BERLIN. - Als einziges Land der industrialisierten Welt hat Amerika in großem Maßstab die Todesstrafe wiedereingeführt. Achtunddreißig der fünfzig US-Bundesstaaten verhängen sie gegen Schwerstverbrecher. Europäer, vom französischen Präsidenten Chirac an abwärts, führen gewöhnlich Kreuzzüge gegen die Todesstrafe in Amerika, indem sie einen zweiten Dreyfus entdecken, einen "Unschuldigen", der in einem Prozeß von "dubioser" Legitimität "hereingelegt" worden ist. Eines der jüngsten Beispiele für dieses Verhalten ist der Fall des schwarzen Aktivisten Mumia Abu-Jamal, eines ehemaligen Black Panther aus Philadelphia, der für den Mord an einem Polizisten zum Tode verurteilt worden ist. Viele Europäer wollen uns glauben machen, daß verurteilte Männer wie Abu-Jamal ungerechterweise angeklagt und ungerecht verurteilt sind. Ich wünschte, das Leben wäre so einfach.

Obwohl diejenigen, die in Amerika zum Tode verurteilt werden, zu einem überproportional großen Anteil schwarz (vierzig Prozent der Verurteilten im Vergleich zu zwölf Prozent der Bevölkerung) und arm sind, sind sie doch auch auf überwältigende Weise schuldig, Menschen kaltblütig ermordet zu haben.

Abu-Jamal wurde (von einer Jury aus Weißen und Schwarzen) des Mordes an einem Polizisten für schuldig befunden, der seinen Bruder verhaften wollte. Erst schoß er ihn in den Rücken und dann viermal in den Kopf. Drei Zeugen haben ihn identifiziert. Der Polizist hinterließ eine junge Frau und ein Kind. Es mag sehr wohl sein, daß Abu-Jamal aus schwierigen Verhältnissen kam. Aber nichts kann die Blutspuren von seinen Händen wegwischen.

Die Todesstrafe ist in Amerika nicht nur die härteste Sanktion, sie ist auch der überwältigende Ausdruck des Volkswillens. Meinungsumfragen schwanken nach oben und unten, aber etwa siebzig Prozent der Amerikaner befürworten die Hinrichtung von Mördern. Wie im Fall der Revolution der algerischen Fundamentalisten, die in den Wahllokalen triumphierten, kann die zivilisierte Welt mit populären Scheußlichkeiten oft nicht richtig umgehen.

Eine Epidemie von Gewaltverbrechen hat die amerikanischen Städte während der vergangenen dreißig Jahre im Griff gehabt. Es gibt sehr viele Gründe für die Gewalttätigkeit, von der geradezu absurd leichten Verfügbarkeit von Handfeuerwaffen bis zum Zusammenbruch der Familienstrukturen und dem rasenden Mißbrauch harter Drogen in den amerikanischen Städten. Aber es steht außer Frage, daß die Armen am meisten unter der Gewalttätigkeit leiden.

Bedrohte Amerikaner sehnen sich immer nach schnellen Lösungen. Und unsere angriffslustigen Politiker, denen es nie an Mut auf Kosten anderer fehlt, sind nur zu gern bereit, den Ruf nach der Todesstrafe zu unterstützen.

Die Art und Weise, wie die Todesstrafe verhängt wird, legt unvermeidlich alle Unzulänglichkeiten Amerikas bloß. Es ist kein Zufall, daß Schwarze, die Weiße töten, zehnmal so oft eine Hinrichtung erwarten müssen wie Schwarze, die Schwarze umbringen. Darüber hinaus können Reiche, die morden, die Schwächen unseres unvollkommenen Gerichtssystems in einer Weise ausnutzen, von der arme Menschen nur träumen können. Der Prozeß gegen O. J. Simpson zeigt, daß selbst ein schwarzer, aber reicher und berühmter Amerikaner, der des brutalen Mordes an seiner (weißen!) Frau angeklagt war, seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann. Das amerikanische Rechtssystem ist nicht von Grund auf rassistisch. Es ist vielmehr das exakte Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich immer noch mit den Problemen von Rasse und Klasse herumschlägt.