Die Wohnung im alten Lissaboner Mietshaus ist finster und riesig. So riesig, daß die Familie es sich leisten kann, gewisse Räume abzusperren, deren Möbel mit weißen Laken verhüllt sind. Es sind die Zimmer verstorbener Familienmitglieder. Doch allem Versperren zum Trotz scheinen die Lebenden von den Toten geradezu besessen, denn unaufhörlich tauchen diese in ihren Alpträumen auf, in ihren Sehnsüchten, ihrem Schweigen.

Man kennt solche Herrschaftswohnungen voller Schwermut aus den Werken berühmter Filmemacher; auch dort sind die Bewohner von den Gespenstern ihrer Vergangenheit heimgesucht, und fast immer tritt ein Kind auf, ein einsames kleines Wesen, das sich aus grenzenlosem Verlangen, geliebt zu werden, in märchenhafte Träume rettet.

Marta, die Ich-Erzählerin des Buches, hat immerhin die treue Leonor, die schon ihren Vater großzog. Leonor, voller Weisheit und Aberglauben, prägt mit ihren Märchen von Prinzen und Feen, ihren Liedern und wunderlichen Litaneien Martas Welt. Ihre Fürsorge und zärtliche Liebe schaffen Geborgenheit und verhindern, daß Martas Seele Schaden nimmt, vermeidet die leibliche Mutter doch jedwede Beziehung zu ihrem Kind.

Sie bringt es nicht einmal über sich, Martas Namen auszusprechen. Marta ihrerseits ist angewiesen, dieMutter nur mit deren Vornamen anzureden, denn: "Ich bin zu alt, um Mutter zu sein." Seit dreizehn Jahren hat sie nunmehr die Wohnung nicht verlassen, leidet an fürchterlichen Migränen, und mit ihr leiden die anderen. Etwas muß vorgefallen sein, damals.

Von Anbeginn schlägt die Geschichte den Leser in den Bann ihres tragischen Geheimnisses, hält ihn gefangen in einer Atmosphäre dumpfer Erstarrung und eisiger Trauer und bezaubert ihn gleichzeitig dank der guten Fee namens Leonor, jener exotischen, ja phantastischen Figur, die Fieberanfälle mit aufgehängten Mistelzweigen und magischen Sprüchen bekämpft: "... Bei Judas und Kaiphas / Komme was da wolle / Abimo petore ..."

Als Martas Erzählung einsetzt, weiß sie endlich Bescheid; Leonor hat das verordnete Schweigen um das "Große Verhängnis" gebrochen. Und so bekommt der Bericht eine Adressatin: die vor Martas Geburt bei einem Autounfall tödlich verunglückte Schwester Ana Marta. Über alles geliebt, vollkommen, perfekt, einmalig. Nur eines nicht: unsterblich.

Das Abbild der Toten zu werden, sie den unglücklichen Eltern zu ersetzen, war Martas Bestimmung. Entschlossen, die Mauer aus Unzugänglichkeit und Schmerz nach und nach niederzureißen, wagt sie erstmals, vor den Eltern für ihre eigene Identität einzutreten. Das offene Ende läßt Hoffnung zu. Nur Hoffnung, mehr nicht. Es ist dies bereits das vierte auf deutsch erschienene Kinderbuch der portugiesischen Autorin Alice Vieira, deren Werk im vorigen Jahr für den "Kinder-Nobelpreis", die Hans-Christian-Andersen-Medaille, nominiert wurde.