die Gemeinschaftswerte des Konfuzianismus werden als Treibstoff des Erfolges betrachtet. Dabei gibt es in Asien nicht nur eine kulturelle Tradition, sondern viele, und nicht alle Boom-Staaten haben konfuzianische Wurzeln. Einige sind darunter, die sich auf individualistische (christliche oder buddhistische) Traditionen berufen. Nicht einmal der Konfuzianismus ist so gemeinschaftsorientiert, wie vielfach behauptet. Er verfügt ebenso über die Idee der Würde des einzelnen. Und er steht - wie der Sinologe Heiner Roetz schreibt - den Menschenrechten näher als Regimen, die Freiheitsrechte unter Berufung auf den Konfuzianismus ständig mißachten.

So erweist sich das Argument von den "asiatischen Werten" als interessengeleitete Konstruktion. Die Theoretiker der Asian Values versuchen, die kulturellen Unterschiede des Kontinents argumentativ einzuschmelzen. Das gelingt ihnen nur, solange sie das Interpretationsmonopol über die Tradition mit Hilfe der Polizei besitzen. Denn darum geht es letztlich: um die Legitimation autoritärer Herrschaft. Besonders wirkungsvoll hat Singapurs Herrscher Lee Kuan Yew die "Kultur" als Waffe zur Abwehr von Demokratie und Individualismus eingesetzt. Er berief sich mit seinem Rohrstock-Liberalismus jahrelang auf eine übergreifende Kulturtradition. Dabei stand er einer multikulturellen Gesellschaft vor. Nun zählt Lee Kuan Yew zu den Unterzeichnern der Pflichtentafel.

Hinter den "Asiatischen Werten" lauert in Wahrheit die "autoritäre Versuchung" (Ralf Dahrendorf). Deshalb führt der Weg, einen "Kampf der Kulturen" durch Relativismus vermeiden zu wollen, in die Irre. Der beste Garant für ein friedliches Zusammenleben der Völker bleibt die Achtung der universellen Menschenrechte.

III.

Auch wenn Weltuntergangsszenarien keine schlüssige Begründung liefern, ließe sich gleichwohl argumentieren, daß ein Pflichtenheft dem Westen guttue prinzipiell. Schließlich sind Demokratien auf das Engagement und das Verantwortungsbewußtsein ihrer Bürger angewiesen. Deshalb muß der Staat, müssen Demokraten um Bürgersinn werben - in der Schule, in der politischen Arena, in der Publizistik. Helmut Schmidt, durch sein Lebenswerk legitimiert, ist ein glaubwürdiger Mentor dieser Idee.

Aber die Autoren der Pflichtenerklärung wollen es bei einem ethischen Appell nicht belassen. Das Pflichtenheft ist in rechtsförmige Paragraphen gebunden. Ausdrücklich erhofft Helmut Schmidt sich eine normative Verfestigung, wie sie aus der Menschenrechtserklärung von 1948 erwuchs. Den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sieht er als Vorbild für "spätere rechtliche und politische Auswirkungen der Verantwortlichkeitserklärung". Käme es dazu, würde Bürgertugend also erzwingbar, wäre dem Mißbrauch - wenn auch unfreiwillig - die Tür weit geöffnet.

Der englische Ideenhistoriker Isaiah Berlin hat in einem berühmten Essay den Konflikt zweier Freiheitsbegriffe beschrieben. Nach der "negativen Theorie" ist Freiheit nur die Abwesenheit von Zwang. Die "positive Theorie" will die Freiheit an eine gemeinschaftsdienliche Ausübung binden. Die Lehren von Rousseau und Marx fallen in diese Kategorie. Neuerdings vertritt der kanadische Kommunitarier Charles Taylor die "positive Lehre". Er versteht Freiheit als einen "Verwirklichungsbegriff". Als Anhänger dieser Schule weisen sich nun auch die Autoren der Pflichtenerklärung mit ihrer Idee normierter Verantwortlichkeiten aus.

Isaiah Berlin hat gezeigt, daß die Freiheit nichts anderes ist als die Freiheit selbst. Sie hat immer das "negative" Ziel, Einmischung abzuwehren; sie ist immer Freiheit von etwas - und deshalb ein Schutzwall gegen Unterdrücker. "Die Freiheit, von der ich spreche", sagt Berlin, "ist die Chance zum Handeln, nicht Handeln selbst." Sie schließt die Freiheit zur Dummheit ein, zur Irrationalität, zum Irrtum, sogar zum Desinteresse an den gemeinschaftlichen Werten. Wird die Freiheit dagegen an ihren gemeinnützigen Gebrauch gebunden, läßt sie sich leicht in Knechtschaft verkehren "und zehrt doch immer noch von den vorteilhaften Assoziationen, die sich mit ihren unschuldigen Ursprüngen verbinden" (Berlin). Genau so ist es im Frankreich der revolutionären Schreckensherrschaft und im Ostblock geschehen. Sogar wenn der demokratische Staat (statt der Gesellschaft) das Sittliche direkt verwirklichen will, ist das - darauf verweist der Essayist Richard Herzinger - "eine paternalistische Anmaßung".

Ohne Pflichtenheft treibt der Staatsbürger keineswegs verantwortungslos in einem Wertevakuum umher. Es binden ihn die Menschenrechte. Wie die vorgeschlagene Pflichtentafel fußen sie auf der "Goldenen Regel": "Was du nicht willst, daß man dir tu' ..." Weil die Freiheit des Wolfes der Tod der Lämmer ist, müssen Recht und Gesetz Interessenkollisionen verhindern. Die Freiheit des einzelnen wird deshalb durch die Rechte aller anderen beschränkt. Aus den Rechten ergeben sich so die Pflichten: Aus der Meinungsfreiheit leitet sich die Verpflichtung ab, andere nicht zu beleidigen; mit dem Elternrecht korrespondiert die Erziehungspflicht; die Handlungsfreiheit findet ihre Grenze in der sozialen Pflicht, anderen im Notfall zu helfen.

Diesem "negativen Prinzip" fühlt sich das Grundgesetz verpflichtet. Der Gesetzesgehorsam ist die Grundpflicht. Er ist aber Voraussetzung, nicht Thema der Gesetze. Ganz bewußt haben die Verfassungseltern jenen "positiven" Grundpflichtenkatalog der Weimarer Verfassung weggelassen, den Helmut Schmidt nun idealisiert. Aus der Erfahrung des Mißbrauchs nimmt das Grundgesetz die Gefahr eines partiellen Gemeinwohldefizits um der Freiheit willen in Kauf.

Daß es keine Symmetrie zwischen Rechten und Pflichten gibt, ist die konstitutive Unvorsichtigkeit des freiheitlichen Staates. Richard Herzinger hat recht, wenn er schreibt: "Wer die Freiheit gegen Risiken immunisieren will, indem er sie unter Kuratel stellt, schlägt nichts anderes vor als Selbstmord aus Angst vor dem Tode." Den Autoren des Pflichtenheftes scheint diese Gefahr bewußt zu sein. Deshalb schreiben sie im Artikel 19, ihre Erklärung dürfe nicht so ausgelegt werden, daß sie auf die "Vernichtung" von Freiheitsrechten abziele. Aber durch eine salvatorische Klausel läßt sich ein Grundsatzkonflikt nicht aus der Welt schaffen. Konsequenter wäre es gewesen, die Autoren hätten auf ihr Unternehmen verzichtet.

Thomas Kleine-Brockhoff

Helmut Schmidt über einen minimalen ethischen Kodex des Zusammenlebens

Die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten des InterAction Council

Die Mitglieder des InterAction Council

Eine Replik von Constanze Stelzenmüller auf das Plädoyer von Helmut Schmidt für eine Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten.