Sie hat es nicht weit gebracht. Ein paar billige Horrorfilme, das ist schon alles. Damals war sie immerhin jung. Jetzt bleibt ihr nur noch die Rolle der alternden Schauspielerin, die trinkt, sich gehen läßt und schläfrig auf dem Sofa liegt, um sich die eigenen Streifen auf Video noch einmal anzuschauen. Ohne Brille sieht sie fast nichts.

Aber dann geht sie aus, läßt sich blicken, zum Beispiel beim Arzt oder in der Hotelbar. Schlägt den Mantelkragen hoch und hüllt sich in ihr Lächeln. Egal, ob sie dem Kellner winkt oder Konversation pflegt, ob sie weint oder küßt oder schlicht die Straße überquert: Jeden Schritt, jede Gemütsregung, jeden Augenaufschlag verwandelt sie in einem atemberaubenden Auftritt, wechselt ihren Part in Sekunden, gibt sich kokett, mondän, mysteriös oder vor Eifersucht rasend und manchmal alles zugleich. Am schönsten sind die winzigen Momente, in denen sie ihr Lächeln, ihren Blick oder ihre haarfein verschleiften Konsonanten zurechtrückt, bevor sie sich beinahe doch vergißt.

Aber nein, diese Frau fällt nie aus der Rolle. Vor der Kamera war sie ein Starlet, im Leben ist sie ein Star. Julie Christie als Phyllis Mann: ein unnahbare, unwiderstehliche Erscheinung - die aufregendste Kinoheldin des Jahres.

"Wir leben in gefälschten Zeiten", sagt Regisseur Alan Rudolph und versammelt in "Afterglow" vier Menschen, die ein gefälschtes Leben führen. Ein junges und ein älteres Ehepaar im kanadischen Montreal: Der geschniegelte Jeffrey Byron (Jonny Lee Miller) markiert den geschäftstüchtigen Yuppie, seine Gattin Marianne (Lara Flynn Boyle) richtet sich in ihrer Zweckehe samt Luxus-Apartement ein, der Handwerker Lucky (Nick Nolte) macht seinem Spitznamen Mister Fix-it-Man alle Ehre und Phyllis, Luckys verhärmte Frau, überläßt sich ihrer Trauer über die vor Jahren weggelaufene Tochter. Jeder sein eigenes Täuschungsmanöver.

Es sind verzweifelt lächerliche Figuren, tote Seelen, die den CD-Player und die Stehlampe genauso per Fernbedienung betätigen wie die eigene Existenz.

Jeder Satz ein Zitat, jede Geste eine Kopie, jede Berührung eine Tyrannei der Intimität. Lucky repariert alles, was klemmt, und beglückt seine reichen, frustrierten Kundinnen als ein Kerl, der noch nach Mann riecht und nicht nach Seife. Hinterher nimmt er ein Schaumbad. Marianne kauft sich ein seidenes Nachthemd und posiert für ihren Gatten wie eine Imitation der Schaufensterpuppe, an der sie das Nachthemd entdeckt hat. Sie will Sex und ein Kind und kreuzt im Kalender die fruchtbaren Tage an. Er gefällt sich jedoch in der Pose der sexuellen Enthaltsamkeit, drechselt Komplimente für die Sekretärin und träumt vom Unmöglichen, am liebsten von einer Welt auf dem Kopf. Aber wenn er auf der Terrasse seines Büros mit dem Sprung vom Hochhaus liebäugelt, bleibt er doch eine Marionette, die ihre eigenen Fäden zieht. So steht sich ein jeder selbst im Weg und macht eine Szene daraus.

Das Stück, das gegeben wird, handelt vom Ehebruch. Marianne gibt sich begeistert dem Handwerker Lucky hin, um endlich schwanger zu werden. Phyllis spioniert in der Ritz-Bar ihrem untreuen Gatten nach und beginnt dort, mit Jeffrey zu flirten. Aber der Seitensprung bringt keine neuen Menschen hervor.