Für uns ist der Krieg vorbei, die Waffen schweigen", verkündete Denis Sassou Nguesso, der Rebellenführer, und ernannte sich selber zum vorläufigen Staatschef von Kongo. Die Bilanz nach viereinhalb Monaten Bürgerkrieg verschwieg er: 5000 bis 8000 Tote, ein Heer von Flüchtlingen, die malerische Hauptstadt Brazzaville in Trümmern.

Eigentlich sollte längst ein neuer, demokratisch legitimierter Präsident regieren. Die Wahlen waren für Ende Juli angesetzt. Weil sich der korrupte Amtsinhaber Pascal Lissouba eines Sieges per Wahlzettel nicht sicher sein konnte, setzte er auf Waffengewalt. Die Armee griff die Cobra-Milizen seines schärfsten Widersachers Sassou Nguesso an. Doch die Aggressoren wurden im Häuserkampf zurückgeschlagen. Zuletzt sprangen den Milizen Invasionstruppen aus Angola bei. Innerhalb von zwei Wochen fielen Brazzaville, das politische Machtzentrum, und Pointe Noire, die wirtschaftliche Metropole des Kongo.

Die neutrale Außenwelt weiß noch nicht so recht, was sie vom Umsturz halten soll. Einerseits wurde ein moribundes Regime ausgehebelt, andererseits hat sich ein zwielichtiger Mann zurück an die Macht geschossen, der die einst sozialistische Volksrepublik Kongo dreizehn Jahre lang als Diktator regiert und erfolgreich ruiniert hatte. Ein gewählter Präsident sei durch Militärs gestürzt worden, gibt Greg Mills vom südafrikanischen Institute for International Affairs zu bedenken. "Es handelt sich um eine Neuauflage jener blutigen Politik in Afrika während des Kalten Krieges." Die Vereinten Nationen haben zwar den Husarenstreich der Angolaner einhellig verurteilt, waren zugleich aber erleichtert: Die geplante Interventionstruppe, die ohnehin niemand so recht wollte, war überflüssig geworden. Es ist auch besser so, denn vermutlich blieb den Blauhelmen eine neuerliche Blamage erspart. Wie hätten sie sich etwa verhalten sollen, als Präsident Laurent Kabila tausend Soldaten über den Fluß nach Brazzaville schickte? Kinshasa, die benachbarte Hauptstadt des ehemaligen Zaire, das mittlerweile auch Kongo heißt, war mit Artilleriegranaten beschossen worden Kabilas Stoßtrupp rächte sich an beiden Bürgerkriegsparteien. Was hätte die UN-Truppe unternehmen können gegen die Luftangriffe angolanischer Kampfbomber vom Typ MiG 21 oder gegen die zwei Panzerbrigaden, die aus dem Süden in den Kongo rollten?

Die Einmischung der Angolaner war kriegsentscheidend. Ihre Blitzinvasion stürzte die Regierung im Nachbarland, galt aber den Rebellen im eigenen Land: der Unita Jonas Savimbis und einer Splittergruppe, die unter dem Kürzel FLEC für die Autonomie der Öl-Enklave im angolanischen Cabinda kämpft. Das Regime in Brazzaville war die wichtigste Zuflucht und die einzige noch intakte Nachschubbasis für Angolas Aufständische, nachdem sie unlängst ihren Hauptsponsor Mobutu Sese Seko verloren hatten. Nach der Vertreibung seines letzten Alliierten in Brazzaville ist Jonas Savimbi vollends isoliert, und es mehren sich die Anzeichen für eine finale Großoffensive des Regimes in Luanda gegen die Unita.

Durch den Einmarsch im Kongo hat sich Angola als Regionalmacht etabliert. Man ließ Präsident Eduardo dos Santos und seine Generale ungestraft gewähren, denn hinter den Fronten des kongolesischen Bürgerkrieges mischten zwei jener Mächte mit, die im UN-Sicherheitsrat das Sagen haben und denen im Zweifel wirtschaftliche Interessen in Zentralafrika wichtiger sind als friedensstiftende Missionen: Amerika und Frankreich. Die Küstenregion von Angola, Kongo, Gabun bis hinauf nach Nigeria wird wegen ihrer enormen Ölreserven - nach groben Berechnungen rund fünfzehn Milliarden Barrel - neuerdings das "zweite Saudi-Arabien" genannt. In den kommenden zwei Jahrzehnten werde die Ölindustrie nahezu einhundert Milliarden Mark investieren, schätzt die südafrikanische Wirtschaftszeitung Business Day.

Längst ist zwischen französischen und amerikanischen Ölkonzernen ein Wettlauf um Milliardenprofite entbrannt. Washington alimentierte den gestürzten Lissouba kräftig mit Waffen, denn er hatte das Fördermonopol des französischen Konzerns Elf Aquitaine aufgebrochen und US-Konkurrenten wie Occidental Petroleum angelockt. Paris zwang Lissouba zwar, den Kontrakt mit der amerikanischen Firma wieder zu kündigen, schwenkte aber zur rechten Zeit auf Rebellenführer Sassou Nguesso um. Man hat aus dem Desaster von Zaire gelernt: Mobutu Sese Seko war im Frühjahr mit Schande aus dem Land gejagt worden, und Frankreich, sein treuer Bundesgenosse, mußte den Schimpf ertragen. Diesmal setzte die ehemalige Kolonialmacht aufs richtige Pferd, auf den wiederauferstandenen Militärherrscher Sassou Nguesso. Der wiederum versuchte, die Antipoden aus dem Norden gegeneinander auszuspielen: Im April nahm er in Paris großzügige Militärhilfe in Empfang. Anschließend dinierte er mit zwei CIA-Abgesandten und soll Konzessionen für amerikanische Ölmultis versprochen haben.

Nicht auszuschließen, daß bei dieser Gelegenheit auch über den klammheimlichen Rückzug Washingtons geredet wurde. Es fiel jedenfalls auf, wie Lissouba, bei seiner Wahl 1992 noch als Demokrat gebauchpinselt, plötzlich im Kugelhagel allein gelassen wurde. Auch der Überfall der Angolaner wurde vom State Department nur halbherzig verurteilt. Man will es sich mit dem ehedem marxistischen Regime in Luanda, auf dessen Seite man sich nach dem Ende des Kalten Krieges geschlagen hatte, nicht verderben. Wenn nämlich die Prognosen der Geologen zutreffen sollten, wird Angola im Jahre 2020 zu den wichtigsten erdölproduzierenden Staaten der Welt gehören. Schon heute sprudeln aus seinen Quellen rund 720 000 Barrel pro Tag.