Das Wort Pflicht muß einen eingebauten Erregungsmechanismus besitzen.

Offensichtlich verbinden fortschrittlich gesonnene "Kinder der Freiheit" (Ulrich Beck) damit in unangenehmer Weise "Sekundärtugenden": Pünktlichkeit und Ordnung, Fleiß, Disziplin und Kaugummiverbot, das ganze unterdrückerische Waffenarsenal des Spießbürgers. Anders sind die heftigen Reaktionen auf die "Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten" (ZEIT Nr. 41/97), die Helmut Schmidt gemeinsam mit anderen ehemaligen Staats- und Regierungschefs formuliert hat, nicht zu verstehen.

Constanze Stelzenmüller befürchtet, der Pflichtenkatalog könne zum Einfallstor für alle "autoritären Regime werden, die Menschenrechte relativieren" wollten (Nr. 42). Und Thomas Kleine-Brockhoff findet gar, das Manifest hätte besser überhaupt nicht verfaßt werden sollen - "auch lautere Absichten", schreibt er, "können schlimme Folgen zeitigen" (Nr. 43). Zu denen gehört anscheinend eine "alarmistische Gesellschaftsanalyse".

Spricht hier die Ego-Polizei der Individualisierungsgewinner? Muß, wer ihren ein wenig gnadenlosen Optimismus nicht teilt, mit der Verurteilung zum Reaktionär rechnen? Die Schattenseiten der Individualisierung sind nur mit einer gewissen Hartnäckigkeit zu übersehen: Vermutlich stört die Verwahrlosung der öffentlichen Räume die Jungen und Starken weniger als die Alten und Schwachen wer keine Kinder hat, muß sich nicht allzusehr um Jugendgewalt und steigenden Drogenkonsum sorgen wer Techno für eine politische Bewegung hält, braucht sich um die Demokratie keine Gedanken zu machen.

Alle anderen aber dürfen ein wenig erschrocken vor den gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen dreißig Jahre stehen und sich fragen, ob sie genau so eigentlich leben wollten. Der Pflichtenkatalog leistet hier einen wertvollen Dienst: Er thematisiert die Frage, ob in der gegenwärtigen Situation ein größeres Maß an individueller Freiheit geeignet ist, unser Zusammenleben zu verbessern.

Einiges spricht dagegen. In der modernen, unwiderruflich globalen Gesellschaft sind die Menschen wie nie zuvor aufeinander angewiesen, und sie müssen mehr und mehr Rücksicht aufeinander nehmen, wenn dieser Zustand erträglich bleiben soll. Daß ihnen dies auch nur einigermaßen gelingt, ist, wie es der Soziologe Norbert Elias beschrieb, das Ergebnis eines langen Distanzierungsprozesses - das Individuum findet Abstand, zu sich selbst und zur Gesellschaft. Auf einer hinlänglich lebenswerten Zivilisationsstufe hat der einzelne Mensch das, was ihm früher als Fremdzwang auferlegt und mühsam gegen ihn durchgesetzt werden mußte - etwa der Verzicht auf das Recht des Stärkeren -, als Selbstzwang verinnerlicht. Dieser Selbstzwang enthält, bis hin zu bestimmten, wandelbaren Formen der Höflichkeit, alle Zurückhaltung, die das gemeinschaftliche Leben von Menschen erst ermöglicht. Doch das zivilisatorische Niveau ist bedauerlicherweise nicht so sicher wie ein Festgeldkonto für Rückfälle in die Barbarei bietet unser Jahrhundert genügend Beispiele. Es ist also keineswegs alarmistisch, wenn Pädagogik, Publizistik und Politik einer kritischen Bestandsaufnahme unterzogen werden: Drei Jahrzehnte lang haben sie sich überwiegend auf die Vermehrung der individuellen Rechte und deren Durchsetzung konzentriert. Ob eine Fortsetzung dieses Trends dabei hilft, in Zeiten der Krise ein möglichst selbstbestimmtes, konfliktfreies und sinnerfülltes Leben der Menschen zu gewährleisten, ist fraglich.

Wo es viel Platz gibt, viel Geld und viele Chancen, da mag es zur Sicherung eines funktionierenden Gemeinwesens genügen, die Rechte des anderen zu achten und Mord und Totschlag zu verhindern. In einer solchen Situation reicht möglicherweise auch ein Nachtwächterstaat hin, der seinen Bürgern die Freiheit garantiert, je nach ihren Möglichkeiten auf die Bahamas zu fliegen oder nicht und die "Freiheit zur Dummheit, zur Irrationalität, zum Irrtum, sogar zum Desinteresse an gemeinschaftlichen Werten", die der von Thomas Kleine-Brockhoff bevorzugte Freiheitsbegriff einschließt, schadet nicht weiter.