Im Norden Oxfords findet sich ganz in der Nähe der letzten Ruhestätte Tolkiens - des Wolvercote-Friedhofs - eine vielbefahrene Ausfallstraße. Parallel dazu verläuft die stille Sunderland Avenue, von der Verkehrsader nur durch einen mit mächtigen Hainbuchen bewachsenen Rasenstreifen getrennt. Wie Straßen verschiedener Welten wirken sie, und wer unter den Bäumen entlangspaziert, mag es vielleicht entdecken: das kleine Fenster zu einem fremden Universum. Der zwölfjährige Will Parry hat das Schlupfloch als erster gefunden. Dahinter breitet sich weder das liebliche Tolkiensche Auenland aus noch das Wunderland Lewis Carrolls oder der "Rote Planet" C. S. Lewis'. Und doch hat diese mediterrane Stadt auf der anderen Seite etwas mit den Oxforder Koryphäen der Fantasy-Literatur zu tun: Sie entspringt den Eingebungen Philip Pullmans, eines fünfzigjährigen Schriftstellers, der in Oxford lebt und das Erbe der Klassiker - auf ganz eigene Art - zu schätzen weiß.

Mit seiner umfangreichen Romantrilogie "His Dark Materials" könnte er zum Fantasy-Kultautor der neunziger Jahre werden. Innerhalb von zwei Jahren wurden "Der goldene Kompaß" (1996) und "Das magische Messer" (1997) in siebzehn Ländern veröffentlicht. Der dritte Band soll 1999 erscheinen. Mit beiden Romanen ist Pullman seit Monaten in der US-Bestsellerliste von Publishers Weekly vertreten, für den ersten Band wurde er mit dem British Book Award in der Sparte "Children's Books" ausgezeichnet. Die Gattungsbeschränkung führt allerdings in die Irre. Man kann die Geschichte zwar als Fantasy für junge Leute betrachten, gleichzeitig aber - wie Tolkiens "Der Herr der Ringe" - ist sie ein Werk für Erwachsene.

Auf ihrer Reise durch fremde Welten sollen Will und die gleichaltrige Lyra einen von den Hexenstämmen des Nordens seit Jahrtausenden kolportierten Auftrag erfüllen, von dem sie aber nichts ahnen dürfen. Die Kinder kommen aus parallelen Wirklichkeiten und treffen zu Beginn des zweiten Romans in einer dritten, mediterranen Welt zusammen. Der Junge wächst im realen England unserer Tage als Sohn eines vermißten Polarforschers auf, die pfiffige Lyra lebt im Oxford einer ähnlichen und trotzdem grundverschiedenen Welt. Sie entstammt der gescheiterten Liaison zweier gegensätzlicher Persönlichkeiten, die sich anschicken, das Gefüge der Gesellschaft nach ihrem Willen zu formen: Die Mutter, fanatische Verfechterin der herrschenden klerikalen Macht, versucht mit unmenschlichen Mitteln die Folgen der "Erbsünde" einzudämmen. Der Vater, Kämpfer für Gewissensfreiheit, bestreitet die Legitimität einer göttlichen Autorität und macht sich auf die Suche nach der Quelle der Sünde. Ebenso wie Wills verschollener Vater wissen beide um die Existenz von Fenstern zu parallelen Welten und des geheimnisvollen Staubes, der das Böse in Lyras Welt bringt.

Pullman jongliert wie ein Äquilibrist mit den verschiedensten Genres: mit Märchen und Mythen, mit Fantasy und Crime, mit Science-fiction und historischer Literatur, mit klassischem Abenteuerroman und philosophischen Weltsichten und nicht zuletzt mit dem alttestamentarischen Stoff der Genesis. Nicht von ungefähr stellt der Autor seiner Trilogie ein Zitat aus Miltons Versepos "Paradise Lost" voran, nicht umsonst schwebt über allem ein Gedanke Kleists aus seinem Traktat über das Marionettentheater: "Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist."

Das Unterfangen des Autors hat also beträchtliche Dimensionen: Die ersten und letzten Fragen der Menschheit mit der Geschichte zweier völlig ahnungsloser Kinder zu verknüpfen, die ihre im hohen Norden verschollenen Freunde und Väter suchen. Pullman inszeniert eine Reise um die Welt, die nichts weniger zum Ziel hat, als den Beginn menschlicher Zivilisation neu zu definieren, das Hintertürchen zum Paradies zu finden und Adam und Eva frischen Mutes noch einmal in den Apfel beißen zu lassen. Ohne Reue.

Daß bei diesem gewaltigen Anspruch kein überfrachteter Bildungsroman oder gar ein esoterisches Wunderwerk entstand, verstehe, wer kann. Bei aller allegorischen Akrobatik bleibt "His Dark Materials" eine vom Anfang bis zum offenen Ende des zweiten Buches höchst dramatische Geschichte. Dank der schier unerschöpflichen Erzählphantasie Pullmans.

Sogar nüchterne Geister unter den Lesern werden daher Gestalten als Begleiter dulden, um die sie sonst einen weiten Bogen schlagen würden: Hexen, Gespenster, gepanzerte Eisbären, ja Engel und Menschen, die ihre Seele als Dämon in Tiergestalt mit sich herumtragen. Unter diesen Umständen braucht sich keiner zu wundern, sollte er unter den Hainbuchen an der Sunderland Avenue das Fenster zu einer anderen Welt entdecken.