Die Zuschauerin

Eigentlich wollte Ursel Siegler nur in Ruhe ihren Erbseneintopf zu Ende essen und danach ein Käffchen auf der Terrasse trinken. Sie wollte den Spätsommer genießen. Doch auf einmal riefen die Schwestern "raus", und nun sitzt Ursel Siegler in einem Reisebus und fährt "irgendwo zum Fernsehen". "Ich wollte nicht mitfahren, weil ich doch fast kein Einkommen habe", sagt sie leise, "aber Schwester Elisabeth hat mich überredet."

Acht Frauen aus dem Altenheim Luther-Stift in Wuppertal hat Schwester Elisabeth organisiert. "Wir kommen ins Fernsehen", sagt eine von ihnen. Daß sie nach Hürth fahren, wissen sie nicht. Und daß sie in einem stickigen Studio bei einer Karten-Rate-Show drei Stunden "höher" und "tiefer" brüllen müssen, hat ihnen niemand gesagt. Die Frauen sind über siebzig Jahre alt, nicht mehr gut zu Fuß, und die Hitze im Bus läßt ihren Atem kürzer werden.

Nichts müßten sie für die Reise bezahlen, hatte Schwester Elisabeth versprochen. Ursel Siegler glaubt es nicht so recht und hält mit beiden Händen ihre kleine blaue Handtasche fest. Aber ihre Sorge ist unbegründet.

Die Busfahrt bezahlt die Fernsehproduktionsfirma Fremantle. Das Unternehmen bescherte dem deutschen Fernsehpublikum im vorigen Jahr 1300 Game-Shows, darunter "Der Preis ist heiß", eine Preis-Rate-Sendung, deren Niveau für Jahrzehnte schwer zu unterbieten sein wird. Im Sommer hat es die Kartenverkaufsabteilung von Fremantle schwer, die Fernsehstudios in Hürth bei Köln zu füllen. Bis Juni kamen noch Kegelclubs und Hauptschulklassen. Nun wollen nicht mal mehr die, und deshalb betteln die Ticketing-Mitarbeiter bei Kirchen und beim Wuppertaler Luther-Stift um Zuschauer.

Daß überhaupt Gäste im Studio sind und der Applaus nicht vom Band eingespielt wird, liegt an Moderatoren wie Elmar Hörig. Der ehemalige Gymnasiallehrer moderiert die Rate-Show "Bube, Dame, Hörig", und er glaubt daran, vor richtigem Publikum bessere Witze zu machen. Das "Happy Birthday" für seine Assistentin Mio hätten sie wie ein "kastrierter Knabenchor" gesungen, sagt er den alten Frauen im Publikum und grient. Außerdem sollten sie beim Singen auf ihre dritten Zähne achten. Ursel Siegler lächelt verlegen. Sie ist blaß und sieht müde aus.

Es sind Menschen wie die allein lebenden Frauen aus dem Luther-Stift, die schon am Vormittag von Talk-Show zu Game-Show zappen und den Sendern Quote bringen. Selbst wenn die Talk-Moderatorin Bärbel Schäfer um 14 Uhr mit frühreifen Mädchen über das Thema "Mein Freund muß beschnitten sein" redet, sind rund sechzig Prozent der Zuschauer über sechzig Jahre alt.