Am Sonnabend, den 18. Oktober hatten die reisenden Freunde der Kunst die schöne Qual der Wahl. Im Baskenland wurde das Guggenheim Bilbao Museum eröffnet, der spektakuläre Bau des amerikanischen Architekten Frank Gehry, und im badischen Karlsruhe das Museum für Neue Kunst im Zentrum für Kunst und Medientechnologie.

Nach Basel lud schließlich der Galerist und Sammler Ernst Beyeler, wo der Architekt Renzo Piano ihm für seine Schätze der klassischen Moderne ein nobles Haus entworfen hat. Für versierte Reisende war die Dreifachalternative natürlich keine. In Basel war ein Flug nach Bilbao organisiert, mittags hin und abends zurück, von Basel nach Karlsruhe ist es ein Sprung, mit welchem Vehikel auch immer.

Dieser kunstkompakte 18. Oktober war natürlich ein Zufall, aber was für einer: Wann war je so viel Kunst wie 1997? Im Frühjahr begann die Serie der Museumseröffnungen mit dem Neubau der Hamburger Kunsthalle und der Einweihung des Hamburger Bahnhofs in Berlin, der Dependance der Nationalgalerie für die Kunst des 20. Jahrhunderts. Im Sommer folgten die großen Ausstellungen: Biennale, documenta, die Skulpturenausstellung Münster und der megalomanische Versuch, unser ganzes Jahrhundert im Berliner Gropius-Bau vorzuführen. Und nun diese Herbsttage, wie man keine sah.

Der Kunst also geht es fabelhaft. Wirklich? Die Ausstellungen haben keine Antwort darauf gegeben. Die neuen Häuser haben, nach höchst unterschiedlichen Entstehungsgeschichten, ihre Bewährungsgeschichte noch vor sich. Man braucht Besucher. Statt baskischer Bomben die Explosionskraft der Kunst: Schöner als in Karlsruhe, in der von Schweger renovierten ehemaligen Produktionshalle einer alten Munitionsfabrik, kann man sich eine Umwidmung nicht vorstellen.

Was aber in der Realität dahintersteckt, wird in Bilbao deutlich, wo das Museum auf dem Gelände des alten, nicht mehr konkurrenzfähigen Industriehafens gebaut ist. Eine Umschuldungsmaßnahme, wie sie übrigens auch die Deutsche Bank vollzieht, die von November an die alte, große Schalterhalle ihres Berliner Stammhauses ganz der Kunst widmen wird.

Keiner hatte 1997 zum Jahr der Kunst ernannt. Wir tun es nachträglich und inoffiziell. Aber bevor wir uns richtig einstimmen auf 1998, das soeben als das Jahr der Feldlerche ausgerufen wurde, steht noch ein Gralstermin aus: die Eröffnung des neuen Getty-Zentrums in Los Angeles Mitte Dezember. J. Paul Getty hatte mit Öl so viel Geld verdient wie wenige. Er hat für den Kauf der Kunst und ihre Erforschung so viel Geld ausgegeben wie kaum einer. Ein schöner Zug an einem häßlichen Mann.

Konsum statt Produktion. Gut abgesichert durch das Spektakel der Inszenierung und die Esoterik der Interpreten vor ihrer eigenen und unserer Ratlosigkeit, soll die Kunst die große Sinnlücke und Freizeitpause füllen. Welch eine Zukunft.