Das Märchen beginnt mit Tod und Verlangen: Eine Frau stirbt, und ein Mann erstarrt in Trauer. Seine schwarze, monumentale Gestalt thront reglos auf dem Königsstuhl, während sein Blick auf dem verwaisten Platz neben ihm ruht. Wie Hohn wirkt das lebendige Treiben um ihn herum. "Allerleirauh" ist seine Tochter, die er zur Frau begehrt, weil sie von derselben Schönheit ist wie ihre tote Mutter. Trotz der moralischen Empörung des Hofes will der König seine Tochter heiraten. Bedroht und stigmatisiert, verschließt sich das Mädchen in einen Mantel aus "allerlei Rauhwerk" und flieht in die Fremde.

Henriette Sauvant, die bereits mit ihrem Erstlingswerk "Die sieben Raben" (1996) einem Grimmschen Märchen große Ernsthaftigkeit verlieh, vertraut in ihrer Malerei auf die Symbolkraft von Farbe und Gegenstand. Ihre Gemälde stellen Zauber und Magie des Märchens wieder her, dringen vor zu den Tiefenschichten der Aussage und legen Gefühle großer Intensität frei. Das geschieht über Blicke, Gesten und Körperhaltungen, die wie gefrorene Momentaufnahmen fixiert sind und gerade durch die Erstarrung Spannung erzeugen.

Die Gesichter der Akteure spiegeln Trauer, Wachsamkeit und Beherrschtheit; ein Lächeln sucht man vergeblich. Auch zum glücklichen Ende, wenn der Prinz dem Mädchen seine Liebe gesteht, verbergen die Personen ihre Gefühle. Aber gerade indem sich der schwere Mantel aus Fell und Federn öffnet und die Tiere des Waldes wieder ins Leben freigibt, wird die psychische Erlösung des Mädchens eindringlicher vermittelt als durch jedes lachende Gesicht.

Die Künstlerin gibt der Dingwelt des Märchens die Magie zurück, die sie in den alten Zeiten hatte. In bisweilen surrealen Stilleben erhält jeder Gegenstand seine besondere Bedeutung: drei Kleider, so strahlend wie die Sonne, der Mond und die Sterne, verweisen auf eine glückliche Wendung des Schicksals, und die Schuhpaare in den Mauernischen erzählen ebenso von schwerer Arbeit wie von Tanz und Glück.

Es scheint, als sei Allerleirauh in psychischen Hüllen und Landschaften gefangen. Der unförmige Umhang aus Fell und Tierhaut ist zwar Schutzmantel, der die innere Verletzung auffängt, er macht aber zugleich auch das Tier sichtbar, als das sich das Mädchen empfindet. Kein anderes Bild vermag die Notlage sexueller Bedrohung eindringlicher aufzuzeigen als dieses märchenhafte Symbol des Umhangs. Während er das Mädchen bei seiner Flucht vor dem Vater verhüllt und verunstaltet, verändern sich Form und Oberfläche des Umhangs im Laufe der Geschichte, geben immer mehr frei von der Gestalt der Prinzessin, bis sie sich am Ende aus der Hülle schält und im funkelnden Sternenkleid steht.

"Allerleirauh" ist ein vergleichsweise selten illustriertes Grimm-Märchen, es mag auch am "unzumutbaren" Thema liegen. Die Malerei Henriette Sauvants nähert sich ihm über Traumbilder, erzählt von der Ohnmacht, sich selbst zu empfinden, und der allmählichen Wiederentdeckung der Gefühle. Wenn im letzten Bild alle Gegenstände, an die das Mädchen so schicksalhaft gekettet war, vor einem goldfarbenen Himmel davonschweben, öffnen sich Horizont und Seele. Der Traum ist vorbei.

Nord-Süd-Verlag, Gossau/Zürich 1997