ZEIT: Einen solchen Test müssen die Regierungschefs Ende November auf ihrem "Beschäftigungs-Gipfel" bestehen: Für den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit hatten sie bisher zwar viele warme Worte übrig, doch geschehen ist wenig.

JUNCKER: Auch nach dem Gipfel bleibt Beschäftigungspolitik zu allererst eine nationale Aufgabe. Aber wir müssen beweisen, daß in Europa zwei plus zwei mehr als vier ist: Wenn wir gemeinsam handeln, erreichen wir mehr. Über Jahre haben wir den Eindruck erweckt, als sei der Euro ein sozialpolitisches Folterwerkzeug. Diese Fehlleistung müssen wir dringend korrigieren.

ZEIT: Was konkret schlagen Sie vor?

JUNCKER: Wir müssen umsteuern, bisher ist unsere Politik viel zu passiv. Die fünfzehn EU-Staaten stecken jährlich die gewaltige Summe von 400 Milliarden Mark in ihre Beschäftigungspolitik. Aber davon gehen nur etwa 30 Prozent in aktive Maßnahmen wie Umschulung, Fortbildung oder neue Jobs, 70 Prozent fließen in rein passive Zahlungen wie Arbeitslosengeld. Von hundert Arbeitslosen in Europa nehmen zur Zeit gerade mal zehn an einer Aus- oder Fortbildung teil. Der Gipfel sollte zum Beispiel beschließen, ihre Zahl innerhalb von fünf Jahren auf wenigstens 20 oder 25 Prozent zu steigern.

ZEIT: Die deutsche Regierung hat zuletzt das genaue Gegenteil getan und ihre Ausgaben für Umschulung oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gekürzt. Glauben Sie, daß Bonn seine Politik ändert, nur weil ein EU-Gipfel dies empfiehlt?

JUNCKER: Mein Modell ist der Maastrichter Vertrag: Die Konvergenzkriterien haben in Europa zu einem edlen Wettbewerb solider Politik geführt. Dieselbe Methode will ich jetzt für die Beschäftigungspolitik - einen edlen Wettbewerb für mehr Jobs. Wenn jeder Regierungschef einmal im Jahr seinen Kollegen berichten muß, wieso er seine Etappenziele nicht erreicht hat, sieht er schlecht aus. Das schafft Druck - vor allem, wenn andere Länder gleichzeitig schildern, daß sie mehr geschafft haben. Keiner ist gern der Letzte.

ZEIT: Wollen Sie etwa für ganz Europa eine Halbierung der Arbeitslosigkeit beschließen?