Der Schauspieler ist groß und mächtig, und wenn er sich vor lauter Mächtigkeit auch gern etwas gebückt hält, sieht er in Hotelspiegeln doch nie seine Stirn. "Der Spiegel hängt am Hirn", notiert er, denn er ist nicht nur ein reisender, sondern auch ein schreibender Schauspieler, und schreibt weiter: "Ich glaube nicht, daß sich ein Hirn in einem andern spiegeln kann.

Ich halte das Hirn, solange es noch nicht auf dem Seziertisch liegt, für das Unverwechselbarste, was wir an uns haben, und fürchte deshalb, daß der Spiegel, der sprichwörtliche, den ein Mensch einem anderen vorhalten will, nichts anderes ist als das Brett vor seinem eigenem Kopf."

Die Sätze kenne ich noch nicht, als ich Sepp Bierbichler im Sommer zum ersten Mal treffe, kurz vor Mitternacht in der Kantine des Hamburger Schauspielhauses, nach "Kasimir und Karoline", Marthalers vierstündiger Oktoberfest-Passion. Ohne Zeichen der Erschöpfung, im Gegenteil, mit aufgeladenen Batterien steuert B., eine Maß Bier in der Linken, eine Havanna in der Rechten, die Schritte auf seine unnachahmliche Art wie auf Moos setzend, in leichter Kurve vom fröhlichen Schauspielertisch auf meine einsame Ecke zu.

"Sie meinen also, Sie brauchen eine persönliche Begegnung für das Portrait?"

Er hat sich zu mir hinabgebeugt, bis Stirn fast an Stirn, Hirn fast an Hirn ist. Sein genußvoller Sarkasmus bringt mein Ansinnen lautlos zum Einsturz.

Doch es kommt noch besser: "Ich mache meine Arbeit, und Sie machen Ihre. Ich kann Sie nicht hindern, über mich zu schreiben, aber Sie können mich auch nicht zwingen, daran mitzuwirken."

Eben habe er Michael Skasas Portrait im letztjährigen Jahrbuch von Theater heute noch einmal nachgelesen, das mit den ausführlichen bayerischen O-Tönen.