Brasilien im Jahr 2020 werde "eine gleichberechtigtere Gesellschaft" mit gerechterer Landverteilung sein, sagte JoÆo Pedro Stedile kürzlich dem brasilianischen Nachrichtenmagazin Veja. Der Chef der Landlosenbewegung Movimento Sem Terra (MST) könnte recht behalten, denn seine Organisation sucht ihresgleichen in der Welt. Mit Landbesetzungen hat sie das Thema Agrarreform über Lateinamerika hinaus wieder auf die Tagesordnung gesetzt.

Tatsächlich ist die Landfrage längst nicht gelöst, wie der Analysenband "Land und Freiheit" an lateinamerikanischen Beispielen verdeutlicht. Das Buch beschreibt nicht nur die Formen des Widerstandes gegen die ungerechte Verteilung der Ressourcen, die Landlosenbewegung Brasiliens beispielsweise oder die Aufständischen im mexikanischen Chiapas. Es erklärt auch die Gründe für diesen Widerstand, vor allem anhand ökonomischer Daten: Trotz aller Wachstumserfolge leben hundert Millionen Lateinamerikaner unter dem Existenzminimum. Viele darben als Pächter oder Tagelöhner, zugleich stößt die Aufnahmefähigkeit der Städte an Grenzen. Selbst einstige Linke wie Fernando Henrique Cardoso in Brasilien oder René Preval in Haiti forcieren als Staatschefs diesen Prozeß. Gemäß den Anforderungen des Internationalen Währungsfonds werden Hilfen für Kleinbauern gekürzt, so daß Kapital- und Landkonzentration zunehmen und eine exportorientierte Landwirtschaft entsteht, die mit den subventionierten Betrieben in Europa und den Vereinigten Staaten konkurrieren muß.

Zwar gab es in Lateinamerika viele Ansätze von Agrarreformen. Doch die Autoren zeigen, warum sie mißlungen sind. So offerierten "Landfonds" oder "Bodenbanken" in Mittelamerika oder Brasilien staatliche Gebiete oder unberührte Wälder ("Land ohne Menschen für Menschen ohne Land"). Die oft viel zu kleinen Flächen brachten aber wegen schlechter Bodenqualität wenig Ertrag, und die Bauern verschuldeten sich. Zudem fehlen technologische Hilfen, Agrarberatung und Kredite.

Die Analysen mahnen, den Landkonzentrationsprozeß mit seinen verheerenden Folgen zu stoppen. Ein zusätzlicher Verdienst des Bandes ist es, daß die rigiden Verstaatlichungen und die Benachteiligung privater Kleinbauern in Kuba ebenso dezidiert gerügt werden, da sie dort zu schlimmen Engpässen geführt haben. Ein umfassendes Reformkonzept bietet das Buch jedoch nicht - wie auch? Es appelliert jedoch, internationale und nationale Agrarpolitik müsse künftig viel mehr die Betroffenen und die sozialen Bewegungen einbinden.

Der MST in Brasilien wartet nicht auf solche Angebote. Die Landlosen haben gelernt, daß nur eigenes Handeln Erfolge erzielt. Ihre Bewegung treibt die Landbesetzungen voran, organisiert so pragmatisch das okkupierte Land, daß der Elite der Atem stockt. Den Vorwurf des Umsturzes lassen MST-Anführer nicht gelten: "Revolution nein, wir wollen den Kapitalismus reformieren."