ZEIT: Ist das noch Solidarität?

JUNCKER: Wenn jemand ohne eigenes Verschulden arbeitslos wird und die Gemeinschaft ihn unterstützt, dann ist das die soziale Pflicht der Gesellschaft. Aber Solidarität ist keine Einbahnstraße. Auch Arbeitslose sind zur Solidarität verpflichtet. Ich will ja niemanden schikanieren, ich will die Leute qualifizieren, damit sie leichter eine Stelle finden. Ich weiß, demnächst heißt es, ich wolle einen neuen Arbeitsdienst schaffen. Aber die Alternative heißt Heimdienst, das ist keinen Deut besser.

ZEIT: Hat der Job-Gipfel überhaupt Aussicht auf Erfolg? Es gibt Widerstände, auch aus Bonn: Die Bundesregierung fürchtet, aus klaren, quantifizierbaren Zielen folgen unweigerlich teure Programme.

JUNCKER: Das stimmt nicht, wir brauchen nicht mehr Geld. Und wenn jedes Land sich auf ein Aktionsprogramm verpflichtet und etwa sagt, wie und bis wann es die Lohnnebenkosten senkt oder daß es die Mehrwertsteuer auf arbeitsintensive Dienstleistungen senken will, dann passiert endlich was. Bisher haben Europas Staats- und Regierungschefs sich immer nur auf breite literarische Übungen verständigt. Die Vorstellung, das zu wiederholen und dann in einem Jahr erneut festzustellen, daß nichts passiert ist, die ekelt mich - mit Verlaub gesagt - regelrecht an. Einen weiteren Literaturgipfel lasse ich nicht zu.

Das Gespräch führten Thomas Hanke und Christian Wernicke